Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Baricco, Alessandro バリッコ・アレッサンドロ (*1958), Dichter, Schriftsteller, Dramatiker 文人, 小説家、劇作家

" 'Es ist ein sonderbarer Schmerz'... 'Vor Sehnsucht nach etwas zu vergehen, das man nie erleben wird.' "

 Alessandro Baricco fällt mit seinem Roman  Seide (ital. Originaltitel „Seta“), der auch verfilmt wurde ( Trailer (1) und  You Tube Video (2) )  (3) aus dem  Konzept unseres Internetportals. Er ist Italiener, stammt nicht aus dem deutschsprachigen Raum.  Dazu lässt die Ausgestaltung der japanischen Akteure seines Romans Zweifel aufkommen, ob der italienische Autor sich mit Japan eingehend beschäftigte.

Allenfalls lässt sich zur Aufnahme des Lebensbildes anführen, dass das Büchlein ins Deutsche (von Karin  Krieger) übersetzt ist und hier ein großer Erfolg wurde. Auch hat sich der Dichter wissenschaftlich mit deutscher Geistes- und Musikgeschichte beschäftigt, darunter mit  Theodor W. Adorno, ("Sterben vor Lachen : Aufsätze zu Rossini, Mozart, Adorno und Benjamin", 2005) und Hegel (Hegels Seele oder die Kühe von Wisconsin, 2000)

Doch wäre es ein großer Verlust für unser Internetportal Bariccos poetisches Japanbuch auszulassen: Zeichnet es uns doch ein Japanbild, das vielen unserer in das Internetportal aufgenommenen, deutschsprachigen Lebensbildern ihre Anziehungskraft gibt –genau wie dieses Japanbild doch selbst bei vielen Japankundigen und an diesem Land Interessierten unterschwellig bis heute irgendwie noch wirksam ist.

Solche Lebensbilder mit unausgesprochener Beziehung zu Alessandro Bariccos Japanbild sind in unserem Portal unter dem Themenbereich „ Orte gedacht“ zusammengefasst. Sie entsprechen in dieser Rubrik nicht dem japanologisch durchforschten Japan. Sondern ihre Bühne ist ein subjektiv imaginiertes Japanbild exotischer Ferne der jeweiligen Literaten oder Künstler, das die inhaltlichen Aussagen ihrer Werke "japanisch" illustriert.

Dieses Japanbild ist geographisch und sozial nicht vorhanden. Es zeigt ein Japan, das – wie es in Bariccos Buch heißt – „unsichtbar‘ ist (S.36). Für die deutschsprachige wie die gesamte westliche Welt ist es dieses weit entlegene Land der aufgehenden Sonne seit Mitte des 19. Jahrhunderts und bis weit in das 20. Jahrhundert hinein gewesen,  das wegen seiner Jahrhunderte langen Abgeschlossenheit von der übrigen Welt und isolierten Randlage,  wegen seiner im Westen unbekannten historischen und kulturellen Traditionen die Phantasie, Träume und gedanklichen Projektionen der Außenstehenden unterfüttert hatte.

Vehikel solcher Begegnungen mit Japan waren wie beim Aufbruch zu anderen Sehnssuchtsorten zumeist die großen Überseeschiffe: „Zum erstenmal sah er große Überseeschiffe, und ihr Anblick rief ihm mit neuer Deutlichkeit wieder die Träume seiner Jugend in Erinnerung, als er in seiner Phantasie bis ans Ende der Welt gefahren war und dazu noch sein trunkenes Schiff mit einigen Leintuchstücken aus der Wäschekammer seiner Mutter zu bespannen brauchte.  Nun schienen dieselben Träume wieder in ihm aufzutauchen, dieselbe Sehnsucht, weit draußen auf dem Ozean zu sein.“ ( Enid Starkie: Das trunkene Schiff, S.335). Es sind dieselben Träume, die Daniel Defoe in seinem Robinson Crusoe bediente: „Freiheit! Freiheit! Schafft nur ein Boot, das groß genug ist, und dann über die träge fließende, nebelüberwallte Themse fort, zum großen Meer! Irgendwo wird sich schon eine einsame Insel im unendlichen Gewässer finden!“ (Friedrich Forster: „Robinson soll nicht sterben, S.31)

Jede der vier Reisen von Hervé Joncour auf der Suche nach Seidenraupen in Japan führt exakt entlang der gleichen Route zu Stationen, die mit allgemein einschlägig bekannt Stichworten des Abenteuers  geographische Fluchtpunkte markieren: „Er legte zu Pferd zweitausend Kilometer russische Steppe zurück , überquerte den Ural, gelangte nach Sibirien und fuhr vierzig Tage bis zum Baikalsee, der von den Einheimischen der ‚Letzte‘ genannt wurde. Er folgte dem Lauf des Amur an der chinesischen Grenze entlang flußabwärts bis zum Ozean, und als er den Ozean erreicht hatte, blieb er zehn Tage im Hafen von Sabirk, bevor ihn ein Schiff holländischer Schmuggler nach Kap Teraya an die Westküste Japans brachte.“ (S.62)

Die technische Verkürzung der geographischen und kommunikativen Ferne zu Japan ebenso wie die wissenschaftliche Durchdringung nahezu aller seiner sozialen Facetten schienen dieses Japanbild eingerissen zu haben, in die verstaubte Ecke der Archive verbannt zu haben, ja zuweilen der Lächerlichkeit preisgegeben zu haben. Kommen aber dem kundigen Beobachter Japans angesichts der realen Interpretation des Landes in der modernen Medienwelt gerade im deutschsprachigen Raum nicht Zweifel an solch‘ einem endgültigen Befund? Ist nicht die folgende Passage in Bariccos Buch, das sich ein solch‘ verstaubtes Japanbild zum Thema gewählt hat, nicht doch noch irgendwie auch heute noch gültig?
Hervé Joncour legte seine Zigarette auf die Tischkante und sagte: ‚Und wo  genau soll dieses Japan liegen?‘
Baldabiou hob die Spitze seines Spazierstockes und wies damit über die Dächer von Saint-Auguste.
‚Immer geradeaus.‘
 
Sagte er.
‚Am Ende der Welt‘“ (S.19)

Der junge italienische Autor von „Seide“, Alessandro Baricco, ist kein Japanologe, er ist Poet, der eine weitere, grundlegende Facette des obigen, längst der Historie überlassen geglaubten Japanbildes der exotischen Ferne in das Zentrum seines literarischen japanischen Schauplatzes stellt: Die betörende Erotik einer jungen Japanerin.

Es waren fast durchweg Männer, die dieses westliche Japanbild in dieser Verbindung prägten. Wie die Literaturwissenschaftlerin  Kojima-Ruh verschiedentlich aufgezeigt hat, hatten deutschssprachige Frauen, die Japan begegneten, ein recht verschiedenes Bild der japanischen Frau, aber Baricco ist ein italienischer Mann, der das Bild seines Genders übernimmt:

Das einzige sichtbare Zeichen seiner Macht: eine reglos neben ihm liegende Frau, den Kopf auf seinem Schoss, die Augen geschlossen, die Arme unter dem weiten roten Kleid verborgen, das sich auf der aschfarbenen Bastmatte wie eine Flamme ringsumher ausbreitete. Er fuhr ihr mit der Hand langsam durchs Haar. Es sah aus, als streichelte er das Fell eines kostbaren schlafenden Tiers.“ (S.28)

Schon im 19. Jahrhundert begann der reale Hintergrund dieser erotischen Projektionsfläche des männlichen Japanbildes, das sich weltweit in der „Madame Butterfly“ versinnbildlicht hat und sogar in  diesem Gewand nach Japan zurückgekehrte  zu bröckeln. Die Gegenwart hat längst ein ganz anderes Bild gewonnen. Wo dieses Bild noch in unserer Zeit weiterlebte, haben uns die Erfahrungen etwa eines  Henry Miller mit seiner jungen japanischen Geliebten,  Hoki Tokuda Miller, die er sogar noch im hohen Alter heiratete, andere Vorstellungen vermittelt.
Besonders gelungen hat diese Be- aber auch Entzauberung dieses überkommenen Mythos  in jüngster Zeit in Deutschland  Christoph Peters mit seiner gekonnten literarischen Parodie auf das obige frauliche Klischee der Japanerin in seinem Roman „ Mitsukos Restaurant“ literarisch verarbeitet.

Umso verblüffender  ist, dass es der junge, vermutlich Japan-unkundige Italiener Alessandro Baricco geschafft hat, alle selbstredenden Belege über ein Ende der verstaubte Imaginationsgeschichte des fernen Japans als Fluchtpunkt aus dem Alltag über den Haufen zu werfen, mit bezaubernden Leben zu reanimieren und das ausgerechnet mit der zentralen Rolle einer japanischen Erotik oder vielleicht besser,  mit der unbestimmten Sehnsucht des Menschen, die die Erotik repräsentiert.
„Es ist ein sonderbarer Schmerz.“
Leise
„Vor Sehnsucht nach etwas vergehen, das man nie erleben wird.“
(S.108)

Diese Wiederbelebung des tot gesagten Japanbildes verdankt sich zwei dichterischen Metaphern:

Die Farbenpracht der Seide: „Wundervolle Tücher, Seide, rings um die Sänfte, unzählige Farben, Orange, Weiß, Ockergelb, Silbergrau, nicht ein Spalt in diesem wundervollen Nest, nur das Rauschen dieser Farben, die in der Luft wogten, undurchdringlich und leichter als das Nichts.“ (S.99)

In Volieren gefangene,  „erlesene, wunderschöne Vögel“, die „asiatische Männer, wenn sie die Treue ihrer Geliebten honorieren wollen“ diesen anstatt Schmuck verschenken (S.46). Dort drinnen fliegen sie „vor dem Himmel geschützt“ (S.73) umher. Es sind solche, die dann „mit großen blauen Flügeln“ (S.44) in den Himmel flattern, wenn  sie das Schöne erleben wie die Sehnsüchte der Menschen ein erotisches Ziel ihrer Sehnsucht verorten.

Das Blau dieser Flügel der Vögel findet seine Entsprechung in dem Roman in Madame Blanche, die in Frankreich ein Bordell betreibt, und deren Haar, umgekehrt zur Bedeutung ihres Namens, „schwarz, glänzend, das Gesicht asiatisch, makellos“ war.: „An ihren Fingern steckten, wie Ringe, kleine Blumen von tiefblauer Farbe.“ (S.55)

Duch diese Lyrik öffnet Baricco Menschen, die „ihr Schicksal betrachten, wie die meisten für gewöhnlich einen Regentag betrachten.“ (S.11), und „die dem eigenen Leben gerne beiwohnen, während sie jegliches Bestreben, es zu leben, für unangebracht halten“ (S.10), sie öffnet solchen Menschen den Weg in eine Freiheit aus der Monotonie des grauen Alltags. Dieser führt wie der Entwicklungsweg der Seidenraupen von „winzigen Eiern von gelber und grauer Farbe,…reglos und dem Anschein nach tot“ (S.8) zu einem „Schatz“ prachtvoller Seide.

Es ist ein exotisches Japanbild Bariccos, das alle menschlichen konventionellen Ordnungen und Systeme in sich zusammenbrechen lässt:
Und so „sah er
schließlich
unversehens, ‘wie der Himmel über dem Haus vom Flug Hunderter Vögel gesprenkelt wurde, Vögel wie von der Erde geschleudert…Feuerwerk von Flügeln und ins Licht geschossene Wolke aus Farben und ängstlichen Tönen, Musik aus den Fugen, die in den Himmel flog.
“ (S.64)

Der französische Romanheld Hervé Joncour ist aus der Konvention und Gesellschaft seiner Heimat herausgeschleudert, „verließ sein Haus und ging, mit grenzenloser Ruhe vor sich hin starrend…Er war ein Goldfaden, der sich gradlinig durch das Gewebe eines von einem Irren gewebten Teppichs zog.“ (S.65)

Dabei ist es völlig gleichgültig, wo dies auf der Erde geschieht, in Frankreich, der Heimat des Protagonisten des Romans von Baricco, in dem Fluchtpunkt seiner Sehnsucht, Japan, oder im deutschsprachigen Raum, den unser Internetportal abdeckt. Die lyrischen Metapher der alten Zeit, das ersehnte Japan in weiter Ferne und die dort vermutete frauliche Erotik werden in dem modernen Roman überzeitlich und überregional. Alessandro Baricco hebt sie aus dem Staub der Archive wieder in eine auch heute noch wirksame Exotik.

Die Nervé Joncourt verzaubernde Japanerin - geschaffen von Alessandro Baricco - ist eine namenlose junge Frau deren „Augen nicht asiatisch geschnitten waren“ (S.31) wie ihre im Roman stereotyp wiederkehrende Charakterisierung ist: Eine erotische Exotik der in die unbekannte Ferne Japans verlängerten eigenen Heimat Nervés Joncour. Der französische Japanreisende erkundigt sich bei einen anderen ausländischen Reisenden nach der Frau, auf die er zufällig in Japan traf und deren Blicke ihn ohne Worte betörten: „Kennen Sie eine junge weiße Frau, eine Europäerin, glaube ich, die hier lebt?“, und  erhält die ernüchternde Antwort: „Es gibt keine weißen Frauen in Japan. Nicht eine einzige weiße Frau gibt es in Japan.“ (S.43)

So mag dieses exotische Weib ohne Herkunft und ohne Namen die erotische Erwartung Nervés  an seine von ihm geliebte französische Ehefrau in Frankreich sein. Ihr hatte er einmal von seinen Reisen ein japanisches Seidengewand mitgebracht, „das sie aus Schüchternheit  niemals trug. Wenn man es anfasste, war es, als hielte man das Nichts in Händen.“ (S.36) Sie versteht nicht, warum er später in seiner Heimat auch eine Voliere baut:
„‘Wozu ist sie gut?‘“
‚Man setzt Vögel hinein, und wenn man eines Tages etwas Schönes erlebt, öffnet man die Türen und sieht zu, wie sie fortfliegen.
‘“
(S.79)

Vielleicht geht es beiden Eheleuten so wie Hervé Joncourt dies nach dem ernüchternden Zusammenbruch seines erotischen Traumes in Japan erlebte: Er „betrachtete diese riesige erloschene Feuerstelle. Er hatte einen achttausend Kilometer langen Weg hinter sich. Und vor sich das Nichts. Mit einem Mal sah er, was er für unsichtbar gehalten hatte.
Das Ende der Welt.“
(S..89)