Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Berliner, Siegfried & Anna ベルリナー・シグフリドとアンア(1884 – 1961)、Hochschullehrer 大学教授

Zwei große Japankenner: Verfemt und doch großzügig gegenüber ihrer deutschen Heimat


Foto linke Spalte: Siegfried Berliner

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Bericht zweites Treffen der  japanischen Forschungsgruppe "Deutsche Kriegsgefangene aus Tsingtau in japanischen Internierungslagern" mit Ehepaar Rode
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Inhaltsverzeichnis

0.  Vorwort

1.  Familiärer Hintergrund - Die jüdische Familie Berliner aus Hannover

2.  Siegfried Berliner’s Ausbildung in Deutschland

3.  Einsatz in Japan 1913/1914

4.  Kriegsdienst in der deutschen Kolonie Tsingtau und Gefangenschaft in Japan
    4. 1. Kriegsbeginn
    4. 2. Das Lager Marugame
    4. 3. Lagerleben im Tempel allgemein
    4. 4. Lagerleben – Sportliche Aktivitäten
    4. 5. Anna Berliner in Marugame
    4. 6. Anonyme Anzeige aus Marugame
    4. 7. Musikalische Aktivitäten von Siegfried Berliner im Lager
    4. 8. Im Lager Bando von April 1917 bis Dezember 1919
   
5.  Erneuter Einsatz von Siegfried Berliner in Tokyo 1920 – 1925

6.  Ehefrau Anna Berliner

7.  Leipzig 1925 – 1938: Hochschullehrer -  Versicherungsdirektor - Einsatz für
    japanische Beziehungen

8.  Erzwungenes Exil in den USA

9.  Entschädigungsverhandlungen in den 1950’er Jahren

10. Einsatz für die studentische Verbindung Burschenbund Alsatia Leipzig zu
      Marburg

11. Lebensende von Siegfried Berliner 1961 und Anna Berliner 1977

12. Veröffentlichungen von Siegfried Berliner und Anna Berliner

13. Literaturverzeichnis

14. Bildnachweis


Vorwort

Es gibt manchmal Zufälle bei Nachforschungen eines geschichtlich Interessierten. Solch ein Zufall geschah, als ich beim Studium von Berichten der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens ( OAG) den Namen S. Berliner als Schatzmeister von 1921 – 1924 entdeckte. Nachforschungen ergaben, dass es sich um den von meiner Studentenverbindung her bekannten Prof. Dr. Siegfried Berliner handelte, der etliche Jahre seines Lebens in Japan zugebracht hatte.

Da im Oktober 2011 der 50. Jahrestag seines Todes war, kam die Idee auf, in Andenken an Siegfried Berliner einen Vortrag über ihn zu halten. Der Neugier zum Aufdecken des bisher nirgendwo dokumentierten Lebenslaufes von Siegfried Berliner waren keine Grenzen gesetzt. Um den ursprünglich nur als Power Point Präsentation geplanten Vortrag auch für einen breiteren, über die Deutsch-Japanische Gesellschaften in Trier und Berlin hinausgehenden Leserkreis verfügbar zu machen, war es erforderlich diese jetzige Version mit Quellenangaben zu erstellen.

Ich bin dem Internetportal  www.das-japanische-gedaechtnis.de sehr dankbar, dass die faszinierenden Lebensbilder von Prof. Dr. Siegfried Berliner und seiner Ehefrau Prof. Dr. Anna Berliner aufgenommen wurden.

Besonderer Dank gilt auch dem japanischen Germanisten Kiyuki Kosaka  小阪清行 , Mitglied der "Forschungsgruppe Deutsche Kriegsgefangene aus Tsingtau in japanischen Internierungslagern"  「チンタオ・ドイツ兵俘虜研究会」, der mit der  Übersetzung des Lagertagebuchs und seiner persönlichen Führung des Autors durch die Lagerstätten in Marugame einen ganz wesentlichen Anteil an dieser Ausarbeitung hatte. Kosaka arbeitet derzeit an der japanische Version dieser Ausarbeitung, die ebenfalls nach Fertigstellung im Internet veröffentlicht werden soll.

Dem  Deutschen Haus in Naruto sei für die Zurverfügungsstellung des umfangreichen Fotomaterials über das Lager Marugame gedankt.

Herrn Hans-Joachim Schmidt, der mir über sein  Internetportal "Die Verteidiger von Tsingtau und ihre Gefangenschaft in Japan (1914-1920)" Zugang zu umfangreichem Quellenmaterial über die deutschen Kriegsgefangenen in Japan gegeben hat, ist der Autor dankbar verbunden.

Den Bibliothekaren des  Leo Baeck Archivs in New York, des Archivs der Pacific University im Staate Oregon in den USA  und des Niedersächsischen Landesarchivs in Hannover sei gedankt. Sie alle haben mir wesentliche Informationen gegeben.

Abschließend gilt mein Dank Herrn Dr. Gerhard Krebs aus Berlin für seine fachkundigen, ergänzenden Hinweise zum Lebenslauf von Siegfried Berliner.   


1. Familiärer Hintergrund


Siegfried Berliner wurde am 15. Februar 1884 als eines von fünf Kindern von Manfred Berliner (1853-1931) und dessen Ehefrau Hanna, geb. Dessau, in Hannover geboren. Der Vater Manfred Berliner (1853-1931) selbst war das fünfte Kind von insgesamt 13 Kindern von Samuel Berliner (1813-1872). Samuel Berliner hatte in Hannover ein Textilgeschäft betrieben. Schon dessen Vater Moses Berliner (1786-1854) hatte während der französischen Besatzung um 1800 auf Grund der seinerzeitigen Gewerbefreiheit für Juden dasselbe Gewerbe ausüben können.

                                                                               (Zum Vergrössern bitte die Abbildung anklicken)

(2) Stammbaum der Familie Berliner aus Hannover, Quelle: Zimmermann, Helmut: "Die Familie Berliner". In: Landeshauptstadt Hannover, Presseamt: "Leben und Schicksal. Zur Einweihung der Synagoge in Hannover", Hannover 1963, S.88-101

Der Vater von Siegfried Berliner,  Manfred Berliner, hatte Brüder, die sehr erfolgreich waren. Einer von ihnen war   Emil Berliner   ベルリナー・エミール (1851-1929), der 1870 in die USA ausgewandert war, um dem Militärdienst in Deutschland zu entgehen.

Emil Berliner wird als  Erfinder des Grammophons, der Schallplatte und des Mikrophons für das Telefon angesehen und hat zahlreiche weitere Erfindungen in den USA und in Deutschland erfolgreich vermarktet.

Emil gründete zusammen mit seinem Bruder  Joseph Berliner (1858-1938) in Hannover 1881 die  J. Berliner Telefonfabrik. Joseph Berliner hatte nach einer Banklehre und dem Militärdienst zwei Jahre Schwachstromtechnik in den USA studiert.

1898 wurde die Telefonfabrik in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und im gleichen Jahr  gründeten beide die Deutsche Grammophon Gesellschaft für die Herstellung von Schallplatten. Ihr Warenzeichen " His Master's Voice" ist weltbekannt geworden.
                                                                           (3) Emil Berliner (1858-1938)


Ein weiterer Bruder,  Jacob Berliner (1849-1918), wurde kaufmännischer Leiter der Berliner Telefongesellschaft.                                   (Zum Vergrößern bitte anklicken)

(4) Grabstein von Jacob Berliner                                (5) Grabstätte der Familie Joseph Berliner,
                                                                                         jüdischer Friedhof „An der Strangriede“ in
                                                                                         Hannover


Der erwähnte Vater von Siegfried Berliner, Manfred Berliner, wurde Handelslehrer und gründete 1878 "Berliner's Höhere Handelsschule", die 1903 ihr 25-jähriges Bestehen feiern konnte.
(siehe: Schulze, Peter: Stadtarchiv Hannover HR 16, Nr.1439, Februar/März 2005)

(6) Manfred Berliner                                                  (7) Schulgebäude Maschstr. 8 um 1903

Deren Leitung sollte eigentlich 1913 auf den Sohn Siegfried übergehen. Dieser Siegfried Berliner jedoch hatte andere Pläne: Schon 1910 hatte er Anna Berliner, geb. Meyer, aus Halberstadt geheiratet. 1913 folgte er  einem Ruf als Professor für Handelstechnik an die Kaiserliche Universität in Tokyo.

Bevor wir uns dem Lebenslauf von Siegfried Berliner widmen, sei seine Schwester  Cora Berliner (1890-1942) erwähnt.
                     
                          (8) Rechtes Foto: Cora Berliner


Die Sozialwissenschaftlerin ging mit ihrem selbstlosen Einsatz für die jüdische Gemeinde während des Holocaust in die Geschichte ein (siehe Zimmermann, a.a.O., S.98f).

Cora Berliner hatte in Berlin und Heidelberg studiert und wurde promoviert mit einer Dissertation zum Thema "Die Organisation der jüdischen Jugend in Deutschland". 1927 ging sie als Beraterin an die Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft nach London. 1930 erhielt sie einen Ruf als Professorin für Wirtschaftswissenschaften am Berufspädagogischen Institut in Berlin.

Mit Beginn der Nazi-Herrschaft 1933 wurde sie aus dem Staatsdienst entlassen und arbeitete für jüdische Organisationen. Ihr Bruder Siegfried hat sie zu überreden versucht auch in die USA auszuwandern, aber sie sah ihre Aufgabe darin, anderen jüdischen Bürgern bei der Ausreise zu helfen. 1942 wurde sie zusammen mit Mitarbeitern der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland nach Weißrussland deportiert und ist dort ermordet worden.

In Berlin und in Hannover sind Straßen an den Holocaust Mahnmalen nach Cora Berliner benannt worden.

(9) Cora-Berliner-Strasse in Berlin


Interessant ist, dass Cora Berliner offensichtlich in Hannover in die gleiche Schule gegangen sein muss wie die erwähnte, spätere Frau ihres Bruders Siegfried, Anna Meyer aus Halberstadt. Über diese Schulfreundschaft hatte Anna wahrscheinlich Cora’s Bruder kennen und lieben gelernt. Auf Leben und Wirken von Anna Berliner wird später noch ausführlich eingegangen werden.  

Der ein Jahr jüngere Bruder von Siegfried war  Bernhard Berliner. Es würde zu weit führen, den Lebenslauf dieses Psychologen darzustellen, der später im Exil in San Francisco in den USA ein berühmter Forscher wurde. Wichtig erscheint hier, dass er 1907 in Leipzig bei dem Begründer der experimentellen Psychologie,  Prof. Wilhelm Wundt, promoviert wurde: Bei demselben Prof. Wundt studierte und promovierte 1910 als erste weibliche Doktorandin Anna Meyer, die spätere Anna Berliner.

2. Siegfried Berliners Ausbildung in Deutschland:

Zunächst besuchte Siegfried Berliner in Hannover das Realgymnasium und macht dort 1902 sein Abitur. Danach studierte er  in Leipzig und Göttingen Mathematik, Physik und Volkswirtschaftslehre.

Im Jahre 1905  wurde er in Göttingen - 21-jährig! - mit dem Thema "Über das Verhalten des Gusseisens bei langsamen Belastungswechseln" promoviert. Sein Doktorvater war   Prof. Eduard Riecke, der seit 1881 ordentlicher Professor der Physik und Direktor des physikalischen Instituts sowie Gründer der Göttinger Physikalischen Gesellschaft war. Während der Nazi-Zeit wurde Siegfried Berliner - wie vielen anderen jüdischen Mitbürgern auch - der Doktor-Titel aberkannt. Erst lange Zeit später, im Jahre 2004, erfolgte mit einem  Göttinger Senatsbeschluß die Wiederanerkennung der aberkannten Titel, u.a. auch für Dr. Siegfried Berliner!

Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang, dass der spätere Nobelpreisträger  Prof. Max Born  in einem Briefwechsel von 1958 bestätigt, dass er in Göttingen an einem Elastizitätsseminar zusammen mit Siegfried Berliner teilgenommen habe. Aus selbiger Seminararbeit sei später seine Dissertation entstanden.
(Baeck Institute: Siegfried Berliner Collection AR 5280 (LBI): Brief Max Born an S. Berliner 22.1.1958
)

Im Jahre 1906 legt Siegfried Berliner das Staatsexamen in Göttingen für das Höhere Lehrfach in Preussen für Mathematik und Physik ab.

In den Jahren 1906/1907 leistete er Militärdienst im Hannoverschen Infanterie-Regiment Nr. 74. (Zimmermann: a.a.O. S. 97)

1907/08 weilte Siegfried Berliner zu Forschungsarbeiten ein Jahr in den USA: offensichtlich verbrachte er dieses Jahr mit Unterstützung seines oben erwähnten Onkels, Emil Berliner: "I did research work in the United States and was a student at George Washington University, Washington, D.C., where I studied especially Constitutional Law under Chief Justice Harlan." (LBI, a.a.O., CV S. Berliner)

Nach seiner Rückkehr aus den USA erhielt Siegfried Berliner einen Lehrauftrag an der Öffentlichen Handelslehranstalt in Leipzig.  1908 übernahm er zusätzlich die Stelle eines Dozenten an der Handelshochschule Leipzig. 1910 wurde er dort zum Professor ernannt.

Zur akademischen Karriere verfolgte Siegfried Berliner auch berufliche Tätigkeiten in der Privatwirtschaft: er wurde 1909 Assistent der Geschäftsführung einer Hamburger Export- und Importgesellschaft für Geschäfte mit Südamerika.
(Mantel, Peter: Betriebswirtschaftslehre und Nationalsozialismus, Wiesbaden 2009, S. 659
)
1910 wurde er dort Bücherrevisor.

Im gleichen Jahr 1910  am 25. September heiratete Siegfried Berliner in Halberstadt die schon angesprochene Anna Meyer, die aus einer jüdischen Familie stammte. Auf den Lebenslauf der späteren Prof. Dr. Anna Berliner wird noch zurückzukommen sein.

Bereits aus dieser frühen Zeit finden sich zwei wissenschaftliche Veröffentlichungen von Siegfried Berliner:


Renten und Anleihen,  C.E. Poeschel Verlag Leipzig


(10) © 1912 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft, Steuern und Recht GmbH

Politische Arithmetik - Versicherungsrechnung für Nicht-Mathematiker,  C.E. Poeschel Verlag, Leipzig 1912


In einer 1912 erschienenen Veröffentlichung "100 Jahre C. E. Poeschel Verlag: 1912" wird der Inhalt dieses Werkes wie folgt beschrieben.

"Berliner baut den Lehrstoff der Politischen Arithmetik in einer für jeden Nichtmathematiker verständlichen Form auf. Vorangestellt werden die Zinseszins- und die Rentenrechnung, um für den schwierigeren Teil, die Anleihenrechnung, das notwendige Material bereitzustellen.
Zu Beginn eines jeden Abschnitts stellt der Autor eine Aufgabe, die von vorneherein eine klare Fragestellung beinhaltet. Die ausführlich ausgeführten Rechnungen ermöglichen ein vollkommenes Nachrechnen aller Zahlen. Die gewonnen Resultate sind zu Lehrsätzen zusammengefasst und bieten so einen Einstieg in das Thema."


"... ein Lehrbuch für alle, die mit dem Anleihewesen zu tun haben." wird an gleicher Stelle aus der Buchbesprechung des "Der Nationalökonom, Wien" zitiert.

(11) © 1912 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft, Steuern und Recht GmbH

Doch dann im Jahre 1913 brach Siegfried Berliner mit seiner Frau Anna Berliner nach Japan auf.


3. Einsatz in Japan 1913 - 1914


In Tôkyô wurde Siegfried Berliner als Dozent für Handelstechnik (Betriebswirtschaftslehre) an der  Kaiserlichen Universität Tôkyô in der rechtswissenschaftlichen Fakultät angestellt.

In der  Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) wird die  Aufnahme von Prof. Berliner durch Beschluss der Vorstandssitzung vom 29. Oktober 1913 in Yokohama unter Vorsitz von  Rudolph Lehmann dokumentiert. Außerdem wird er im Mitgliederverzeichnis der OAG, Band 16 vom 16. Juli 1914, als Mitglied mit Wohnsitz: Yotsuyaku, Obancho 33, in Tôkyô aufgeführt.


4. Kriegsdienst in der deutschen Kolonie Tsingtau in China und Gefangenschaft in Japan


4. 1. Kriegsbeginn

Sofort nach Bekanntwerden der Kriegserklärung Anfang August 1914 reisten 118 Japan-Deutsche Reservisten und Freiwillige von Japan nach  Tsingtau zur Verteidigung der Deutschen Kolonie, unter ihnen befand sich auch Siegfried Berliner. Damals war er 30 Jahre alt. Nachdem er bereits 1907 in Hannover einen einjährigen Militärdienst abgeleistet hatte und seine jüdische Familie voll im Bürgertum integriert war, war es offensichtlich für Siegfried Berliner eine patriotische Pflicht, zu den Waffen zur Verteidigung in die deutsche Kolonie Tsingtau in China zu eilen.

Die deutschen Soldaten wurden von den Japanern zu den Schiffen begleitet, und kaum ein Deutscher oder Japaner dachte daran, dass es in Kürze eine Konfrontation zwischen beiden geben würde. 

Siegfried Berliner war Vizefeldwebel der Landwehr I in der 7. Kompanie des III. Seebatallions in Tsingtau. Er war Führer eines Scheinwerfers beim Infanterie-Werk II.

Zusammen mit Deutschen aus China und sonstigen asiatischen Gebieten sollten sie Tsingtau verteidigen, was mit 5.000 Soldaten gegen 50.000 Japaner unmöglich war. Nach drei Monaten wurde kapituliert und die Überlebenden (etwa 4.700) gerieten in japanische Gefangenschaft - verteilt auf  verschiedene Lager in Japan.


4. 2. Das Lager Marugame

Im November 1914 wurde Siegfried Berliner mit 323 weiteren Kriegsgefangenen per Schiff von Tsingtau nach Marugame auf der Insel Shikoku gebracht. Offensichtlich wurden sie dort gar nicht feindlich empfangen.

Der bekannte Japan-Deutsche und Kaufmann Johannes Barth schreibt in seinen Erinnerungen: "Die Ortsdurchfahrt war mit Blumen geschmückt, und über der Strasse hing zu unserem größten Erstaunen ein blumenbekränztes Schild mit der deutschen Aufschrift: Herzlichst und mitleidvollst willkommen."
(Barth, Johannes: Als deutscher Kaufmann in Fernost 1891 – 1981, E. Schmidt Verlag 1984, S. 49 f.;
 abruf- und lesbar in der kostenfreien Digitalen Bibliothek der OAG

Ein minutiös erstelltes  Lagertagebuch über die gesamte Zeit der Gefangenschaft wurde von den japanischen Aufsehern erstellt und ist auf Japanisch komplett vorhanden. Dankenswerterweise wurden in Vorbereitung des Besuches des Verfassers in Marugame von Kiyuki Kosaka weite Teile dieses Protokolles ins Deutsche übersetzt.

Das Lagertagebuch Marugame berichtet uns für den 16. November 1914: "324 Kriegsgefangene aus Tsingtau kamen dem Schiff Fukuju-maru über Shimonoseki-Hafen in Tadotsu-Hafen an. Sie wurden im Shioya-Betsuin Tempel in Marugame und im kleinen Lagerhaus für Offiziere (ca. 15 Minuten zu Fuß) interniert. Der Lagerkommandant war Oberstleutnant (später Oberst) Ishii Yashiro.

Es ist für den Referenten dieses Vortrages eine große Ehre, dass er nahezu 98 Jahre später den Tempel besichtigen konnte, in dem die deutschen Gefangenen 2 ½ Jahre ihres noch jungen Lebens zugebracht haben. Wenn ich mir vorstelle, dass ich im gleichen Alter wie Siegfried Berliner im Jahre 1968 nach Tokyo kam und ein Jahr später in Gefangenschaft hätte gehen müssen, kommt mir das kalte Grausen über den Rücken. Und meine Frau Brigitte stolz auf ihren Deutsch Unterricht beim NHK hätte das Schicksal von Anna Berliner gehabt, ihren Mann im Gefangenenlager zu besuchen in ihrem Gastland, das sie so geliebt haben (die Berliners wie die Rodes!). Wenn man sich diese persönlichen Dimensionen vor Augen hält, dann bekommt die Geschichte der Gefangenen eine ganz andere Bedeutung und die Tatsache, dass aus Feinden Freunde geworden sind, wird umso mehr geschätzt.

4. 3. Lagerleben im Tempel allgemein

Als erstes möchte ich festhalten, dass es eine große Herausforderung war, auf engstem Raum so lange zusammen zu leben. Jedem Gefangenen war der Platz eines Tatami (180 cm x 80 cm) zugeordnet, mehr Platz war einfach nicht da. Ein Tatami ist recht klein. Um auszumessen, wie viel Platz das ist, habe ich mich auf einen Tatami Boden mit den Begrenzungen gelegt. Und um ganz ehrlich zu sein, es war verdammt eng!

(12) Der Verfasser zeigt die Größe einer Tatami

Aber die Gefangenen im November 1914 hatten keine Wahl, zumal Japan als Siegermacht auf einen solchen Ansturm von Gefangenen überhaupt nicht vorbereitet war. Man sagt sehr leicht, dass ein Japaner nicht in Gefangenschaft geht, sondern bis zum Tod kämpft oder Selbstmord begeht, aber ob das alles so stimmt, konnte ich nicht verifizieren.

Ein Kriegskamerad von Siegfried Berliner,  der oben erwähnte  Johannes Barth, beschreibt den Zustand in den bereits zitierten Lebenserinnerungen: "Der Tempel, der nun unser Heim wurde, war das schönste und größte Gebäude in ganz Marugame. Wir einfachen Soldaten hatten jeder eine Matte zum Schlafen in der großen Tempelhalle, die Offiziere bekamen ein kleineres Gebäude. Vor dem Tempelgebäude befand sich ein weiter Hof, in dem eine Küche, Waschräume im japanischen Stil und ein Bad neu gebaut wurden. An den Seiten der großen Halle wurden ein paar kleinere Räume eingebaut, in denen wir tagsüber an einem großen Tisch sitzen konnten und wo wir auch aßen."

Hier in Marugame jedenfalls hieß es für die Gefangenen, sich mit der tristen Realität einer Gefangenschaft zu arrangieren, zumal sie die leider unrealistische Hoffnung hatten, dass Deutschland den Krieg in Europa schnell gewinnen werde. 

Unteroffiziere und Mannschaften waren in der Tempelanlage untergebracht, die Offiziere wohnten in einem separaten Gebäude.

Der ranghöchste Offizier der Deutschen war  Hauptmann Lancelle (*1871). Ihm oblag es in den ersten Tagen nach Ankunft, um eine Verbesserung der Lagerbedingungen zu bitten. Ein kleines Beispiel für solche Anforderungen sei aus dem oben genannten Lagertagebuch vom 18. November 1914 genannt:

* Die Menge der Speisen zu vermehren;

* Bier zur Verfügung zu stellen;

* Eine Kantine zu öffnen;

* Den Offizieren freie Spaziergänge zu erlauben.

Dem kamen die Japaner erfreulicherweise nach. Nachmittags wurde für zwei Stunden Öffnungszeit eine Kantine mit dem Verkauf von Bier, Zigaretten, Süßigkeiten und Obst eingerichtet. Kurze Zeit später wurde auch Fussball spielen gestattet und den Gefangenen wurde erlaubt, ihre Mahlzeiten selbst zu kochen.

Interessanterweise gibt es im Lagertagebuch vom 18. November 1914 einen Hinweis, dass die Soldaten der 2. Kompagnie meist Berufssoldaten waren und sich nicht so sehr über den Mangel an Nahrungsmitteln beschwert haben. Anders hingegen war es bei den Kameraden der 7. Kompagnie, zu der auch Siegfried Berliner gehörte. Sie waren zumeist Reservisten und sie hätten wesentlich größeren Hunger gehabt. Wahrscheinlich waren die Berufssoldaten dazu erzogen, sich nicht so leicht zu beschweren.

(13) Honganji-Betsuin Tempel in Shioya/Marugame der buddistischen Jodoshin Sekte beim Besuch des Verfassers im April 2012 (Hauptgebäude, Lager der 2. Kompanie III. Seebatallion)
(zum Vergrössern bitte die Fotos anklicken)


(14) Plan der Tempelanlage

(15) Gruppenfoto der Gefangenen 1915

(16) Gruppenfoto der Gefangenen - ganz rechts Siegfried Berliner

(17) Shioya-Betsuin Tempel  im Jahr 2012 (Nebengebäude – Lager der 7. Kompanie III. Seebatallion,  zu der S. Berliner gehörte)

(18) Gefangene im Hof der Tempelanlage

(19) Schlaf- und Esszimmer

(20) Schlafraum der Gefangenen für untere Dienstränge

(21) Futon werden zusammengerollt, um Platz zu schaffen


Mit Sicherheit wird für die Gefangenen das Betreten der Tempelanlage und des Tatami-Bodens ohne Schuhe gewöhnungsbedürftig gewesen sein.

Aber noch gewöhnungsbedürftiger wurde es für sie, den Tag oder die vielen Tage mit einer Beschäftigung auszufüllen. Es gab gemeinsames Wecken, etwas militärischen Drill, gemeinsame Mahlzeiten und ab und zu Ausflüge unter Bewachung von japanischen Aufsehern. Aber es wurde keine Zwangsarbeit von den deutschen Kriegsgefangenen - wie sie später in anderen Ländern oft erzwungen wurde - verlangt.

Also galt es für die Gefangenen selbst Beschäftigungen zu ersinnen, wie zum Beispiel handwerkliche Tätigkeiten.

(zum Vergrössern bitte die Fotos anklicken)

(22) Lager Marugame Arbeitsraum

(23) Wäsche Trocknen

Wichtige Beschäftigungen wurden nach und nach sportliche Wettkämpfe, Theaterspielen und Musizieren. Auf das musikalische Engagement von Siegfried Berliner kommen wir später noch zu sprechen.

Siegfried Berliners geplanten wissenschaftlichen Vorträge (Handelshoch-schulkurse) hingegen konnten aus “gewissen Gründen“ nicht abgehalten werden. Entweder waren sie den japanischen Aufsehern nicht geheuer oder sie fanden kein allzu interessiertes Publikum. Er hat daraufhin in kleineren Kreisen Kurse, Übungen und Besprechungen zu ostasiatischen Wirtschaftsfragen abgehalten
(siehe: OAG Veröffentlichungen Band 17 Teil B: 1914-1922 Seite 269).

(zum Vergrössern bitte die Fotos anklicken)


(24) Ankunft von Paketen, Shioya-Betsuin Tempel 2012

(25) Eingangsportal  heute 2012, Shioya-Betsuin Tempel

(26) Auf den Spuren der Gefangenen, Kiyuki Kosaka (Mitte) und Hans Rode

(27) Shioya-Betsuin Tempel heute, 2012

(28) Platz heute, an dem früher das Lagerverwaltungsbüro stand

(29) Platz des Lagerverwaltungsbüros, japan.: Ozakitei (=Haus der Familie Ozaki)

(30) Japanische und deutsche Offiziere (zweiter von links: Hauptmann Waldemar Lancelle als ranghöchster Offizier)

(31) Hof, auf dem am 10. März 1917 eine große Ausstellung mit Verkauf von von den Gefangenen gefertigten Sachen stattgefunden hat. 30.000 japanische Besucher sollen
gekommen sein.

(32) Foto des Tempels Kyokakuji, auf dessen Gelände die Ausstellung stattfand.

(33) Ausfahrtsstrasse vom Tempel heute, die früher zum Ausmarsch der Gefangenen genutzt wurde

(34) Tempelstrasse im Jahr 1915


4.4. Lagerleben – Sportliche Aktivitäten


Sehr bald begannen die Gefangenen ihren Alltag mit sportlichen Aktivitäten und Wettkämpfen auszufüllen. Dabei waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt, hier seien nur ein paar Beispiele von Gymnastischen Übungen aufgeführt:

(Zum Vergrößern bitte die Fotos anklicken)

(35) bis (38) Gymnastische Übungen der Kriegsgefangenen im Lager

(39) Früheres Fussballfeld der Kriegsgefangenen, weit vom Lager entfernt gelegen.

(40) Haus, in dem am Anfang sieben deutsche Offiziere lebten (16.11.1914-5.10.1916) und später dann österreichisch-italienische und polnische Gefangene (9.10.1916-4.7.1917) untergebracht waren.


Einen Todesfall gab es während der 2 ½ Jahren der Existenz des Lagers Marugame: Der aus Gelsenkirchen stammende Seesoldat in der 2. Kompanie des III. Seebatallions,  Amandus Temme (1893-1915), verstarb nach schwerer Erkrankung an der Hakenwurmkrankheit im Lazarett am 6. Juni 1915. Seine Urnenbeisetzung erfolgte später unter Teilnahme fast aller Gefangenen auf dem damaligen Armeefriedhof Komagabayashi, der auch heute noch als allgemeiner Friedhof existiert.

(41) Friedhof und (42) Grab des Seesoldaten Amandus Temme (1893-1915)


Ein Treffen des Ehepaars Rode aus Trier mit der japanischen Forschungsgruppe Deutsche Kriegsgefangene aus Tsingtau in japanischen Internierungslagern im April 2012 fand in Marugame statt. Es hätte auch unter dem Leitmotiv: "Aus Feinden werden Brüder" stehen können. Der Informationsaustausch war sehr rege, und das Engagement der Forschungsgruppe zur Aufarbeitung der Geschichte der Deutschen Gefangenen war beeindruckend. Wir konnten wertvolle Anregungen für die Ausarbeitung über Siegfried Berliner mitnehmen.

Vor allem aber sind wir mit dem Gefühl abgereist, über das Schicksal der seinerzeitigen Gefangenen hinweg neue Freunde in Japan gewonnen zu haben und jederzeit wieder in Marugame willkommen zu sein. 

(43) Treffen des Ehepaars Rode mit der japanischen Forschungsgruppe Deutsche Kriegsgefangene aus Tsingtau in Marugame 2012


4. 5. Anna Berliner in Marugame


Der Name Berliner steht zu dem Lager Marugame in doppelter Hinsicht in besonderer Beziehung. Einerseits hatte sich die junge Ehefrau von Siegfried Berliner, Anna Berliner, für sechs Monate mit ihrem Dienstmädchen in Marugame einquartiert, um für die Freilassung ihres Mannes zu kämpfen. Anderseits war ein anonymer Beschwerdebrief über die Lagerzustände von Siegfried Berliner geschrieben worden und von Anna Berliner unter Umgehung der strengen japanischen Postzensur über die USA nach Deutschland geschickt worden. Dieser Vorgang setzte ungewöhnliche, diplomatische Aktivitäten in Gang, die möglicherweise mit zur Schaffung des neuen Kriegsgefangenenlagers Bando beigetragen haben.

Anna Berliner’s Bitte um Transfer von Siegfried Berliner nach Tôkyô

Auf den interessanten Werdegang von Anna Berliner werden wir an späterer Stelle ausführlich eingehen, hier sollen zunächst nur ihre Aktivitäten in Marugame dargestellt werden.

(44) Anna Berliner


Zunächst hatte Anna Berliner noch von Tôkyô aus am 25. 1. 1915 ein Gesuch an den japanischen  Aussenminister Katô über den  US Botschafter Guthrie eingereicht, um die Verlegung ihres Gatten nach Tôkyô, ihrem gemeinsamen Wohnort, zu erreichen.

(45) Anna Berliner Gesuch

Das Gesuch wurde am 27. 1. an das Kriegsministerium weitergeleitet und am 4. 2. durch den Heeresminister offiziell abgelehnt.  Am 6. Februar antwortete der Aussenminister dem Botschafter, dass es grundsätzlich nicht möglich sei, den Aufenthaltsort von irgendeinem Gefangenen zu verändern.

Bereits vorher im September 1914 hatte die Leitung der rechtswissenschaft-lichen Fakultät der Tôkyô Universität entschieden, dass mit der Einberufung von Dr. Berliner zum Militär der Arbeitsvertrag mit ihm seine Rechtskräftigkeit verloren habe und die Gehaltszahlungen eingestellt werden müssten.

Zu erwähnen in diesem Zusammenhang ist ein Hinweis in der 50-jährigen Geschichte der Tôkyô Universität von 1932, nach dem Dr. Siegfried Berliner von September 1913 bis November 1914 Lektor (Kôshi 講師 ) für Handelswissenschaft gewesen sei, nicht aber – wie im vorstehenden Brief von Anna Berliner behauptet - Professor (Kyôjû 教授).(Siehe: Takahashi, Terukazu: "Eine anonyme Anzeige aus dem Kriegsgefangenenlager Marugame", in: Journal of the Faculty of Letters, Okayama University, Volumen 38, Dezember 2002; auszugsweise Übersetzung ins Deutsche von Alexander Bürkner)



Anna Berliner wohnte sechs Monate in Marugame

Dann am 15. Februar 1915 kam die junge deutsche Frau angereist von Tokyo in Marugame an und besucht ihren Mann im Lager. Man stelle sich diese Sensation vor! Selbst heute noch (2012) waren der Verfasser und seine Frau beim Besuch in Marugame nahezu die einzigen Europäer  in der 100.000 Einwohner zählenden Stadt auf der Insel Shikoku. Vor nahezu hundert Jahren muss also der Besuch einer deutschen Frau etwas Unvorstellbares gewesen sein!.

In Anwesenheit des Dolmetschers des Lagerkommandanten darf sich das Ehepaar Berliner unterhalten. Am nächsten Morgen, am 16. 2. 1915, erscheint die Fremde wieder und bekommt ausnahmsweise die Erlaubnis zum Besuch ihres Gatten, weil sie ein Haus in der Nähe des Lagers im Ortsteil Shinhama mieten möchte. Zwei Wochen später erscheint Anna Berliner wieder am Lagertor und bittet um Einlass und ein Zusammentreffen mit ihrem Mann. Dem wurde stattgegeben, wieder in Anwesenheit des Dolmetschers des Lagerkommandanten.


Besuche von Anna Berliner bei ihrem internierten Mann waren zwei Mal im Monat gestattet. Dazwischen ließ sie durch ihr Dienstmädchen Yoshiko Iwasaki Essen oder Blumen mit Briefen zu ihrem Mann bringen.  Eine im Deutschen Haus in Naruto aufbewahrte Postkarte aus dem Jahr 1915 erinnert an " Iwasaki-san".

Zu dieser Zeit war Siegfried Berliner bereits mit den anderen Gefangenen vom Lager Marugame in das  Lager Bando transferiert worden.

(46) Dankespostkarte von Siegfried Berliner an Dienstmädchen Yoshiko Iwasaki vom 25. 10. 1919


Eine deutsche Übersetzung dieses Dokumentes stammt von Kiyoyuki Kosaka, der Berliners gutes Japanisch lobte: "Am 19. habe ich Ihren Brief mit Kuchen erhalten (...teilweise unlesbar...), und mein Herz wurde mit unaussagbarer Freude erfüllt. Ganz  herzlich danke ich Ihnen. Der Kuchen schmeckte mir so gut, dass ich in den vergangenen 5 Jahren nie etwas so Wohlschmeckendes wie diesen gegessen habe. Yoshiko-san, Sie backen sehr gut! Ich wollte ja auch seit sehr langer Zeit etwas Gutes an Sie schicken; aber man erwartete die Befreiungszeit mit der Hoffnung 'vielleicht bald' oder 'noch ein bisschen später, dann sicherlich', so vergingen die langen 4 oder 5 Monate, indem ich dachte, dass Ihre Freude größer sein würde, wenn ich Ihnen ein Geschenk persönlich überreichen werde, als ich es per Post schicke. So dauerte es bis jetzt, leider. Meine Frau ist jetzt in Deutschland, und in jedem Brief schreibt sie 'viele Grüße an Yoshiko san'. Nur kurz zum Dank und zur Information. Bleiben Sie bitte immer gesund!"

Wochen vergehen, ohne dass sich die Lage der Gefangenen verändert, und draußen in Shinhama wohnte Anna Berliner  (siehe Abbildungen 47 bis 51) mit ihrem Dienstmädchen Yoshiko Iwasaki.

Am 14. Juni 1915 engagierte sie einen Rikscha Fahrer und beauftragte ihn zum Lager zu fahren, um Lebensmittel und einen Brief zu überreichen. Gleichzeitig sollte ihr Mann einen kleinen Hund mit Hundehütte, Teller und Bürste in Empfang nehmen. Siegfried wurde von einem Lagertraining gerufen, Iwasaki-san überreichte die gewünschten Sachen und kehrte zurück. Da jedoch Siegfried Berliner um keine Erlaubnis für die Annahme der Geschenke bei der Lagerleitung vorher gebeten hatte, wurde er mit einer Disziplinarstrafe von 10 Tagen Arrest bestraft, und Frau Anna Berliner durfte ihren Mann erst wieder Anfang Juli besuchen.

Im Juli und Anfang August 1915 fanden noch weitere Besuche von Anna bei ihrem Ehemann Siegfried im Lager statt.  Zwischen 19. und 22. August 1915 jedoch sind Tage des Abschieds von Anna Berliner aus Marugame im Lager-Tagebuch dokumentiert: Sie nahm Abschied von Japan und ihrem Mann, um in die USA zu reisen.

4. 6. Anonyme Anzeige aus Marugame

Was Anna Berliner im Gepäck mit nach den USA nahm, hat uns  Prof. Terukazu Takahashi aus Okayama erst Jahrzehnte später in seiner Publikation "Eine anonyme Anzeige aus dem Kriegsgefangenlager Marugame" aufgezeigt (siehe  Lagertagebuch Marugame). Es war ein Schriftstück, das für diplomatische Interventionen sorgte, die möglicherweise mit dazu beigetragen haben, das Lager Marugame zu schließen und das neue  Lager Bando zu bauen.

Doch zu jener Zeit im August 1915 war es zunächst nur ein anonymer Beschwerdebrief über die Zustände im Lager Marugame, der beim Kriegsministerium in Berlin landete. Das deutsche Kriegsministerium leitete diesen Brief am 22. Januar 1916 an das Auswärtige Amt mit dem Hinweis:

"Dieser Brief ist, ohne die japanische Zensur passiert zu haben, von einer Dame, deren Mann sich in diesem Lager befindet, aus Japan nach Amerika mitgenommen und von dort nach Deutschland gesandt worden."

Als Beispiele für die schlechte Behandlung wurden genannt:

- Bestrafung ohne Verhör unter nichtigem Vorwand, nur um zu bestrafen.
  Feldwebel vorher mehrmals aufgefordert, Leute zu melden, die man bestrafen
  könne.

- Verbot Vorträge zu halten- Gesangproben mehrmals untersagt- Raum zum
  Wohnen, Essen, Schlafen, Aufbewahren der Sachen noch nicht 2  qm per
  Mann

- Ganz unzureichende Verpflegung die ersten Wochen, nur Brot und 
  Zwiebelsuppe mit nicht essbaren Fleischabfällen.

- Wiederholte Schikanen der Wachoffiziere: Stossen und Schlagen der
  Gefangenen.

- Japanische Kantine boykottiert, weil Japaner zu Dreien mit eisernen   
  Instrumenten auf einen Gefangenen losgingen.

-  Kein Spielplatz, nur zweimal wöchentlich für 2 Stunden ausgeführt, wo
   Spielgelegenheit.

-  Im Winter ungenügendes Heizmaterial, oft gefroren, auch gegen Angebot
   von Bezahlung nicht zu erhalten.

(52) Beschwerdebrief von Siegfried Berliner

Da die USA zu der Zeit noch nicht in den Krieg eingetreten waren, bat die deutsche Regierung die amerikanische Regierung um Intervention, was dann auch geschah. Daraufhin erreichte die USA bei der japanischen Regierung das Zugeständnis zur Inspektion der Kriegsgefangenlager durch einen amerikanischen Konsulatsbeamten, den 3. Botschaftssekretär  Sumner Welles von der amerikanischen Botschaft in Tôkyô.

Sumner Welles besuchte im März 1916 die 11 Gefangenenlager in Japan und fertigte ausführliche Berichte an. Während beispielsweise das  Lager Kurume eine vernichtende Kritik bekam, war der  Bericht über Marugame relativ moderat in seiner Kritik Allerdings wurden auch Mängel aufgelistet:

- Tempelanlage und Nebenräume nicht geeignet für Gefangenenunter-
  bringung,

- Ausserordentliche Überfüllung des Innenraumes des Tempels,

- Wegen Zugluft haben die Gefangenen Lücken und Risse mit Papier verklebt,
  dadurch können Schlafräume nicht mehr durchlüftet werden,

-  Badeeinrichtungen nicht gut, Aborte in Nähe der Wohnräume mit Gefahr für
   die Gesundheit der Gefangenen,

-  Keine Gelegenheit, Spiele oder Übungen im Freien auszuüben.

Wie oben schon erwähnt, hat der Bericht möglicherweise dazu beigetragen, dass von der japanischen Regierung der Beschluss gefasst wurde, das neue Lager Bando zu bauen und die Gefangenen der drei Lager auf der Insel Shikoku Tokushima, Marugame und Matsuyama nach dort zu verlagern.

Das Lager Bando unter Leitung des  Kommandanten Oberst Matsue ist gut bekannt und braucht hier nicht im Einzelnen dargestellt zu werden.  

4. 7. Musikalische Aktivitäten von Siegfried Berliner im Lager

Ob und wann Siegfried Berliner die Liebe zur Musik entdeckt hat, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Aber mit Sicherheit hat er schon während seines Studiums in Leipzig bei seinem Burschenbund Alsatia Studentenlieder gesungen. Sicherlich hat er auch schon vor seinem Japan Aufenthalt die Violine in der Hand gehabt, denn die Chronik des  Engel Orchesters verzeichnet seinen Eintritt in die Kurkapelle Marugame als einen großen Gewinn:

"Im August 1915 Kurkapelle Marugame: Das Orchester gewann zwei neue Mitglieder, Dr. Berliner und Paulsen, beides Streicher. Konzert am 17. Oktober 1915: Durch den Eintritt von Dr. Berliner war das Orchester um vieles besser geworden, und Engel versuchte es bei diesem Konzert zum ersten Male, das Orchester als Stehgeiger zu dirigieren; es fing also mit diesem Konzert eine neue Ära an. ("Das Engel Orchester, Seine Entstehung und Entwicklung 1914 – 1919, Gedruckt und Gebunden in der Lagerdruckerei des Kriegsgefangenenlager Bando 1919")

(53) Engel Orchester, ganz links als 1. Geiger Siegfried Berliner

(Zum Vergrössern bitte das Foto anklicken)


Bei einem Konzert am 25. Dezember 1915, dem 2. Weihnachtsfest in Gefangenschaft, spielte das Engel Orchester folgende Stücke:

1. Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“  F. Suppé 

2.  Frühlingsstimmen, Wiener Walzer  Joh. Strauss 

3.  Adagio und Rondo aus dem Violin Konzert Nr. 7,  Pierre  Rode,     
     Solist: Herr Dr. Berliner 

4.  Ballett-Musik aus „Sylvia“, Léo Delibes

Der Verfasser dieser Arbeit könnte jetzt scherzhaft ausrufen: "Berliner spielt Rode"! Sein wenig bekannter Namensvetter, der Komponist und Violinist,  Pierre Rode, wurde am  16. Februar 1774 in Bordeaux geboren und starb 1830 in Paris. Wie schön dieses Violin Konzert Nr. 7 in A-Moll von Pierre Rode klingt, kann man in einer Aufnahme von Yoshua Henderson hören ( Video).

An einem "Volkstümlichen Abend" wartete in seinem VIII. Konzert das Engel Orchesters am 2. Januar 1916 mit einem bunten Programm auf. Als fünftes Stück wurde der Ländler Großmütterchen vom Komponisten G. Langer von den Solisten Dr. Berliner und Weitz gespielt.

 (54) Ländler CD

Zusätzlich zu den Aufführungen des  Gesamtorchesters wurden Kammermusikabende veranstaltet, die in erster Linie von Paul Engel und Siegfried Berliner als Geiger und mit Hermann Claasen am Klavier bestritten wurden.  Beim XII. Konzert am Ostersonntag, dem 23. April 1916, sang Siegfried Berliner als Solist die Arie  Prendimi teco („Nimm mich mit dir“)  aus Romeo und Julie von  Nicola Vaccai (1790 – 1848).

Beim XIV. Konzert am 9 Juli 1916 anläßlich der einjährigen Wiederkehr des Gründungstages der Kurkapelle trat Siegfried Berliner als Solist mit dem Stück Legende, Opus 17 von  Henryk Wieniawski auf. Der Violinist Leonid Kogan führt vor, wie dieses schöne Konzertstück klingt ( Video).

Auf dem II. Kammermusik-Abend am 18.2.1917 im Raum der Zweiten Kompanie spielten als Geiger Engel und Siegfried Berliner gemeinsam Beethovens "Frühlingssonate" op. 24 für Violine und Klavier:

(55) Quelle:  Deutsches Institut für Japankunde

4. 8. Im Lager Bando von April 1917 bis Dezember 1919

Im April 1917 wurden die Kriegsgefangenen aus dem alten Lager Marugame und anderen Lagern in das neu erbaute, schon mehrfach oben genannte Lager Bando verlegt.  Siegfried Berliner wurde dort mit der Heimatanschrift: "Hannover, Maschstr. 8" geführt, nicht mit seinem Wohnort in Tôkyô.

Auch das Engel-Orchester wurde in Bando weitergeführt und wurde durch neue Mitglieder aus dem früheren Matsuyama Lager auf insgesamt 24 Musiker erweitert. Dr. Berliner wird als Erster Geiger aufgeführt. Zusätzlich hatte er in dem Verein "Das Engel Orchester" vom November 1917 bis August 1918 die Funktion des Schrift- und Kassenwartes inne.

In der Verfilmung der Geschichte des Lagers Bando (" Ode an die Freude" 「 バルトノ学園」) ist Höhepunkt die am 1. Juni 1918 erfolgte Uraufführung von Beethoven's  9. Symphonie mit dem gleichnamigen Schlusschoral "Ode an die Freude", mit der die Dankbarkeit der deutschen Kriegsgefangenen an die Japaner musikalisch zum Ausdruck gebracht werden sollte. Wie bekannt geniesst dieses Musikstück bis heute hohen Respekt in Japan. Tatsächlich fand diese Aufführung im Lager Bando statt, aber nicht durch das Paul Engel Orchester, sondern durch das Tokushima Orchester unter Leitung des Berufsmusikers Hermann Hansen. Siegfried Berliner war an diesem historischen Ereignis also nicht als Musiker, wahrscheinlich nur als Zuhörer beteiligt.

Die Liebe von Dr. Berliner zur Musik ist auch an anderer Stelle dokumentiert: Berliner verlor bei seiner Auswanderung eine  Vuillaume-Geige aus den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts. “Die Geige war in einem ausgezeichneten Zustand. Sie hatte hellbraunen Lack, ihr Ton war sehr voll, dabei doch weich. Ich habe sehr viel darauf gespielt. …Während meines Aufenthaltes in Tokio war vorübergehend zu Gastvorlesungen auch Professor Albert Einstein dort. Er spielte auch Geige, hat verschiedentlich mein Instrument gespielt und lobte es sehr, hat auch die Geige bei einem Konzert bei einer grossen gesellschaftlichen Veranstaltung gespielt. Er trug die Kreutzersonate von Beethoven vor." (Niedersächsisches Landesarchiv: Akte Nds. 110 W Acc 84/90 Nr. 446/24: Eidesstattliche Erklärung Siegfried Berliners vor Notar Paul Siegel vom 22. 9. 1956)

Über die Bekanntschaft von Siegfried Berliner zu Albert Einstein und deren Treffen in Tokyo im Jahre 1922 kann man im  Tagebuch von Einstein nachlesen: “18. 11. 1922: Noch Besuche von Berliners. 21. 11. 1922: Abends gemütlicher Abend bei Berliners in reizendem japanischen Haus. Er intelligenter Nationalökonom,  sie graziöse, intelligente Frau, echte Berlinerin."

Außer der musikalischen Betätigung fand Siegfried Berliner im Lager Bando offensichtlich mehr Gelegenheit als in Marugame seine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse in Vorträgen darzubieten. Im Mai 1917 begann er mit Vorträgen über die Finanzierung von Aktiengesellschaften (" Die Baracke", Lagerzeitschrift vom Kriegsgefangenenlager Bando Nr. 10, 2.Dezember 1917, S.152).

Da die in Marugame geplanten Hochschulkurse aus gewissen Gründen nicht abgehalten werden konnten, habe ich wiederholt in kleinen Kreisen sowohl in Marugame als auch später in Bando Kurse, Übungen, Besprechungen in ostasiatischen Wirtschaftsfragen abgehalten. Für Buchführungskurse wurden Geschäftsgänge aus dem China Export- und Importgeschäft zu Grunde gelegt, die Gelegenheit zur Erörterung von Einzelfragen gaben. Das Material zu folgenden Arbeiten entstammt zum Teil solchen Diskussionen:

-  Organisation und Betrieb des Importgeschäfts in Japan.-

  Organisation und Betrieb des Importgeschäfts in China.

-  Organisation und Betrieb des Exportgeschäfts in China.

-  Organisation, Betrieb und Technik des Seeschiffahrtsgeschäfts in China.

(Die Arbeiten erscheinen im Verlag der Hahn'chen Buchhandlung, Hannover.S. Berliner)“ (zitiert nach: OAG Band 17, 1914-1922 B, Werke von Kriegsgefangenen, S.269f).

Im Täglichen Telegramm-Dienst des Lagers Bando wird mit Datum 24. November 1919 in der Rubrik Anzeigen von Berliner darauf  hingewiesen, dass zwei Bücher fertiggestellt sind:  “Im Verlag der Hahns’schen Buchhandlung Hannover erscheint von mir * Organisation und Technik des Import-Geschäfts in China und* Organisation und Technik des Import-Geschäfts in Japan.Interessenten bitte in die Listen eintragen (Berliner).“ (Deutsches Institut für Japanstudien: "Bando-Sammlung", Täglicher Telegramm-Dienst Bando vom 24. November 1919, Nr. 213)

(56) © 1920 Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft, Steuern und Recht GmbH

Das  Buch über die Organisation und den Betrieb des japanischen Importhandels (der Titel wurde nachträglich etwas modifiziert) ist auch aus heutiger Sicht noch sehr interessant. Zum Einen gibt es einen guten geschichtlichen Überblick über die seinerzeit am Importhandel in Japan beteiligten Firmen. Zum Anderen gibt Berliner aber auch wichtige Ratschläge, wie z. B. bei der Auswahl der bei “Importfirmen attachierten Angestellten der Fabrikanten.":

"Bei der Auswahl solcher Angestellten, besonders bei den niederen, sollten die Fabrikanten recht vorsichtig sein und nur verständige, nüchterne Leute nach Japan entsenden. Der Monteur sitzt oft lange Zeit auf einem entlegenen Platz, wo er vom Vertreter wenig kontrolliert werden kann, und kommt dabei leicht in Versuchung, seine Arbeiten zu vernachlässigen oder dem Kunden mehr entgegenzukommen, als dem Interesse des Fabrikanten oder des Vertreters entspricht. Nicht gerade, dass er Bestechungsgelder annimmt, aber Bacchus und Venus haben in dem heiteren Lande der aufgehenden Sonne noch eine große Macht und sind gerne bereit, das Leben eines einsamen Monteurs aufzuheitern.
" (Deutsches Institut für Japanstudien: Bando-Sammlung, Täglicher Telegramm-Dienst Bando vom 24. November 1919, Nr. 213)

Einer der deutschen Kriegsgefangenenkameraden von Siegfried Berliner war der Kaufmann  Kurt Meissner (18985-1976), der später zahlreiche Schriften zu Japan über sein Berufsfeld hinaus verfasste. Meissner schreibt in seiner  BiographieEin Koch aus Tient-sin unterrichtete japanische Damen in Kartoffelgerichten. Prof. Berliner hielt wirtschaftliche Vorträge in Muya (heute Naruto). Bei beiden dolmetschte ich." (Meissner, Kurt: "60 Jahre in Japan. Lebenserinnerungen von Kurt und Hanni Meißner". Privatdruck, Tokyo 1961
 Abruf- und lesbar in der kostenfreien Digitalen Bibliothek der OAG

Aus der Zeit im Lager Bando stammt auch ein gemeinsames Werk von Dr. S. Berliner / Kurt Meissner: "Die Entwicklung der japanischen Eisenindustrie während des Kriegs". Hannover Hahnsche Buchhandlung 1920.

Sowohl nach Ende der Gefangenschaft in seiner Zeit in Tôkyô und dann später in Leipzig pflegte Berliner die Freundschaft mit Meissner. Auch geschäftlich wirkten beide ehemaligen Lagerhäftlinge zusammen, so in Meissners  Firma Leybold Shokan. Für seine Unterstützung hatte Berliner von Meissner eine Aktien-Beteiligung von Yen 11.000 an der Firma erhalten. Allerdings musste Berliner später in der Zeit seiner durch die Nazi-Machtübernahme erzwungenen Emigration von Deutschland in die USA diese Aktien weit unter Wert zu nur US Dollar 1.295 anstelle eines geschätzten Wertes von US Dollar 10.000 verkaufen (Niedersächsisches Landesarchiv: Akte Nds. 110 W Acc 84/90, Nr. 446/24: Eidesstattliche Erklärung Siegfried Berliners vor Notar Paul Siegel vom 22.9.1956).

Im Dezember 1919 wurde das Lager Bando aufgelöst. Siegfried Berliner ist nach seiner Entlassung bis 1925 in Japan geblieben.

Die Teilnehmer des Tsingtau Kriegseinsatzes haben insbesondere nach dem 2. Weltkrieg Kontakt untereinander aufgenommen und Kameradschaftstreffen in Deutschland organisiert. Es wird berichtet, dass Siegfried Berliner an einer  Zusammenkunft der Tsingtau-Kameradschaft im Jahr1960 teilgenommen hat. Das erscheint plausibel, denn im gleichen Jahr ist seine Teilnahme an dem Stiftungsfest seiner oben erwähnten studentischen Verbindung Alsatia in Marburg durch ein Foto belegt.

5. Erneuter beruflicher Einsatz von Siegfried Berliner in Tôkyô 1920 - 1925

Nach seiner Freilassung konnte Dr. Berliner von Februar 1920 bis März 1925 seine Tätigkeit als Professor für Handelswissenschaften an der Kaiserlichen Universität in Tôkyô wieder aufnehmern. Seine Wiedereinstellung gründete auf der Beurteilung, dass seine “Qualifikationen in Forschung und Lehre ebenso wie sein leidenschaftlicher Einsatz“ hervorragend eingestuft worden waren. In der 100-jährigen Geschichte der Universität Tôkyô wird darauf hingewiesen, dass Berliner eine handelswissenschaftliche Bibliothek in der Universität eingerichtet habe mit einer Sammlung von Statuten und Geschäftsberichten.

In einem Interview mit Siegfried Berliner durch die Chugoku Zeitung (Chugoku Shimbun  中国新聞) vom 24. Januar 1920 wird dessen positive Einstellung zu Japan deutlich: "Da die beiden Staaten nun die Schwerter in die Scheiden gesteckt und friedliche und freundschaftliche Beziehungen wiederhergestellt haben, wollen wir mit frischem Mut so viel und stark wie möglich für Japan arbeiten."

Ehrenamtlich war Siegfried Berliner in der oben bereits erwähnten OAG Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens tätig.  Von 1920 und von 1921- 1924 war er Schatzmeister (Weegmann, Carl von: "85 Jahre O.A.G.", Tôkyô 1961, S.36).

Das Einvernehmen mit den anderen Vorstandsmitgliedern und der Einsatz von Berliner für die OAG waren offensichtlich derartig gut, dass von ihm 1925 nach der Rückkehr nach Deutschland in Leipzig eine OAG-Geschäftsstelle gegründet wurde (Weegmann, Carl von und Schinzinger, Robert: "Die Geschichte der OAG. 1873-1980", Tôkyô 1982, S.45,  kostenlos abrufbar und lesbar in der digitalen OAG-Bilbliothek).

Über die Leipziger Zeit des Ehepaares Berliner und die spätere dramatische Wende nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird später berichtet. Hier seien nur noch einmal vollständigkeitshalber die Veröffentlichungen von Siegfried Berliner während seiner Japan-Zeit aufgeführt, die er ihm Rahmen der Reihe "Weltwirtschaftliche Abhandlungen" herausgegeben hat. Diese wurde ursprünglich durch die Hahns‘sche Buchhandlung in Hannover herausgegeben. Ab 1925 führte sie der C. E. Poeschel Verlag bis 1933 fort. Die Reihe behandelt Wirtschaftsfaktoren verschiedener Länder:

Band 1: Siegfried Berliner: Organisation und Betrieb des japanischen Importhandels(1920)

Band 2: Siegfried Berliner: Organisation und Betrieb des Importgeschäftes in China (1920)

Band 3: Siegfried Berliner / Kurt Meißner: Die Entwicklung der japanischen Eisenbahnindustrie während des Krieges (1920)

Band 4: Siegfried Berliner: Organisation und Betrieb des Exportgeschäftes in China (1920)

Band 5: P. Klautke: Nutzpflanzen und Nutztiere Chinas (1922)

Band 6: Siegfried Berliner: Organisation des Indigohandels im Lande Awa (1924)

Band 7: Anna Berliner: Japanische Reklame in der Tageszeitung (1925)

Band 8: Siegfried Berliner: Der Erdnusshandel in Shantung (1926)

Neben der 1912 erschienenen "Politischen Arithmetik" veröffentlichte Siegfried Berliner im C. E. Poeschel Verlag die Untersuchung "Das Geld als Kapital" in der Reihe "Die Bücher: Organisation" (1924) wie bereits oben beschrieben.

Darüber hinaus hat Siegfried Berliner zahlreiche Artikel für diverse Zeitschriften geschrieben so für die Zeitschrift für Betriebswirtschaf, die Zeitschrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis, die Zeitschrift für Handelswissenschaftliche Forschung, für das Weltwirtschaftliche Archiv, das Handwörterbuch der Betriebswirtschaft und für zahlreiche japanische Zeitschriften.

6. Ehefrau Anna Berliner

Nachdem an verschiedenen Stellen bereits von Siegfried Berliner’s Ehefrau Anna Berliner die Rede war, ist es angebracht, einen Moment in der chronologischen Betrachtung von Siegfried Berliners Leben anzuhalten und etwas von dieser  bedeutenden Wissenschaftlerin (siehe auch die  Replik von Gundlach hierzu) zu berichten.

Anna wurde als Anna Meyer in der jüdischen  Familie von Israel und Henriette Meyer in Halberstadt am 21. Dezember 1888 geboren. Ihr Vater Israel Meyer hatte ein bekanntes Damenkonfektionsgeschäft, wo auch Seidenstoffe und Modewaren aller Art angeboten wurden. Ihre Mutter Henriette (geb. 1859-1942) wurde 1942 im Alter von 83 Jahren deportiert und ermordet. Anna hatte drei Schwestern: Grete, Elisabeth und Gertrud. Elisabeth (geb. 1887) selbst wurde auch wie ihre Mutter von den Nationalsozialisten inhaftiert, konnte aber später in die USA fliehen und ist dort in Kalifornien im Jahre 1982 gestorben.

Anna Meyer verließ im Alter von 15 Jahren das elterliche Haus in Halberstadt und besuchte von  1905 – 1909 das Realgymnasium in Hannover (Pacific University Archive, Anna Berliner Collection ACC.2011.260 – Memorial lecture delivered 1978 by Mathew Alpern). Nach dem Abitur studierte sie zunächst Medizin in Freiburg zwei Semester im Jahre 1909  und ein Semester im Jahre 1910 in Berlin. Aber sie verspürte schon früh den Wunsch, sich der neu entwickelnden Disziplin der Psychologie zuzuwenden. Bereits in Berlin hatte sie  neben den vorklinischen medizinischen Fächern ein Seminar für Psychologie belegt.

1910 im Alter von 21 Jahren hatte Anna dann den Bruder von ihrer Schulfreundin Cora Berliner kennen gelernt und diesen noch im selben Jahr geheiratet. Dies war Siegfried Berliner.

Anna Berliner folgte ihrem Mann nach Leipzig und nahm nun das Studium der Psychologie auf. Obwohl sie wusste, dass dort bei dem eingangs schon erwähnten, berühmten Prof.  Wilhelm Wundt, dem Begründer der Psychologie, nur männliche Doktoranden angenommen wurden, wagte sie in einem mutigen Schritt sich entschlossen bei Prof. Wundt vorzustellen. Wundt war offensichtlich beeindruckt von der jungen Frau und stimmte der Aufnahme ihres Studiums zu.  Zu ihren Erfahrungen während des Studiums liegt ein persönlicher Bericht von Anna Berliner in dem Archiv der Pacific University Oregon vor. (Genehmigung zur Veröffentlichung liegt dem Verfasser Rode vor) . So wurde sie die erste weibliche Doktorandin von Prof. Wundt. Sie wurde in Leipzig 1913 summa cum laude mit einer Arbeit über “ Subjektivität und Objektivität von Sinneseindrücken“ zum Dr. phil. promoviert.

Danach folgte sie ihrem Mann nach Japan, der 1913 eine Gastprofessur an der kaiserlichen Universität in Tokyo übernommen hatte. 

In Tokyo hat Anna Berliner zunächst 1913/1914 im Psychologischen Labor und im Psychiatrischen Krankenhaus der kaiserlichen Universität Tokyo gearbeitet, bis dann der Krieg ausbrach und ihr Mann in Gefangenschaft geriet. 

Anna Berliner ist nach dem oben beschriebenen Aufenthalt in Marugame im August 1915 in die USA ausgereist. Zunächst arbeitete sie 1915/1916 an der Berkeley Universität in Kalifornien auf ihrem Fachgebiet Psychologie bei Prof. G. M. Stratton, aber auch im Fach Mathematik bei Prof. C. I. Lewis. Danach widmete sie sich mit einem Stipendium an der Columbia University Studien der Psychologie, Philosophie und Anthropologie. Zusätzlich hatte sie in New York als Psychologin in der Hebrew Orphan Asylum Organisation gearbeitet und verdiente sich für eine Reihe von Firmen in New York als Beraterin für Werbung.

Nach Kriegsende kehrte sie 1920 wieder nach Japan zurück und widmete sich dem Thema Reklame und wirkte als psychologische Beraterin für die Firma Hoshi Pharmaceuticals in deren Werbeabteilung. Sie erteilte auch Unterricht und erstellte wissenschaftliche Anleitungen 「他人を風貌ではんだんすることができるかベルリナ」 , entwickelte Tests zur Auswahl der Arbeiterinnen und testete selbst diese Bewerberinnen. Ausserdem lehrte sie Verkaufstechnik an der Privaten Hoshi Seiyaku Handelsschule 「星薬科大学史」, die von  Hajime Hoshi 1922 gegründet worden war und aus der die heutige Hoshi Pharmaceutical University hervorging. Der Gründer Hajime Hoshi hat sich als Mäzen für die Förderung der deutschen Wissenschaft und der Japanisch-Deutschen Beziehungen in der schwierigen Zeit nach dem 1. Weltkrieg hervorgetan. Von der Japanischen Botschaft in Berlin ist Hajime Hoshi im Februar 2012  besonders gewürdigt worden.

Anna Berliner fungierte außerdem als Beraterin für den damalgen Bürgermeister von Tokyo Graf  Goto Shimpei, der ebenfalls für die Japanisch-Deutschen Beziehungen eine besonders wichtige Rolle gespielt hat. Schließlich gab sie auch noch Unterricht an der Nihon Universität.

Die Liste ihrer Publikationen  ist sehr umfangreich.

Besonders erwähnenswert ist die Veröffentlichung des 1925 im   C.E. Poeschel Verlag (jetzt Schäffer-Poeschel) erschienenen Werkes: " Japanische Reklame in der Tageszeitung". Der Poeschel Verlag stellte im Jahre 1925 das Buch der Öffentlichkeit mit einer Einführung zu "der ersten Frau", die im Verlag veröffentlicht habe, vor.

Die Autorin erläutert in ihrer eigenen Schlussbetrachtung: "In Japan ist das Stimmungsmäßige stärker herausgearbeitet, das rein Gedankliche vernachlässigt. Im Westen ist es umgekehrt. Alles, was indirekt auf den Beschauer wirkt, ist in der japanischen Anzeige zu finden: die ästhetische Ausgestaltung, die Verknüpfung mit
                                                                                (57) ©1925 Schäffer-Poeschel
                                                                                       Verlag für Wirtschaft, Steuern
                                                                                       und Recht GmbH


der gerade herrschenden Stimmung die Gestaltung der Atmosphäre, die Einheitlichkeit der Werbung. Es fehlt die gedankliche Herausarbeitung des Kaufgrundes ... Es ist noch sehr fraglich, ob eine stimmungsmäßige Anzeige verkehrt ist. Alles, was wir sagen können, ist, daß eine solche übertriebene Stimmung, wie sie die japanische Anzeigen zeigen, auf uns nicht wirkt. Vergessen wir jedoch nicht, daß wir auch eine amerikanische Anzeige typischer Form nicht ohne weiteres nach Deutschland übertragen können. Einmal klingen Dinge in der Übersetzung anders, und zweitens hat jedes Land seine Tradition."


Weitere wichtige Thematik während ihrer Zeit in Japan war für Anna Berliner die Teezeremonie. Sie lernte die japanische Sprache und nahm über drei Jahre Unterricht in der Teezeremonie. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland veröffentlichte sie 1930 in Leipzig ein umfangreiches Werk in zwei Teilen mit dem Titel: "Der Teekult in Japan" (Verlag Asia Major Dr. Bruno Schindler, Vol. V (1930) S. 281 - 488 und Vol. VI (1930) S. 109 – 297.)

In der Einleitung zu diesen Aufsätzen schreibt Anna Berliner: "Als ich den ersten Unterricht nahm, wußte ich nichts von dem gewaltigen System des Teekults. Ich glaubte, etwas begonnen zu haben, das sich in absehbarer Zeit meistern ließ. Je mehr ich damit beschäftigte, um so mehr erstaunte ich über das riesige Gebäude, das sich vor mir auftat. Es fesselte mich immer mehr als ein völkerpsychologisches Phänomen, das seiner selbst wegen wert ist, erforscht und festgehalten zu werden." Detlef Kantowsky widmet in seinem umfangreichen  Werk über den Teeweg der Veröffentlichung von Anna Berliner auf den Seiten 93 ff. eine ausführliche Würdigung und ist voll des Lobes. Wer immer sich mit der japanischen Teezeremonie beschäftigen will, sollte ein Blick in dieses immerhin schon 80 Jahre alte Buch werfen. 

Zunächst kehren wir zur gemeinsamen Zeit des Ehepaares Berliner in Deutschland zurück. Zum Abschluss dieser Ausarbeitung werden wir nochmals auf die letzten Lebensjahre von Anna Berliner in den USA und ihren tragischen Tod zu sprechen kommen.

7. Leipzig 1925 - 1938

Im Jahre 1925 kehrte das Ehepaar Berliner nach Deutschland  zurück und ließ sich in Leipzig nieder.

Prof. Siegfried Berliner hatte sich durch seine Studien ein reiches Wissen an versicherungsmathematischen Kenntnissen angeeignet. Dieses nutzte er als Mitbegründer und Direktor der "Hamburg-Leipzig Lebens-Versicherungsbank AG", die später in "Deutsche Lloyd Lebensversicherung" umbenannt und 1927 von der "GENERALI Versicherung" übernommen wurde.

Innerhalb von 12 Jahren hat Berliner das Versicherungsvolumen dieser Lebensversicherung auf 72 Mio RM jährliches Prämieneinkommen von 13,2 Mio RM gesteigert. Jährlich wurden 8 % Dividende an die Anteilseigner ausgeschüttet. Während seiner Zeit im Versicherungsgewerbe reiste Siegfried Berliner häufig nach Österreich, Tschechoslowakei, Niederlande, Ungarn und Italien, um die Entwicklung der dortigen Tochtergesellschaften zu unterstützen und zu überwachen.

Die Deutsche Lloyd Lebensversicherung  unter der Leitung von Siegfried Berliner förderte und sponserte vor allem in den 1920er und Anfang der 1930er Jahren das jüdische Vereinsleben Leipzigs (siehe: Kowalzik, Barbara: Jüdisches Erwerbsleben in der Inneren Nordvorstadt Leipzigs 1900-1933, Leipzig 1999, S. 58).  Buch bei Amazon

Parallel dazu unterrichtete Siegfried Berliner an der Leipziger Handelshochschule und gab Abendkurse für Versicherungsangestellte. Berliner  zählte zu den Mitbegründern und Förderern der Vereinigung ehemaliger Schüler der Öffentlichen Höheren Handelslehranstalt (ÖHHLA), an der er vor dem Japan Einsatz von 1909 bis 1913 als Oberlehrer Unterricht gegeben hatte. Durch Vermittlung von Siegfried Berliner erhielten viele Schüler der ÖHHLA Anstellungsverträge bei großen Versicherungsgesellschaften.

Die Kontakte zu Japan sollten auch in Leipzig nicht abreißen:

Siegfried und Anna Berliner gründeten in Leipzig eine Niederlassung der OAG und leiteten diese jahrelang bis 1932 ehrenamtlich ( Weegmann, Carl von & Schinzinger, Robert: "Die Geschichte der OAG. 1873-1980, Tôkyô 1982, S.45; kostenlos abrufbar und lesbar in der OAG Digitalen Bibliothek).

Aus einer Bemerkung von Anna Berliner in ihrem schon erwähnten Buch über die Teezeremonie geht hervor, dass sie wertvolle Hilfe bei der Übersetzung einiger Werke japanischer Autoren durch die in Leipzig weilenden japanischen Studenten C. Hiroe, R. Iinuma und F. Hamada erhalten hatte (Berliner, Anna: "Der Teekult in Japan", S.210). Näheres zu diesen Studenten konnte bisher nicht in Erfahrung gebracht werden.

Leipzig spielte zu jener Zeit in den deutschen Beziehungen zu Japan eine wichtige Rolle. Der Verlag Asia Major von  Bruno Schindler, in dem auch die Veröffentlichung über die Teezeremonie von Anna Berliner erschien, hatte den Vertrieb der OAG Publikationen übernommen. Der Leipziger Verlag  Harrassowitz lieferte seine Publikationen über Japan und Ostasien in die ganze Welt. Die OAG-Japan-Sammlung aus deren Gründungszeit war in Leipzig zu sehen. Ein Großteil dieser Sammlung hat den Zweiten Weltkrieg auch in der DDR Zeit überdauert und ist heute im  Grassi Völkerkunde Museum ausgestellt.

Siegfried Berliner selbst hat sich um den Druck der OAG Publikationen in Leipzig gekümmert und Verhandlungen mit Autoren und dem Verlag Asia Major geführt. Anerkennung und Lob wurde ihm in den  NACHRICHTEN DER GESELLSCHAFT FÜR NATUR- UND VÖLKERKUNDE OSTASIENS (NOAG) in überschwenglichen Worten ausgesprochen: “Abgesehen vom dem finanziellen Erfolge haben wir unserer Geschäftsstelle aber besonders dafür zu danken, dass sie in hervorragender Weise geholfen hat, den Namen der O.A.G. in Deutschland nach der langen durch den Krieg verursachten Unterbrechung wieder zu Ehren zu bringen. Unsere Mitteilungen werden überall besprochen, in wissenschaftlichen Publikationen zitiert und in allen Katalogen erwähnt. Dass uns wissenschaftlich so wertvolle Arbeiten von in Deutschland wohnenden Gelehrten, wie die von Scharhammer und Wedemeyer angeboten sind, ist entschieden ein besonderer Erfolg, den wir dadurch erzielen konnten, dass unsere Nachkriegsveröffentlichungen nicht nur in Ostasien sondern auch in Europa gute Resonanz gefunden haben. Dies alles verdanken wir unserer von Prof. Dr. S. Berliner geleiteten Geschäftsstelle in Leipzig.“ ( NOAG Band 20, 15.1.1930, S.5, download mit freundlicher Genehmigung der OAG).

Der im Oktober 1930 vollzogene Beitritt des Deutsch-Ostasiatischen Klubs Leipzig (D.O.C.)  in die O.A.G. hatte eine neue, verstärkte „Ortsgruppe Leipzig“ der O.A.G. entstehen lassen, die nun plötzlich mehr Mitglieder (über 100)  in Deutschland (inklusive Österreich und der Schweiz) als in Japan hatte. In der ersten Generalversammlung der "Ortsgruppe Leipzig" wurden zum Vorstand gewählt:

Geheimrat  Prof. Dr. Wilhelm Volz, Leipzig,
Prof.  Dr. Erich Hänisch, Leipzig,
Prof. Dr. Siegfried Berliner, Leipzig.

Erneut wird ein besonderer Dank an Prof. Berliner ausgesprochen. Dies geschieht in einem NOAG Heft, das ausführlich über die Gründungsfeier der Ortsgruppe berichtet,  und in dem die neuen Mitglieder aufgeführt werden, u.a. auch seine Frau, Dr. Anna Berliner: "Wir begrüssen die neuen Mitglieder auf das Herzlichste und sagen besonders Herrn Prof. Dr. Berliner für sein tatkräftiges Wirken für die O.A.G. unseren aufrichtigen Dank." ( NOAG, Heft 23, 15.12.1930, S. 2. Download mit freundlicher Genehmigung der OAG)

Mit Vorträgen in der OAG Leipzig wurde das Wissen um Japan vorbildlich verbreitet wie der aus den NOAG Heften von 1930 -1932 erstellten  Vortragsliste zu entnehmen ist. Alle heute in den Deutsch-Japanischen Gesellschaften für das Veranstaltungsprogramm Verantwortlichen werden besonders ermessen können, welche Arbeit Prof. Berliner als Leiter der OAG Geschäftsstelle Leipzig mit der Durchführung dieser Veranstaltungen gehabt hat.

Noch im NOAG Heft 29 vom 31. Mai 1932 werden der Umzug der OAG Geschäftsstelle und die Adressenänderung für Prof. Dr. S. Berliner und Frau Dr. Anna Berliner in die  Jakobstrasse 25 erwähnt. Das Ehepaar Berliner war zu der Zeit noch voll aktiv für die OAG Ortsgruppe Leipzig.

Doch dies alles nahm mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 ein Ende. Siegfried und Anna Berliner wurden als Juden öffentlich nicht mehr akzeptiert und geächtet. Der Leipziger Japanologe   Hans Ueberschar, der vom Geschäftsführer der Berliner Deutsch-Japanischen Gesellschaft (DJG)  Fritz Hack als "alter PG und Amtswalter" bezeichnet wurde, hat eine unrühmliche Rolle bei der Ausschaltung von Siegfried und Anna Berliner aus der Leipziger OAG gespielt (Haasch, Günther (Hrsg.): "Die Deutsch-Japanischen Gesellschaften 1888-1996)", Berlin 1996, a.a.O., S.140 ff.)

Hack bemühte sich bereits 1933 die Berliner und Leipziger Ortsgruppen der OAG in die Deutsch-Japanische Gesellschaft (DJG)  zu übernehmen. Während die Übernahme in Berlin angesichts  geringer Aktivitäten der dortigen Ortsgruppe problemlos war, ging dies in Leipzig nicht, wo die OAG dank den Eheleuten Berliner sehr aktiv war.  "Nun sagte uns kürzlich Professor Ueberschar aus Leipzig, dass die Persönlichkeiten von Herrn und Frau Berliner unter den neuen Verhältnissen nicht mehr tragbar seien...."(Schriftwechsel Hack mit Solf, zitiert nach Haasch, a.a.O., S.142).

Christian Spang schreibt unter Bezug auf die Veröffentlichung in NOAG, Heft 35:
"Diese dominante Stellung Leipzigs konnte jedoch nichts daran ändern, dass die OAG 1934 während einer Europareise Ihres Vorsitzenden Kurt Meißner die Geschäftsstelle nach Hamburg verlegte – ohne ein Wort des Dankes an die in Leipzig abgelöste Geschäftsleitung oder eine glaubwürdige Begründung für den Umzug. Im Jahresbericht für 1934 hieß es auf Seite 3 lediglich lakonisch: 'Die Geschäftsstelle [...] wurde nach Hamburg verlegt, das ja für den Verkehr mit allen für Ostasien interessierten Kreisen in vieler Beziehung günstiger liegt als Leipzig.' “(Quelle?). Christian Spang weist auch darauf hin, dass die ehemaligen Leiter der Leipziger Geschäftsstelle, die Juden waren und Deutschland auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung gerade noch hatten rechtzeitig verlassen können, unerwähnt blieben, wohl weil die Angelegenheit – je nach Standpunkt des zeitgenössischen Betrachters – für die OAG peinlich oder desavouierend gewesen zu sein schien (Spang, Christian W.: " Das gescheiterte Museumsprojekt, Leipzig und die Sektion Berlin",  in: Randnotizen OAG Teil 2, 2005, S. 5).

Gleichzeitig ging der Vertrieb der OAG-Publikationen von  Behrend & Co. (Berlin) auf den schon genannten Leipziger Verlag Harrassowitz über. Der Umstand, dass dieser Verlag ausgerechnet in Leipzig beheimatet war, widersprach teilweise der Darstellung bezüglich der besonderen Bedeutung Hamburgs.

In der ordentlichen Generalversammlung der OAG in Tôkyô vom 11. April 1934 gab der Vorsitzende Kurt Meissner einen Bericht über seine Entscheidungen zur Neuorganisation der OAG Ortsgruppen. Ausser der Verlegung der Geschäftsstelle von Leipzig nach Hamburg wurden in Hamburg, Berlin und Leipzig sogenannte Vertrauensausschüsse eingesetzt, in denen viele bekannte Namen erschienen wie z.B. im Falle von Leipzig:  Prof. Dr. Hans Haas (u.a.  evangelischer Pfarrer in Tôkyô), die schon erwähnten Hochschullehrer Prof. Dr. W. Volz und Prof. Dr. Ueberschaar, sowie  Prof. Dr. André Wedemeyer und  Prof. Dr. Heinrich Schmitthenner. Nur ein Name war komplett verschwunden und tauchte auch in den  späteren Veröffentlichungen der OAG nicht mehr auf: SIEGFRIED BERLINER.

Prof. Schmitthenner fungierte als federführendes Mitglied in Leipzig. Die Begründung der Maßnahmen war voll auf die herrschende Ideologie abgestellt: "Angesichts der Tatsache, daß heute das ganze deutsche Volk unter ungeheuren Opfern seiner Freizeit an dem nationalen Aufbau mitarbeitet und ferner angesichts der Tatsache, daß in Plätzen wie Berlin von einer ganzen Reihe von Institutionen, Vereinen, Museen, Schulen, usw. Vorträge über Teilaspekte der OAG veranstaltet werden, ist der Vorstand der Meinung, daß Fühlunghalten und Zusammenarbeit mit diesen Institutionen gegenwärtig wichtiger und mehr im Sinne der Zeit und im Interesse unserer Mitglieder ist, als gewaltsames Forcieren eigener Veranstaltungen, die wenn sich die Gelegenheit bietet, deswegen ja nicht zu unterbleiben brauchen." (NOAG Heft 35, 22. Juli 1934, S. 8)

Spätere Nachforschungen zur Aufarbeitung der Geschichte der OAG und deren Umgang mit jüdischen Mitgliedern haben gezeigt, dass ausgerechnet der Kriegskamerad Kurt Meißner seinem Freund Siegfried Berliner aus politischem Opportunismus die kalte Schulter gezeigt hat. Selbst in Kurt Meißners Autobiographie, die nach dem 2. Weltkrieg 1973 in Hamburg erschien ( Meissner, Kurt: "60 Jahre in Japan. Lebenserinnerungen von Kurt und Hanni Meißner". Privatdruck, Tokyo 1961, S.184,  abruf- und lesbar in der Digitalen Bibliothek der OAG), war kein Wort des Lobes oder der Anerkennung für die ehrenamtlichen OAG Aktivitäten der Berliners in Leipzig, geschweige denn etwas über deren Abschiebung aus der OAG zu finden (Spang, Christian W.: "Die Deutsche Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) zwischen den Weltkriegen", in Thomas Pekar (Hrsg.) "Flucht und Rettung", Berlin 2011, S. 86). Statt dessen klingt es wie ein Hohn, wenn Meissner in dem Kapitel "Meine jüdischen Freunde" schreibt: "Später gründete er (Berliner) in Leipzig eine florierende Versicherungsgesellschaft mit ein paar hundert germanischen Angestellten, ging aber, als Hitler kam, rechtzeitig nach Amerika. Ich habe mich wirklich gefreut, als nach der Hitlerzeit die Versicherungsgesellschaft ihn tüchtig entschädigen mußte." (Meissner, a.a.O)

Für Siegfried Berliner als Jude wurde ab der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten das Leben in Deutschland immer schwieriger. An der Handelshochschule durfte er nicht mehr unterrichten, nur die Abendkurse waren ihm weiterhin gestattet. In der Deutschen Lloyd Lebensversicherung wurde es ihm zunehmend erschwert, Versicherungsagenten zu werben. Die Tätigkeit der Agenten zur Anwerbung von Kunden wurde ebenfalls stark eingeschränkt, weil die Konkurrenz darauf aufmerksam machte, dass ein Jude leitender Direktor der Gesellschaft war. Als am 1. Oktober 1937 eine Bestimmung in Kraft trat, dass die Namen der Direktoren von Aktiengesellschaften im Briefkopf mit erwähnt werden mussten, sah Berliner den Zeitpunkt gekommen, von der Leitung der Versicherung zurückzutreten.

In einer Besprechung mit dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Deutschen Lloyd Lebensversicherung, Direktor Paul Spethmann, wurde mit Dr.Berliner am 23. September 1937 eine Ausscheidungsvereinbarung getroffen, die eine Abfindung von RM 76.000, eine monatliche Pensionszahlung von RM 1.000 mit Geldwertanpassung und die Zahlung einer Prämie für eine Lebensversicherung vorsah (siehe: Niedersächsisches Landesarchiv: Akte Nds. 110 W Acc 84/90 Nr. 446/24: Eidesstattliche Erklärung Siegfried Berliners vor Notar Paul Siegel vom 7. 9. 1954).

Interessanterweise ist dieser Paul Spethmann derjenige, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Direktor der Hotelbetriebs AG (Vorläufer der Kempinski AG) tätig war. Ohne den Vorwürfen einiger jüdischer Nachkommen aus der Familie der Kempinski Eigentümer nachgehen zu können, sei hier nur erwähnt, dass Paul Spethmann während der NS-Zeit als Direktor des Aschinger-Konzerns im Rahmen der von den Nationalsozialisten geforderten "Arisierung" mit den jüdischen Inhabern der Kempinski Gruppe den  entsprechenden Übernahmevertrag abschloss.

 

8. Erzwungenes Exil in den USA

Im Juni des Jahres 1938 reiste Siegfried Berliner in die USA, offiziell zum Studium des Marktes für Lebensversicherungen, in Wirklichkeit wollte er erst einmal abwarten bis der "Spuk der NAZI-Herrschaft", wie er wohl meinte, bald vorüber sei. Dann wollte er wieder zurück nach Leipzig. Er hatte seinen gesamten Hausrat und sein Vermögen in Deutschland gelassen. 

Nachdem dieser Wunsch nicht in Erfüllung ging, begann er 1939 – 1941 eine Tätigkeit als Dozent an der Howard University in Washington D.C., Department of Commerce and Finance. Die Einkünfte von US Dollar 250,-- monatlich waren äußerst bescheiden.

Vom 1. Oktober 1941 an trat er als First Vice President bei der American Citizen Life Insurance Company in Columbus ein, zunächst für ein Monatsgehalt von USD 300, das ein Jahr später auf US Dollar 600 erhöht wurde (siehe: Nieder-sächsisches Landesarchiv: Akte Nds. 110 W Acc 84/90 Nr. 446/24: Eides- stattliche Erklärung Siegfried Berliners vor Notar Paul Siegel vom 7. 9. 1954). Allerdings verlor Berliner am 31. März 1943 diese Stellung, denn die Gesellschaft wurde von der amerikanischen Regierung liquidiert, weil ihr Leiter Deutscher war.

Danach versuchte Siegfried Berliner, sich und seine Frau durch Vermittlung von Versicherungen zu unterhalten. Nach eigenen Angaben bekam er dafür monatlich nur USD 100.  Erstaunlich ist es aus heutiger Sicht, dass jüdische Immigranten in USA so erhebliche Schwierigkeiten hatten. Anfang 1945 siedelte Siegfried Berliner nach Chicago um, wo die Versicherungsvermittlung ihm zumindest USD 250 monatlich einbrachte. Wie bescheiden insgesamt die Einkünfte von Siegfried Berliner in den Kriegs- und Nachkriegsjahren waren, zeigt die  anliegende Tabelle.

Während dieser schwierigen Zeit der Kriegsjahre hat Anna Berliner ihren Beitrag zum Lebensunterhalt mit Japanisch Unterricht für Erwachsene an der Ohio State University in Columbus, Ohio, geleistet. Dazu erteilte sie Privatunterricht in Japanisch und übersetzte ihre Schrift über die Reklame für die Universität Chicago. Schließlich arbeitete sie als Angestellte in einer Buchhandlung in Chicago (Pacific University Archive, Anna Berliner Collection ACC.2011.260 – Memorial lecture delivered 1978 by Mathew Alpern ).

Von 1946 – 1947 gab sie Unterricht in Psychologie an dem Northern Illinois College of Optometry. Dann aber im akademischen Jahr 1948/49 war sie ohne eine Anstellung. Anna war jetzt 60 Jahre alt, und es war gar nicht so einfach eine akademische Position zu finden, zumal noch für eine Jüdin.

Es war das große Verdienst der  Pacific University in  Forest Grove in Oregon (auf der Karte unterhalb von Seattle bis zu Portland und dann links neben Portland suchen), ihr eine Dozentenstelle angeboten zu haben. Im Januar 1949 zog das Ehepaar Berliner (Anna 60, Siegfried 65 Jahre alt) nach Forest Grove im Staate Oregon. Bereits 1951 erhielt Anna Berliner eine Professur und wurde Leiterin des Psychologischen Labors. Es folgte eine lange erfolgreiche Karriere an dieser Universität bis zu ihrer Pensionierung im Jahre 1962.

 

9. Entschädigungsverhandlungen in den 1950’er Jahren

Am 7. September 1954 traf Professor Dr. Siegfried Berliner bei einem Besuch in seiner Heimatstadt Hannover den Rechtsanwalt & Notar Dr. Paul Siegel und gab vor diesem eine eidesstattliche Versicherung ab. Paul Siegel (1880 – 1961) war ein angesehener Rechtsanwalt und seit 1921 auch als Notar zugelassen. 1922 war er in den Vorstand der Rechtsanwaltskammer gewählt worden und vor 1933 und von 1945 – 1959 wieder deren Vizepräsident. Er war maßgeblich am Wiederaufbau des niedersächsischen Justizwesens nach 1945 beteiligt. Paul Siegel hatte als einer der wenigen Juden den Holocaust in Deutschland überlebt. Er vertrat Siegfried Berliner in seinem Entschädigungsverfahren.

Zunächst schilderte Siegfried Berliner seinem Rechtsanwalt seine Position bei der Deutschen Lebensversicherung, die erzwungene Niederlegung seiner Ämter mit der bereits erwähnten Abfindungsvereinbarung und Pensionszahlung. Obwohl die 1939 suspendierte Pensionszahlung im Jahre 1946 rückwirkend von der Deutschen Lloyd Lebensversicherung  wieder aufgenommen worden war, argumentierte Siegfried Berliner, dass er als Gründer und leitender Direktor diese Gesellschaft erfolgreich geführt habe und unter normalen politischen Verhältnissen diese Tätigkeit bis zu seinem 70. Lebensjahr ausgeübt hätte. Er stellte einen Antrag auf Entschädigung gegen das Deutsche Reich über die entgangenen Einnahmen, wobei er die erhaltenen Pensionen und die in USA erhaltenen Einkünfte in Abzug brachte. Daraus ergab sich ein Anspruch von RM 524.000, der - vermindert um die während dieser Zeit in den USA erzielten Einkünfte und die nachträglich gezahlte Pension der Deutschen Lloyd Lebensversicherung - immer noch RM 170.000 betrug.

Obwohl die Abfindung von 1937 in Höhe von RM 76.000 recht großzügig nach damaligen Maßstäben ausfiel und Siegfried Berlin in den vorausgegangenen Jahren ein beachtliches Vermögen zusammengespart hatte, entstanden ihm durch die erzwungene Auswanderung erhebliche Kosten. Die Judenvermögensabgabe, die Reichsfluchtsteuer und eine überhöhte Steuer von 25 % anstelle der bei “Ariern“ üblichen 10 % auf die erhaltene Abfindung ergaben eine  Belastung von RM 179.390, wie aus der  anliegenden Aufstellung zu ersehen ist.

Hinzu kamen Verluste aus dem zwangsweisen Verkauf seines Aktienpaketes an der Deutschen Lloyd und dem bereits erwähnten Verkauf der japanischen Aktien.

Die Verluste an Mobiliar waren beträchtlich. Vom Hauseigentümer der ursprünglichen, großen Wohnung in der Jakobstrasse 25 war ihm nach seinem Ausscheiden bei der Deutschen Lloyd gekündigt worden. Siegfried Berliner zog dann in eine ebenfalls große Wohnung in das Haus Karl-Tauchnitz-Str. 8, bevor er Ende Mai über Hannover nach den USA auswanderte.

In der "Reichsprogromnacht" am 9. November 1938 drangen SA Leute in die Wohnung der Berliners ein und richteten erheblichen Schaden an. Nach dem Entschluss, endgültig in  den USA zu bleiben, baten die Berliners Anna‘s Schwester Elisabeth Meyer, damals  noch in Halberstadt ansässig, um die Erledigung des Umzugs. Aus dem von Elisabeth Meyer bei der Devisenstelle Leipzig eingereichten Verzeichnis wurde eine Anzahl von Gegenständen gestrichen, die in Leipzig zurückbleiben mussten, u. a. auch:

* Die eingangs erwähnte Vuilleaume Geige (Kaufpreis 1920: RM 8.000)
* Eine weitere, wertvolle Geige des italienischen Geigenbauers Testore,
   Baujahr 1638
* Vier wertvolle Perserteppiche
* Vier wertvolle, alte italienische Bücher aus dem 16. Jahrhundert aus dem
   Nachlass von Vater Manfred Berliner
* Japanische Kommode, großer Tisch und vier kleine japanische Tische
* 35 eichene Kneipstühle mit dem Wappen seiner Verbindung Alsatia
* Sonstiges

Insgesamt bewertete Siegfried Berliner diesen Wertverlust allein auf DM 34.795.

Schwägerin Elisabeth wollte selbst noch einmal von Halberstadt nach Leipzig fahren und sich um die zurückgelassenen Gegenstände kümmern. Dazu kam es jedoch nicht, da sie - selbst Jüdin – gefangengenommen wurde (Niedersächsisches Landesarchiv: Akte Nds. 110 W Acc 84/90 Nr. 446/24: vom Notar Siegel beglaubigtes Schreiben von Elisabeth Meyer aus San Francisco/USA vom 3. 8. 1947).

Das angebliche Umzugsgut nahm dann seinen Weg nach Hamburg.   Laut eidesstattlicher Versicherung von Siegfried Berliner vom 1. 8. 1955 hatte dieses restliche Umzugsgut noch einen Wert von RM 50.000 (Niedersächsisches Landesarchiv: Akte Nds. 110 W Acc 84/90 Nr. 446/24: Eidesstattliche Versicherung von Siegfried Berliner vom 1. 8. 1955)

Besonders wertvolle Stücke des Haushaltres von Anna und Siegfried Berliner waren auch:

Zeitschriften bis zum Jahrgang 1938:
* Kieler Weltwirtschaftsarchiv
* Zeitschrift für Handelswissenschaftliche Forschung
* Zeitschrift für Handelswissenschaftliche Forschung und Handelspraxis
* Zeitschrift für Buchhaltung

Japanische Sachen:
* Sammlung japanischer alter Puppen Wert RM 800
* 1 Kutani Schale Wert RM 800
* 2 alte japanische Schalen zu je RM 2.400

Das restliche Umzugsgut wurde dann in Hamburg eingelagert und kam leider nie in die USA. Am 14. Juli 1941 wurde das Umzugsgut Siegfried Berliner versteigert.

Folgende Abrechnung wurde vorgenommen:
Versteigerungserlös                                           RM 5.648,50
./. diverse Gebühren.                                          RM.   356,30
./. Lagerungskosten Spediteur Peters &
Löwenthal und Anlieferung                                 RM 1.173,70
Verbleiben                                                          RM 4.118,50
./. Sozialverwaltung                                            RM    286,00
Rest                                                                     RM 3.832,50
Dieser Rest wurde auf Konto der Staatspolizeileitstelle Hamburg bei der Deutsche Bank Hamburg überwiesen (siehe: Niedersächsisches Landesarchiv: Akte Nds. 110 W Acc 84/90 Nr. 446/24).

Das Entschädigungsverfahren brachte Siegfried Berliner mit einem Vergleich aus den Jahren 1954 und 1955 nur die o. e. Zahlung von DM 35.878, was eine nur unzureichende Erstattung für die erlittenen Verluste war. Aus welchen Gründen Siegfried Berliner dem Vergleich zugestimmt hat, ist aus den Akten nicht ersichtlich. Möglicherweise wollte er im Alter keinen endlosen Rechtsstreit führen oder seine finanzielle Situation in den USA und die seiner Frau Anna hatte sich in den 1950’er Jahren gebessert. Später erhielt Berliner 1960  für verlorene Immobilien noch eine Entschädigung, so dass die Gesamtentschädigung sich auf ca. DM 100.000 belief.

 

10. Einsatz für die Alsatia Leipzig zu Marburg

Zum Abschluss meines Referates möchte ich eine Würdigung des Einsatzes von Prof. Dr. Siegfried Berliner für seine und meine Studentenverbindung Burschen- bund Alsatia Leipzig zu Marburg bringen.

(58) Quelle


Über die Gründung der Alsatia im Jahre 1893 in Leipzig und die aktive Zeit von Siegfried Berliner in Leipzig vor und nach dem Japan-Einsatz ist wenig in den Quellen zu finden. Der Burschenbund Alsatia Leipzig war Mitglied im  Burschenbund-Convent (BC), einem Verband national- freiheitlicher Corporationen. 

Die Stellung der Juden im deutschen Geistesleben zu beschreiben, überschreitet bei weitem den Rahmen dieses Vortrages. Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass durch die im Deutschen Reich geübte Toleranz (ausgehend von preußischer Toleranz-Tradition) den jungen Juden die Möglichkeit gegeben wurde, an deutschen Universitäten zu studieren. Von den an den Universitäten vorhandenen Studentenverbindungen (Corporationen) ist allerdings diese Toleranz nicht immer zu berichten. Unter dem Deckmantel des Patriotismus entwickelte sich auch der Antisemitismus und Studenten jüdischen Glaubens war der Zugang zu zahlreichen Corporationen verwehrt oder sie waren nicht erwünscht.

Als Alternative waren Corporationen entstanden, die keine Rassenvorbehalte hatten und betont tolerant waren und das paritätische Prinzip hatten, d. h. sie akzeptierten sowohl jüdische wie nichtjüdische Studenten als Mitglieder. Zu dieser Gruppe von Studentenverbindungen gehörte der Burschenbund Alsatia in Leipzig, in dem Siegfried Berliner eine wichtige Rolle spielte.

Es waren insgesamt 23 Corporationen, die sich mit diesen Prinzipien im Jahre 1919 zum Burschenbund Convent zusammengeschlossen hatten. Zu Beginn der Herrschaft der Nationalsozialisten fiel dieser Verband 1933 als erster dem Terror zum Opfer und wurde verboten. Viele Bundesbrüder mussten auf schwierigsten Wegen noch vor der Massenvernichtung der Juden ins Ausland fliehen.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren die überlebenden Mitglieder der Alsatia und der anderen BC-Verbindungen ("Alte Herren" im Verbindungsjargon genannt) in aller Welt verstreut. Es bestanden aber enge persönliche Bande, die in den 1950’er Jahren zu Überlegungen führten, die Alsatia wieder neu aufleben zu lassen. Leipzig schied als Ansiedlungsort wegen des politischen Systems der DDR aus. Die Wahl fiel auf Marburg, weil dort ein Alter Herr der Alsatia als Rechtsanwalt ansässig war.

Eine, wenn nicht die treibende Kraft, auf dem Wege zur Reaktivierung der Alsatia in Marburg war Siegfried Berliner, unser "Alter Herr Cosi". Leider war es mir nicht mehr vergönnt, diesen von anderen Bundesbrüdern als wirklich beeindruckende Persönlichkeit geschilderten Siegfried Berliner kennenzulernen, da ich in die Verbindung eintrat, als er nicht mehr aus gesundheitlichen Gründen von den USA nach Deutschland reisen konnte. Aber in meiner Funktion als Schriftführer des Altherrenverbandes in den letzten 10 Jahren – eine junge Aktivitas gibt es leider nicht mehr -  habe ich etliche Korrespondenz von Siegfried Berliner gefunden, auf die ich auszugsweise eingehen möchte, denn seine Briefe vermitteln uns einen guten Eindruck über sein Organisationstalent:

Brief von Prof. Dr.  S. Berliner, Forest Grove, Oregon, USA, am 30. 1. 1959 an Burschenbund Alsatia im BC:
*
….. es gibt in Marburg sicherlich ein Vervielfältigungs-Geschäft, das eine Adressograf-Maschine hat. Lasst die Adressen der AH AH auf Platten prägen, so dass Ihr jederzeit in der Lage seid, die adressierten Couverts in wenigen Minuten herstellen zu lassen.
*
Es wird gut sein, ein paar Sätze von adressierten  Couverts im Büro liegen zu haben.
*
Auch wird es gut sein, ein oder zwei Satz adressierte Couleur-Karten liegen zu haben, damit Ihr sie bei besonderen Gelegenheiten abschicken könnt.
*
Schickt jedem AH einen Abdruck seiner Stanze mit der Bitte, die Adresse zu korrigieren, falls sie nicht richtig ist oder nicht richtig geschrieben ist.
*
Ordnet die Stanzen alphabetisch und lasst sie hintereinander auf Streifen durchlaufen. So bekommt Ihr sehr einfach ein Mitgliederverzeichnis. Schickt dies an alle AH AH raus mit der Bitte, es durchzusehen und Euch eventuell weitere Adressen mitzuteilen. Es fehlen uns immer noch eine Reihe von Adressen.
*
Nach jedem besonderen Ereignis (Weihnachtskneipe, Gästekneipe, Stiftebier, etc.) schickt gleich am nächsten Tage einen kurzen Bericht. Wenn mal eine bemerkenswerte Rede gehalten wurde oder ein netter Fuxenulk gestiegen ist, raus damit. Jeder AH soll die Empfindung haben, dass er selbst in Marburg wäre. Dann werden sich alle dazu drängen, nach Marburg zu kommen, und es wird keine Schwierigkeiten machen, ihnen die Gelder aus der Nase zu ziehen.
*
Bei der Anrede vergesst nicht, hinter den Namen “Als. AH“ zu schreiben. Anrede im Brief “Lieber Alter Herr“. Bei offiziellen Briefen des Bundes beginnt Ihr “Unseren Bundesgruss zuvor“ und endet “Mit herzlichen Bundesgrüssen“, Name des Zweitchargierten, Zirkel und Charge.
*
Briefe  in das ferne Ausland sollen per Luftpost gehen. Dazu wird es notwendig sein, beim Mimografieren dünnes Papier zu benutzen.
*
Für die Kosten des ganzen Verfahrens (Adrema, Mimeograf, Porto) stehe ich Euch gerade. Bittet AH Ruck, sie einstweilen vorzulegen und sie mir aufzugeben.

Im Bericht der Aktiven der Alsatia Leipzig zu Marburg vom 1. September 1959 über das abgelaufene Sommersemester wird ausdrücklich erwähnt, dass Siegfried Berliner zu Semesterbeginn einige Tage in Marburg weilte und der jungen Aktivitas mit Rat und Tat zur Seite stand: "Ganz besonders herzlich wollen wir ihm an dieser Stelle noch einmal für sein überaus nützliches Geschenk, einer Adressenmaschine, danken, die uns heute das Versenden von Rundschreiben zur ungetrübten Freude macht."

 

(59) Burschenbund Alsatia Leipzig zu Marburg Stiftungsfest 1960 im Kurhotel Ortenberg in Marburg/Lahn , vordere Reihe dritter von rechts Siegfried Berliner


Ein wesentlicher Baustein zum Wiederaufleben der Tradition des Burschen-bundes Alsatia in Marburg war der Erwerb eines eigenen Verbindungshauses, und hier waren Siegfried und seine Ehefrau Anna Berliner ganz wesentliche Sponsoren. Sie haben in den Jahren 1961 – 1964 insgesamt DM 210.000 als Spende für den Erwerb des Hauses Behringweg 9 in Marburg gestiftet.

(60) Früher Alsatenhaus in Marburg/Lahn, Behringweg 9

Das Haus liegt wunderschön auf dem Schlossberg, und ich selbst hatte das Vergnügen und die Ehre als Erstchargierter im obersten Stock dieses Hauses im Jahre 1963 gewohnt zu haben.

Siegfried Berliner – unser "AH Cosi" – hat den Bezug dieses schönen Verbindungshauses leider nicht mehr persönlich erleben können. Am 15. April 1961 schrieb er aus den USA einen Brief, der ebenfalls wesentliche Ratschläge enthält:

"*
Ich habe leider noch keine Ahnung, wann ich nach Deutschland kommen kann, da ich erst abwarten muss, wie meine Frau disponieren kann. Sie möchte mich nicht gern allein reisen lassen, weil ich in letzter Zeit einige Pannen hatte.
*
Ich hoffe, dass Euch das neue Haus nicht zu Verschwendungen verführen wird, sondern dass Ihr die einfachen Sitten, auf die wir bei der Alsatia immer Wert gelegen hatten, beibehaltet.
*
Ich rechne fest damit, dass der Bund in Zukunft etwa 40 Mitglieder haben wird (Inaktive, Aktive und Füchse), und dass Euch dieses durch die Keile gelingen wird.
*
Vor allen Dingen sorgt dafür, dass die eiserne Disziplin, für die die Alsatia in Leipzig berühmt und innerhalb des BC berüchtigt war, beibehalten wird. Ohne Disziplin werden wir ein Vergnügungsverein, und das will ich auf keinen Fall.

Ich nehme an, dass der Einzug in das Haus während des Stiftungsfestes stattfinden wird. Ich möchte natürlich liebend gern dabei sein. Ich kann zwar den Berg nicht mehr steigen, aber eine Taxe wird mich ja bequem herauffahren können."

Und als letztes Dokument von Siegfried Berliner habe ich ein Schreiben vom 9. Juli 1961:

"…Ich bedauere ganz ordentlich, dass mein Doktor der Ansicht ist, dass mein Herz noch zu schwach wäre, die Reise nach Europa zu machen. Ich hatte mich dieses Mal besonders darauf gefreut, insbesondere bei der Einweihung des Hauses zugegen zu sein.
…. Es wäre mir sehr lieb, ein paar Bilder von dem Alsatenhaus zu erhalten, damit ich sie meinen Freunden zeigen kann. Schickt doch je ein Exemplar an Steinhaus, New York und meinen Bruder Bernhard Berliner, San Francisco, California. Sie sind beide hinreichend am Bund interessiert und werden, wenn nötig, auch einmal größere Beträge stiften."


Als junge Studenten der Zeit von 1960 – 1980 haben wir die Ideale der Toleranz und der freiheitlichen Gesinnung unserer Altvorderen in einem veränderten Deutschland schätzen und pflegen gelernt. Leider kam es in späteren Jahren zu Umbrüchen im studentischen Leben, denen auch das Interesse an Studentenverbindungen zum Opfer fiel. Der Burschenbund Alsatia Leipzig zu Marburg hatte kaum noch Nachwuchs und konnte die finanziellen Belastungen des Verbindungshauses nicht mehr tragen. Die Aktivitas stellte ihre Tätigkeiten ein, und seitdem besteht nur noch der Verein der Alten Herren, der Ehemaligen sozusagen.

11. Lebensende von Siegfried Berliner 1961 und Anna Berliner 1977

(61) Auf dem jüdischen Friedhof, An der Strangriede in Hannover, befindet sich das Grab von Siegfried und Anna Berliner

Am 16. Oktober 1961 verstarb Siegfried Berliner im Alter von 77 Jahren in seinem Heim in der 2206 B Street in Forest Grove im Staate Oregon in USA nach längerer Krankheit.

In einer Laudatio der Alsatia vom 11. November 1961 wurde Siegfried Berliner mit treffenden Worten gedacht

"In unserem Bundesbruder Prof. Berliner (Cosi) ist eine bedeutende Persönlichkeit dahin gegangen. Er war mit Leib und Seele Mathematiker, er liebte die Klarheit der Gedanken und lehnte die Phrase ab. Er war eine Persönlichkeit der strengen Pflichterfüllung, der Tat und des aktiven Einsatzes. Im beruflichen Leben erfolgreich, seiner Familie herzlich zugewandt, war sein Leben von Jugend auf verquickt mit dem Schicksal seines Bundes Alsatia. Er war ein fröhlicher Student und ein treuer Alsate. Als er zu akademischen Ehren aufgestiegen war, lieh er über Jahrzehnte hinweg seine organisatorischen, praktischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten der Weiterentwicklung seines Bundes, während eines langen Lebenszeitraumes auch als erster Vorsitzender des AH Verbandes."


Die Urnenbeisetzung fand am 20. Dezember 1961 auf dem Jüdischen Friedhof, An der Strangriede in Hannover statt. Von seiner Alsatia waren zahlreiche Bundesbrüder anwesend und die drei Chargierten haben ihm in Vollwichs die letzte Ehre mit der Prunkfahne der Alsatia erwiesen.

(62) Anna Berliner im Alter

Anna überlebte ihren Mann noch um 16 Jahre und fand auf ihrem Fachgebiet der Psychologie höchste Anerkennungen wie z.B. die Ernennung zum "Lifetime Fellow of the International Council of Psychologists" in 1963 und die Verleihung des "Apollo Award", eine große Ehrung der "American Optometric Association"  in 1971. 

Am 16. Mai 1977 endete das Leben von  Anna Berliner im Alter von 88 Jahren auf tragische Weise: sie wurde von dem 16-jährigen Schüler Jim Watkins der Forest Grove High School in ihrem Haus ermordet. Vermutlich war es ein Überfall um Geld zu erpressen, dem Anna Widerstand leistete und daraufhin erbärmlich erschlagen und erstochen wurde. Der Junge aus zerstrittenem Elternhaus und drogenabhängig wurde gefasst und zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe verurteilt, was in USA etwa 20 Jahre Gefängnis bedeutet. Vermutlich wird er als Jugendlicher aber früher entlassen worden sein.

(63) Mord an Anna Berliner, Newspaperclips Pacific University Oregon

In einer Laudatio nach ihrem Tod hat Prof. Mathew Alpern 1978 gesagt:

"Wichtig ist jetzt was Anna Berliners Leben uns gelehrt hat. Sie hat immer gelehrt. Sie lehrte durch ihr Beispiel, durch Diskussion dessen, was sie gelesen hatte, und dadurch wie sie auf eine Antwort zu ihrer Diskussion reagierte. Ihre Kritik war immer bissig und hart, obwohl niemals unhöflich, aber ihr Niveau war sehr hoch.('What is important now is what Anna Berliner’s life has taught us. Always she taught. She taught by her example, by discussing what she had read and how she responded to one’s reply to her discussion. Her criticism were always sharp and hard, though never unkind, but her standards were high.') (Pacific University Archive, Anna Berliner Collection ACC.2011.260 – Memorial lecture delivered 1978 by Mathew Alpern)

In ihrem Testament hat Anna Berliner verfügt, dass von dem verbleibenden Vermögen nach Zahlung der Erbschaftssteuern und Zahlung der Grabpflege in Hannover eine Stiftung an der Universität Göttingen gegründet wird. Innerhalb der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät sollte diese Stiftung unter dem Namen Siegfried Berliner als Forschungsstipendium in Mathematik und Physik eingerichtet werden. Diese Siegfried Berliner Stiftung hatte laut Auskunft der Universität Göttingen am 3. 3. 1994 einen Nachlasswert von DM 684.216 und wurde im Fachbereich Physik mit einer weiteren Stiftung  (Dr. Ungewitter Stiftung) zusammengelegt (Schreiben der Georg-August-Universität Göttingen vom 15. 12. 2011 mit Anlagen).

Die Fakultät für Physik vergibt aus Mitteln der Stiftung Berliner-Ungewitter Preise als Würdigung für herausragende Diplom-Abschlüsse und Promotionen und ausserdem Stipendien an hochqualifizierte jüngere Wissenschaftler.

Es kann dem Ehepaar Berliner nicht hoch genug angerechnet werden, dass sie trotz ihrem tragischen Schicksal und dem Verlust ihrer Heimat Deutschland nicht gram waren, sondern noch wesentliche Teile ihres Vermögens Institutionen Deutschlands vermachten. Er – Siegfried –seiner geliebten Studentenverbindung Alsatia, und sie – Anna Berliner – der Alma Mater ihres Mannes Siegfried.

Auf dem jüdischen Friedhof ist das Grab von Siegfried und Anna BerlinerGrabmal auf dem jüdischen Friedhof “An der Strangriede“ in Hannover zu finden..

(64) Grabmal auf dem jüdischen Friedhof “An der Strangriede“ in Hannover


12. Veröffentlichungen von Siegfried Berliner und Anna Berliner


 13.Literaturverzeichnis



 14. Bildnachweis

 

Informationen & Quellen 参考文献











Die links nebenstehende Ausarbeitung von Hans K. Rode ist in einer japanischen Übersetzung von Herrn Kiyoyuki Kosaka, die in einigen wenigen Stellen von der deutschen Fassung abweicht,  abrufbar.


「ジークフリート・ベルリーナー
(1884 - 1961)について・日本で暮らしたあるドイツ人」
の講演の小阪清行の日本語翻訳は このURLでご覧いただけます。なお、種々の理由により、ドイツ語とこの翻訳の間に多少の違いが存在します。

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Anna Berliner: " Japanische Reklame in der Tageszeitung", (=Weltwirtschaftliche Abhandlungen Band 7), C.E.Poeschel Verlag: Stuttgart 1925
(download im freundlichen Einverständnis mit dem  Schäffer-Poeschel Verlag für Wirtschaft-Steuern-Recht GmbH)



ベルリナ・アンア 「他人を風貌ではんだんすることができるかベルリナ」 ("Kann man den Anderen an seiner äusseren Erscheinung beurteilen?"),
日本心理学会発行の「心理研究」25「144」1924年)公益社団法人日本心理学会 Japanese Psychological Association

 

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