Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Ko(y)enuma, Dr. Nobutsugu 肥沼信次博士(1908-1946), Arzt 医師

Ein japanischer Held, der vielen deutschen Flüchtlingen aus dem Osten 1945 das Leben rettete und dabei selbst zu Grunde ging

 Quelle Foto links

 Wriezen (1) ( 2) im Oderbruch ist eine Kleinstadt in der Grenzregion zu Polen. Kommt man in japanischer Begleitung hierhin, kann es passieren,  dass vorbeiziehende Schüler den erstaunten Gast aus Fernost mit einem fröhlichen, japanischen 'Guten Tag ', also mit „Konnichiwa“ begrüßen.

Wie kann das sein?

Der Bummel durch den übersichtlichen Stadtkern führt schnell auf eine Fährte zur Antwort:

An dem ansehnlich renovierten Rathaus von Wriezen, das 1945 als Krankenhaus diente, liest man auf einer Gedenktafel, dass hier nach Ende des 2. Weltkrieges ein japanischer Arzt namens  Dr. Nobutsugu Ko(y)enuma aufopferungsvoll bei der Versorgung der aus den deutschen Ostgebieten vor den sowjetischen Truppen in den Westen fliehenden Deutschen medizinisch gewirkt habe. 
                                                                                         (Zum Vergrößern das Foto anklicken)


Eine  Inschrift auf einem Kreuz gleich nach dem Eingangstor in den nahebei liegenden Waldfriedhof  weist auf ein Massengrab der in dieser Tragödie in Wriezen umgekommenen Menschen hin.

Zwischen beiden Orten, dem Rathaus und Waldfriedhof, liegt ein mit hohem Baumbestand gezierter Park, in dem jener Arzt aus Japan in einem von dem japanischen Künstler  Tatsuhiko Yokoo unter Mitwirkung seines deutschen Kollegen  Axel Anklam geschaffenen  Denkmals dafür geehrt wird,  dass er unzähligen Menschen das Leben rettete. Dieser heroische Einsatz kostete ihn schliesslich selbst das Leben, nachdem er sich tödlich mit Typhusbazillen infiziert hatte.

Tatsuhiko Yokoo hatte in Japan mit einer Sammelaktion DM 60.000 für die Errichtung des Denkmals zusammengetragen, dessen Stein er aus Kostengründen  aus Thailand herangeschafft hatte. Auf ein Honorar hatte er ganz verzichtet.

Begraben wurde Dr. Nobutsugu Koenuma auf obigen Waldfriedhof. Die in jüngerer Zeit aufwendig von der Bürgerschaft der Stadt Wriezen gestiftete, neu gestaltete  Grabstätte mit japanischer und deutscher Inschrift liegt an einem Hang und ist von hohen Bäumen behütet, umgeben von immer grünen Bambus, zu Füssen von weißen Steinen von der Art eines japanisch buddhistischen Tempelgartens geerdet.

Auch zur Erneuerung des letzten Ruhestätte von Dr. Koenuma ging die Initiative von Tatsuhiko Yokoo zusammen mit Mitstreitern des „ Historischen Vereins zu Frankfurt (Oder) und Anderen aus. So fand ein  erstes Treffen für das Projekt 1999 in seinem Atelier in Metzdorf statt.

Die Idee für die 100 Kilo schwere japanische Stele aus Kunstholz mit acht japanischen Zeichen stammt von dem Sinologen Klaus Stermann, Mitbegründer des Koyenuma-Komitees. Ausgeführt wurde sie von Baumeister Veit Templin aus dem Oderbruch und den 70-jährige Holzbildhauer Erhart Wagner aus Berlin. Sie ist Grabstelen in Japan nachempfunden.

Im heutigen Rathaus Wriezen ist eine ständige Ausstellung in einem Raum mit Büste von Dr. Ko(y)enuma, Dokumenten und Anschauungstafeln eingerichtet.

Dort erhält man eine Broschüre "Nobutsugu Ko(y)enuma in Wriezen", die auf Deutsch, Englisch und Japanisch über das Wirken des Arztes informiert.

Nur  wenigen Japanern in Deutschland wird bis heute so eindrucksvoll gedacht wie diesem humanitären Helden aus Japan, nicht nur beflügelt von traditionellen Heimatvereinen und der Stadtverwaltung sondern auch von den Einwohnern, darunter vor allem auch jungen Menschen wie ein Blick in die Internetseite des Evangelischen Johanniter-Gymnasiums Wriezen belegt. Es besteht eine lebendige Partnerschaft des Evangelischen Johanniter-Gymnasiums mit Japan:

 Reisebericht einer Schülergruppe des Gymnasiums nach Japan

 Japanische Schülergruppe besucht im Austausch Wriezen 2012

Die Stadt Wriezen ging darüber hinaus eine Städte-Partnerschaft mit der Geburtsstadt von Dr. Ko(y)enuma  Hachôji ein.

Zudem wurde ein  Koeyenuma-Fonds bei der Stiftung Oderbruch eingerichtet.

Auch die Benennung eines Sportplatzes, des  Koenuma Beachparks, zeugen von aktuell gelebtem Gedenken der Bevölkerung von Wriezen an Dr. Nobutsugu Koenuma. Hier findet ein Volleyballturnier statt, das eng mit seinem Namen verbunden ist.

Dabei erfährt man von Bewohnern der Stadt Wriezen, dass man erst nach der „Wende“ diesen Japaner entdeckt habe. Zunächst habe man mit dem auf obigem Wriezener Waldfriedhof begrabenen Namen „Koenuma“ wenig anfangen können und habe daher über die lokalen Medien um genauere Hinweise in der Bevölkerung gesucht. Der seit über einem Jahrzehnt in  Metzdorf bei Wriezen wohnende, oben erwähnte japanische Künstler Tatsuhiko Yokoo habe diese Suche in sein japanisches Heimatland verlängert.

Auch dem Historiker Reinhard Schmook, Direktor des Oderlandmuseums, Bad Freienwalde, ist es zu danken, dass Koenuma und seine Lebensgeschichte wieder in das ihm gebührende Licht der deutschen und japanischen Öffentlichkeit gerückt wurde. Unter anderem soll er den  Kontakt zu der Familie des Arztes in Japan wiederhergestellt haben.

Reinhard Schmook zufolge ist Dr. Ko(y)enuma 1937 nach Deutschland gekommen, um in der Strahlenmedizin in Berlin zu forschen. Während der Luftangriffe auf Berlin 1945 hätte er evakuiert werden können, sei aber vermutlich geblieben, da er seine Habilitation habe beenden wollen. Zuflucht vor dem Bombardement auf die Reichshauptstadt habe Koenuma dann aber in Eberswalde gesucht, wo er an der Landesnervenklinik gearbeitet habe. Im September sei er vom sowjetischen Bezirkskommandanten nach Wriezen beordert worden, um dort als leitender Arzt die grassierenden Infektionskrankheiten zu bekämpfen. Ein ‚liebenswürdiger und charmanter Herr‘ soll er gewesen sein und sich rührend um seine Patienten und Mitarbeiter gekümmert haben.

So hat sich heute ein Bild dieses Mannes und seines Wirkens vervollständigt: Während sich dabei in Deutschland über Wriezen hinaus ein hauptsächlich heroisch geprägtes Lebensbild des japanischen Arztes in Deutschland herausgebildet hat, stellte sich in Japan daneben eine romantische Lebensgeschichte. Letztere scheint in Deutschland weniger bekannt zu sein, vielleicht weil sie das heldenhafte Bild dieses Mannes einschränken könnte, während diese Facette seines Lebens doch nur eine allzu menschliche Basis dieses Helden aufweist.

Denn der ursprünglich in Berlin forschenden Arztes Dr. Nobutsugu Koenuma setzte in Wriezen eine Liebesbeziehung mit einer verheirateten deutschen Frau fort. Jene Geliebte des japanischen Arztes hatte zwei Kinder mit ihrem deutschen Ehemann und führte wohl eine Art Doppelbeziehung zu dem Japaner und zu ihrem Ehemann.

Nach einem im Märkischen-Markt veröffentlichen Artikel soll die Wriezener Bürgerin Irmgard Engel, die an jedem Todestag von Dr. Ko(y)enuma (8. März 1946) an seinem Grab Blumen niederlegt, als 15-jähriges Mädchen in dessen Haushalt gearbeitet haben. Dort soll jene deutsche Lebensgefährtin mit einem Kind gelebt haben.

In Japan geben beide Facetten, das Heroische und das Romantische von Dr. Koenumas Leben, den Stoff, aus dem ein bemerkenswerte Breite wissenschaftlichen Forschungsinteresses, aber auch populäre Nacherzählungen in verschiedensten Medien wie Belletristik, Manga und Film schöpfen:

Der  japanische Journalisten Kôju Tatesawa  舘澤貢次 verfasste über das Wirken von Dr. Nobotsugu Koyenuma in Wriezen den Roman „ Die Kirschbäume von Wriezen リーツェンの桜 und setzte ihm so ein literarisches Denkmal. Hierauf basierend kam auch eine dreiteilige Manga-Version über Dr. Koenuma auf dem japanischen Buchmarkt heraus. Obwohl von einem reisserischen Hakenkreuz  auf dem Buchcover verunstaltet, ist die Zeit des Dritten Reichs hier  inhaltlich historisch korrekt mit ihrer Unmenschlichkeit erfasst.

Im Internet findet man ein ausführliches, japanisches  Audio-Video zur Lebensgeschichte von Dr. Nobutsugu Koenuma.

Jedenfalls entfaltet das Wirken dieser aussergewöhnlichen Persönlichkeit Ko(y)enuma bis heute eine lebendige Kraft, aus der die ostdeutsche Kleinstadt Wriezen vielfachen Nutzen schöpfen kann, nicht zuletzt lebendig durch ihre bemerkenswerte Anbindung über die enge Beziehung zu Japan an die globale Welt unserer Zeit.

Der Sinologe Klaus Stermann erinnerte aber auch an den inhaltlichen Kern im Gedenken an Nobutsugu Koenuma, nämlich an die Schrecken der beiden Weltkriege und "das erstaunlich kurze Gedächtnis für die erlittenen Leiden. Wenn wir heute nicht mehr unser nacktes Leben retten müssen, sondern nur den Lebensstandard, dann reicht schon eine ganz gewöhnliche Dankbarkeit aus, um sich ehrenamtlich zu engagieren gegen Unmenschlichkeit und Zwang".

肥沼信次博士

Sollte der japanische Text in dieser Spalte unleserlich oder durch Platzhalter ersetzt sein, bitte im jeweiligen Browser über Ansicht >Zeichenkodierung>Japanisch dekodieren:

 肥沼信次博士(1)  (2)

 「リーツェンの桜」

 肥沼信次 「 海を渡った日本人」

 リーツェンの英雄




















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Schmook, Reinhard: „Ein Denkmal für Dr. Koyenuma in Wriezen“. In: Bad Freienwalder Heimatkalender: "Heimat zwischen Bruch und Barnim/Stadt Bad Freienwalde , Bad Freienwalde ", Jahrgang 46(2002),S.66-68

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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 [リーツエンの桜」 ビデオ

漫画

 舘澤
貢次 (),  かどたひろし(イラスト)「リーツェン の 桜」1-3、 双葉社