Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Anschütz, Rolf アンシュツ・ロルフ (1933-2008), Koch und Gastronom 東ドイツの料理人

"Da draussen sitzt ein echter Japaner, Sie sollen für ihn kochen" - Japanisches Essen im beschaulichen Thüringen

 Rolf Anschütz  ( Videos zu Rolf Anschütz) hat in seinem japanischen Restaurant in  Suhl in Thüringen 1.940.000 Gäste zu Zeiten der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) über Jahrzehnte hinweg bewirtet, als sich in der Bundesrepublik Deutschland keiner den heutigen Siegeszug japanischer Restaurants hätte vorstellen können. Darunter sollen Tausende von Japanern gewesen sein.

 Überregional bekannt wurde er nun in Deutschland durch den Film " Sushi in Suhl". Für seine Verdienste um die Verbreitung der japanischen Kultur auf kulinarischem Weg wurde er mit einem Orden des Kaiserreiches Japan geehrt. Die Reise zur Entgegennahme dieser Auszeichnung war das einzige Mal, dass er japanischen Boden betrat. Ansonsten blieb er in seinem Heimatort im südlichen Thüringen.

Reich oder wenigstens wohlhabend wurde Rolf Anschütz auch nicht mit dem grandiosen Erfolg seines japanischen Restaurants in dieser abgelegenen Gegend in einem Staat, der sich selbst einmauerte. Denn sein Lokal "Waffenschmied" 「ウフェン・シュミト」, ursprünglich im Privatbesitz seit drei Generation der Familie von Rolf Anschütz mit langer Tradition thüringischer Küche, war in der DDR Eigentum der  staatlichen HO, die ihn zeitlebens zu geringem Gehalt angestellt hatte.

Was war es, dass Rolf Anschütz in so widersprüchlicher Weise einen festen Platz in den deutsch-japanischen Beziehungen beschehrte? Die Antwort gab er selbst einmal, als er sich als Vogel in einem Käfig bezeichnete, der aber wenig Neigung habe davon zu fliegen. So hatte er es geschafft, sich in einer in der DDR revolutionären Kehrtwendung weg von deren dort geschätzter provinziellen Esstradition hin zur internationalen Essenskultur aus einem Land des "Raubkapitalismus" zu wenden. Sein Antrieb war nicht der materielle Ehrgeiz einer starken Persönlichkeit gewesen, sondern der Wille einer starken Persönlichkeit etwas Grosses aus dem zu machen, was ihm in seiner eingeschränkten Umgebung möglich war. Dies waren exzellente Kochkunst und ihre kulinarische Darbietung mit einer exotischen Qualität, die überall in der Welt, auch im abgelegensten Winkel des Mauerstaates, verstanden und geschätzt wird: Japan.

Davon erzählt der Film "Sushi in Suhl". Er tut dies ohne jedes Interesse an japanologischer Korrektheit, allein aus einer sehr lokalen deutschen Perspektive der Exotik dieses fernöstlichen Landes. Dies unternimmt er intelligent, einfühlend mit beeindruckender Kameraführung und hervorragenden  Schauspielern. Der Humor dieser Komödie kommt nicht krachig daher wie in ähnlich thematisierten deutschen Filmen, zum Beispiel in " Japaner sind die besseren Liebhaber" oder " Erleuchtung garantiert". Leises Schmunzeln und nur wenige laute Lacher ruft diese cineastische, exotisch-groteske Erzählung über Rolf Anschützens japanisches Restaurant beim Zuschauer hervor, ganz wie wohl die Aura der Person Rolf Anschütz selbst war.

Der Film steht damit in einer literarischen Tradition und lässt an den heute weitgehend vergessenen deutschen Roman " Jacqueline und die Japaner",, an  Franka Potentes japanische Kurzgeschichten in ihrem Buch "Zehn" oder gar den italienischen Bestseller  "Seide" von Baricco denken. Nicht zufällig teilt Rolf Anschütz mit letzterem Literaten das Symbol des "Käfigs", der bei Baricco die größere Voliere ist. Wofür bei dem Italiener die Erotik steht, ist es bei dem Thüringer Anschütz die japanische Kochkunst: Dort drinnen, in Voliere und Käfig, fliegen ihre Träume „vor dem Himmel geschützt“ umher. Es sind solche Träume oder auch Fluchtwege der Sehnsucht, die dann „mit großen blauen Flügeln“ in den Himmel flattern.


Die Wahrnehmung der DDR in Japan

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Verlag: Bln, Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik,
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