Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Ayano Mutsuko 綾野睦子 (1956-1983), Studentin 留学生

In Deutschland ermordete japanische Austauschstudentin der Germanistik

Foto links: Quelle: Universität Trier, "Mutsuko Ayano Briefe"; alle anderen Fotos, Hans-Konrad Rode

"In der Grundschule, während des Naturkundeunterrichtes, hat Herr Fukuda ein Bild...gezeichnet und die Kinder gefragt, wie das Wetter auf dem Bild sei. Wir alle antworteten: 'Schnee'. Aber der Lehrer sagte uns: 'Falsch! Es ist heiter, weil die Sonne scheint, wenn auch Schnee liegt.' Na so was" (Brief Mutsuko Ayano vom 9.2.1993)

 Gedenken an Mutsuko Ayano

Die junge und lebensfrohe japanische Studentin der Germanistik, Mutsuko Ayano, kam 1981 mit großen Hoffnungen zum Auslandsstudium nach Deutschland wie Tausende ihrer Kommilitonen aus ihrem Heimatland vor ihr im Rahmen der ein und ein halbes Jahrhunderte traditionell engen deutsch-japanischen Beziehungen. Sie schrieb: "Mein Interesse an der Welt der deutschen Sprache kennt keine Grenzen, auch wenn ich sie so lange studiert habe." (Brief vom 5.4.1982)

Dort fand sie zunächst jedoch eine kulturell und gesellschaftlich neue Umgebung vor, die sie so gar nicht erwartet hatte: "Traurig und mutlos" hatte sie sich nach ihrer Ankunft gefühlt, hatte das Empfinden, dass "diese Gesellschaft mich als Mensch nicht braucht...hier scheint es keinen Menschen zu geben, der ein einfühlsames Herz besitzt, der die Wünsche des anderen erahnt und in aller Stille erfüllt, ohne daß ein Wort fällt."" (Brief 11.5.1981)

Und, so meinte die aus japanischem, traditionell behüteten Familienumfeld ins individualistische Deutschland gekommene junge Frau: "Eine wie ich...hat es schon schwer, das Leben hier zu organisieren."

Sie illustrierte dies in ihren Berichten in ihre Heimat - humorvoll und jugendlich unbekümmert - u.a. an dem im Vergleich zur Dienstleistung in Japan doch recht anderen deutschen Gegebenheiten, zum Beispiel an denen im Gastgewerbe, in dem "Durchsetzungsvermögen...am notwendigsten ist....man bekommt hier einfach nichts zu essen, wenn man nur still da sitzt. Nun, zunächst macht man die Tür auf, tritt ins Restaurant und sucht einen freien Tisch, der nicht reserviert ist; dann sucht man den 'Herrn' Kellner" oder die 'Frau' Kellnerin und ruft: 'Bitte bringen sie die Speisekarte!' ...Man muss dann geduldig warten, bis die Bedienung eine bringt. Danach ruft man die Kellnerin herbei und gibt die Bestellung auf. Nachdem eine lange Zeit vergangen ist, kann man endlich essen. Es kommt zwischendurch weder ein Gläschen Wasser noch ein Erfrischungstuch" - wie es Mutsuko im japanischen Alltag gewohnt war. (Brief, 15.5.1981)

Diese japanische Studentin war eine scharfe Beobachterin ihres neuen, deutschen Lebensumfeldes: "Es ist hier keine Tugend der Frau, still dem Mann zu folgen. Deshalb preisen sich die Frauen an. Sie loben sich selbst und finden nichts dabei. Sie verhalten sich nicht wie in Japan, nach dem Motto: 'Der schlaue Adler versteckt seine Krallen ', sondern sie sind aktiv und schreiben sogar: 'Ich kann dies und jenes, ich habe diese und jene Vorzüge.' " (Brief vom 12.2.1983)

Aber sie blieb nicht bei Lamentieren stehen, sondern verarbeitete ihre Eindrücke konstruktiv: "Ich merke, daß in mir noch einiges von der japanischen Frau geblieben ist; von der japanischen Frau, die drei Schritte hinter ihrem Mann her trippelt. Es ist mir klar geworden, daß ich selbst stark werden muß." (Brief vom 12.2.1983)

Die Japanerin Mutsuko Ayano verfolgte dieses Ziele der Anpassung an das deutsche Umfeld konsequent, aber nicht unter Aufgabe ihrer japanischen Identität. Sie selbst schrieb in einem munteren Metapher, daß sie in Europa hineinschmelzen wolle, aber nicht wie Salz, das sich auflöse, sondern wie Zucker, der Wasser in sich aufsauge und, die eigenen Moleküle zusammenhaltend, andere in sich aufnehme. (Brief vom 28.9.1981)

Zwei Jahre später klangen die Berichte nach Hause der nun selbstbewußt ihren Platz in der deutschen Gesellschaft gefunden habenden, jungen japanischen Studentin Mutsuko Ayano daher ganz anders. So beschrieb sie ihren japanischen Eltern beispielsweise ihre eigenständige Haltung ihrem deutschen Freund gegenüber so: Dieser habe sie telefonisch gefragt, ob sie mit ihm gemeinsam verreisen wolle, nachdem sie diesen Vorschlag offensichtlich schon zuvor abgelehnt hatte: "Aber ich sagte ihm: 'Wenn ich nein sage, heißt das nein!' und blieb zu Hause...ich kam nach Deutschland und habe hier vieles gelernt."

In diesem  Zusammenhang folgerte sie für ihr eigenes, in Deutschland erfahrene Verständnis des Verhältnisses von Mann und Frau unter Hinweis auf die Beziehungen zwischen japanischen Ehepartnern, entsprechend denen die Frau "dem Mann zu dienen hat, und...erdulden muß... Ich kann deshalb dieser japanischen Art zu denken nicht mehr so recht folgen. Ich meine, eine Familie ist nicht eine Einrichtung, in der nur der Mann allein das Sagen hat, sondern eine Familie ist das, was ein erwachsener Mann und eine erwachsene Frau zusammen aufbauen." (Brief vom 5.4.1983)

Dieser Lernprozess hätte zur Bildung und Erweiterung von Mutsukos persönlichen Erfahrungsbereich auf dem Weg in das Erwachsenenleben sicherlich beigetragen - hätte sie die Früchte ihres jugendlichen Enthusiasmus und ihres Wagemutes auch ernten können: Durch ihre Ermordung aus nichtig erscheinendem Anlaß - sie war zudem ein vom Mörder zufällig ausgewähltes Opfer - wurde jedoch ihrem Leben ein plötzliches und unter ihren unzähligen studentischen Vorgängern, die zum Studium von Japan nach Deutschland gekommen waren, wohl nie geschehenes Ende gesetzt. Auf einem Spaziergang durch den Wald wurde sie von einem Gelegenheitsarbeiter überfallen, beraubt und niedergemacht. Einige Tage später erlag sie ihren Verletzungen im Krankenhaus.

Das völlig Unerwartete und Schreckliche dieses Vorfalles zeigt sich in der Gegenüberstellung mit Mutsuko Ayanos eigenen Empfindungen, mit denen sie ihre Spaziergänge gewöhnlich unternahm: "Es macht mir auch sehr viel Spass, durch die Weinberge zu gehen und in den Wäldern hübsche Spaziergänge zu finden. Es ist schön, Natur in der Nähe der Stadt zu haben." (Brief vom 18.5.1982)

Noch einige Monate vor ihrer Ermorderung hatte die tiefsinnige und ihre Lebensumwelt und ihre eigene Persönlichkeitsentwicklung genau erfassende junge Frau in einem Brief an ihre Eltern über eine 'Konfrontation' sinniert, die aus unserem Wissen um die Realität ihres Lebensweges einige Monate später eine nicht fassbare, unentrinnbare Dimension unseres täglichen Lebens bewusst werden läßt:

"In der letzten Zeit werde ich wieder mit der ungeheuren Frage, was das Leben eigentlich ist, konfrontiert. In den letztenTage denke ich darüber nach, wie es wohl nach dem Tod ist. Dann bekomme ich unbeschreibliche Angst und habe zugleich den Wunsch, irgendetwas Bedeutendes zustande zu bringen, solange ich noch lebe.

Diese Angst und dieser Wunsch beherrschen mein ganzes Denken. Wie ist das, wenn ich nicht mehr denken kann, nichts mehr sehen kann und fühlen kann? Was bedeutet es, daß meine Existenz vollständig ausgelöscht ist?

Früher habe ich gerne Kriminalromane gelesen und habe mich amüsiert über Szenen, in denen einer nach dem anderen umgebracht wurde. Ein Mensch lebt so oder so bis zu seinem Tod, aber wenn ich an den Tod denke, wird die Frage, wie man leben soll, immer mehr von einer fernen, einer philosophischen Frage zu einer sehr nahen, sehr persönlichen Frage für mich."
(Brief vom 2.4.1983)

Nur sieben Monate später wurde Mutsukos "nahe, sehr persönliche Frage" im Lebenalter von gerade einmal 26 Jahren brutale Wirklichkeit, die uns in Fassungslosigkeit stürzt.

Aber wie dieser unbegreiflichen Realität des "Bösen" auf zwischenmenschlicher Ebene von den Betroffenen, in erster Linie durch Mutsukos japanische Eltern, konkret geantwortet wurde,  ist für jeden Menschen, der unversehens mit dem 'Unerklärlichen' konfrontiert ist, ein ermutigendes Fanal des Lebenswillens und der zwischenmenschlichen Verbundenheit über alles menschliche Erschrecken unverschuldeter Tragik und Ungerechtigkeit hinaus: 

"Trotz ihres Schmerzes und noch in Ungewissheit darüber, wer dieses schreckliche Verbrechen begangen hatte, setzten sich die Eltern Mutsukos dafür ein, das 'Herzenzanliegen' ihrer Tochter , die deutsch-japanische Freundschaft,  weiterleben zu lassen... Mit einer großherzigen Spende legten sie den Grundstein für eine Stiftung, den Mutsuko-Ayano-Fonds, der es japanischen Studenten ermöglichen sollte, in Trier 'im Geiste der Verstorbenen ihre Studien zu absolvieren.' "
, wie es im Vorwort zur Neuauflage der Sammlung der Briefe von Mutsuko Ayano, die sie während ihres Deutschland-Aufenthaltes nach Hause geschrieben hatte, heißt.

Weiterführende Quellen und Informationen:

 

Universität Trier (Hrsg.): "Mutsuko Ayano. Briefe", Trier, Neuauflage 1999
( bei Amazon)

Der Kriminalfall Mutsuko Ayano:  Bericht von Wolfgang Dahmen, Kriminaldirektor a.D. und Mitbegründer der DJG Trier
(mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Die japanische Studentin der Germanistik in Trier,  Mutsuko Ayano (1)  und
 Mutsuko Ayano (2)

Mutsuko Ayano: " Totgetreten wegen 50 Mark"

" Gedenken an Mutsuko Ayano"

 Japanische Stiftungen in Deutschland

 綾野 睦子 (), 綾野 豊, 長谷川 つとむ、「睦子、留学は終わったよ―西ドイツで悲しみの死 」三修社 : 198411


Die "Mutsuko-Ayano-Strasse" in Trier

Informationen & Quellen 参考文献


-------------------------------------------

 綾野睦子奨学金
(OGU Osaka Gakuin University)

1981年からロータリー奨学生としてトリア大学の大学院に留学されていた綾野睦子さんは、19831117日、大学へ通う途中強盗に襲われ重傷を負い、意識の戻らぬまま27歳という若さで、同年1121日に帰らぬ人となりました。その後、睦子さんのご両親の寄付発意により、トリア大学は「綾野睦子奨学基金」を創設、さらにドイツ語学の博士号取得に向けて勉強中であった睦子さんの遺志を継ぐ日本人学生のために綾野睦子奨学金ができました。睦子さんは生前ご両親に「自分の将来のライフワークとして日本とドイツの架け橋となる道を選びたい」と話されていたそうです。現在、OGUからトリア大学へ留学する学生は、綾野睦子奨学金をいただいています。それぞれが睦子さんの遺志を継いで、日本とドイツの架け橋となるべく、勉学に励んでほしいものです。睦子さんが死の直前までご家族に送られた手紙をまとめたものが、「睦子、留学は終わったよ-西ドイツで悲しみの死」(三修社刊)として出版されています。高い志を持って精一杯勉学に励んでいた姿、文化の違いを積極的に学ぼうとする姿勢、周りのみんなに愛された人柄から学ぶところは多いです。ドイツだけでなく、その他の国に留学する学生、留学を目指す学生にはぜひ読んでほしい1冊です。国際センターに本がありますので、興味のある学生には貸し出しをします。
















Der damalige japanische Generalkonsul in Deutschland erweist der ermordeten Mutsuko Ayano seinen Respekt (Foto: Hans-Konrad Rode)