Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Landsberger, Artur, Schriftsteller und Journalist ランスベルガ・アルトア (1876 - 1933)、作家, ジャーナリスト

Japanberichte der 1920ger, 1930ger und 1940ger Jahre: Schwacher Inhalt, bemerkenswerte Fotografien (1)

Japan in den 1920ger und 1930ger Jahren ist von einer Reihe deutschsprachiger Autoren in Sachbüchern, Romanen oder Reiseberichten gut erfasst. Ich denke zum Beispiel an  Theodor Sternberg,  Eduard Heinrich Jacob, das Ehepaar  Siegfried und Anna Berliner und  Suzan von Wittek in unserem Portal. Aber es gibt natürlich, wie in allen Epochen, auch viele inhaltlich weniger gelungene Japan-Bücher jener Zeit.

Auf wenigstens zwei solcher Japan-Bücher stößt man in Internetantiquariaten und wird sich beim Lesen ärgern: Das eine ist ein Reisebericht in Form eines Romans des Autors und Journalisten  Artur Landsberger, seinerzeit der meist gelesene  Romanschriftsteller Deutschlands. Bei dem anderen Buch handelt es sich ebenfalls um einen Reisebericht des im Japan fast zwei Jahrzehnte wirkenden und bis heute dort noch bekannten Architekten,  Max Hinder (1) und  (2).

Bei beiden Büchern hätte die Lektüre in unserer Zeit den Leser dazu angeregt, was dem Bücherfreund generell eigentlich ein Tabu sein sollte: sie in den Mülleimer zu entsorgen.

Gehindert haben daran nur zwei Gründe: Sie geben Auskunft über die Einschätzung Japans durch gesellschaftlich herausgehobene deutschsprachige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in einer bestimmten Zeitepoche - einem  Themenschwerpunkt unseres Internetportals - , und sie sind, das sei lobend herausgehoben, beide mit beachtenswerten schwarz-weiß  Fotografien illustriert.


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Artur Landsbergers Werk „Lachendes Asien“ (München, 1925), das einen wesentlichen Teil dem Aufenthalt des Autors in Japan widmet, spricht den Leser zunächst durch den Versuch an, einen Reisebericht basierend auf persönlichen Reiseerlebnissen durch Einbettung in einen fiktiven Handlungsstrang spannend zu gestalten.

Aber bald stellt der Leser fest: Dies ist ein Buch voll von Vorurteilen, Plattitüden und von törichtem Unwissen entspringenden Falschinterpretationen, über die der flüssig eingängige Schreibstil des erfolgreichen Trivialschriftstellers nach einigen Seiten nicht mehr hinweg helfen kann. Dies ist ein arrogantes Buch. Es täuscht elegante Weltläufigkeit und Toleranz gepaart mit angeblich fundiertem Wissen um Asien, besonders zu China und Japan, vor. Für andere schriftstellernde, westliche – nicht näher genannte - Reisende hat der Verfasser generalisierend nur ein abfälliges Lächeln übrig. Wenigstens einen Schriftsteller, den Kunstsammler  Friedrich Perzynski (1877 - 1965), lobt er ausnahmsweise überschwänglich.

Immerhin bringt Landsberger den Japanern und ihrem Land unter allen, von ihm bereisten Ländern eine gewisse Hochachtung entgegen. Aber unzählige Aussagen von ihm können dem heutigen Leser nicht einmal ein Schmunzeln im Rahmen des vorgegebenen Titels „Lachendes Asien“ entlocken, sondern sind schlicht unerträglich wie schon wenige Zitate zeigen:

„…und nun kommt das große Wunder - die Mischung! Schon in Java weidete sich das Auge an den half cast. Man weiß, wie besorgt die holländische Regierung um die Züchtung dieser Edelrasse ist, die es an Schönheit mit jeder europäischen aufnimmt.
Möglich, daß hier der persönliche Geschmack mitspielt, aber ich finde, daß die japanische half cast die javanische an Schönheit übertrifft. Allzu Prononciertes, das an dem Asiatisch-Mongolischen abstößt, hebt, gedämpft und gemildert, die übrigen Reize. Nun, wo das geschlitzte Auge nur noch angedeutet ist, hat es eine pikante Wirkung; nun, wo die aufgeworfenen Lippen nur noch um eine Nuance zu voll sind, verraten sie beherrschte Sinnlichkeit. Nichts Unproportioniertes mehr, das so gar nicht zu diesem grazilen Körper passt. Die vollendete Ausgeglichenheit!“
(S.178)

„Denn wer die Japaner in den europäisch geführten Hotels bei den Mahlzeiten beobachtet, wer von uns im Osten gezwungen ist, sich vorübergehend chinesisch oder japanisch zu beköstigen, weiß, daß es in bezug auf den Geschmack keine Verständigung gibt. Das sind ganz nüchterne Feststellungen, die nicht zu widerlegen sind. Mit ihnen wird hinfällig, was Enthusiasten über das künstlerische Niveau des japanischen Theaters zusammenstammeln. Das Wesensfremde trübt den Blick, bezaubert, führt zu Überschätzung. Der Blumensteg, ein primitiver, unkünstlerischer Notbehelf, von Reinhardt übernommen, wurde wie eine künstlerische Offenbarung gefeiert. Nach einigen Jahren war er nur noch als besserer Ulk in einer Posse möglich.“
(S.184)

Ich habe nur eine Sentenz in dem Buch Landsbergers gefunden, die mir zusagte:„Vielleicht, wenn es erlaubt ist, nicht danach zu forschen, was ein bestimmter Glaube l e h r t, sondern was er b e w i r k t, daß man dann zu sehr erstaunlichen Ergebnissen gelangen wird.“ (S.101)

Wie oben erwähnt, sind jedoch in Landsbergers Buch einige Fotos auch heute noch der Betrachtung wert. Vermutlich wurden sie vom Autor selbst aufgenommen. Voll Staunen erfährt deren Betrachter hier visuell wie gewaltig sich das Japan unserer Zeit von dem Japan vor ca. 80 Jahren abhebt:

Junge Geisha trifft man heute nur noch in touristischen Hotspots. Immerhin, der rechts unten abgebildeten junge Frau könnte man heute noch in vielen japanischen Bahnzügen begegnen, wenn sie sich völlig ungeniert in aller Öffentlichkeit hingebungsvoll schminkt -allerdings höchst selten im Kimono. Die folgenden Fotos der Kinder, einer Familie und im Kimono arbeitender, junger Frauen dagegen weisen in eine längst untergegangene Vergangenheit.

Junge Geisha trifft man nur noch in touristischen Hotspots. Immerhin, die rechts unten abgebildete junge Frau trifft man heute noch in vielen japanischen Bahnzügen, wenn sie sich völlig ungeniert in aller Öffentlichkeit hingebungsvoll schminken -allerdings höchst selten im Kimono. Die folgenden Fotos der Kinder, einer Familie und im Kimono arbeitender, junger Frauen dagegen weisen in eine längst untergegangene Vergangenheit.

 
 
 


Die Fotos Landsbergers belegen aus heutiger Sicht optisch die ungeheure historische Leistung Japans auf dem Weg von einem abgeschlossenen, ärmlichen  Feudalstaat zu einer modernen, sozial und international gefestigten Gesellschaft mit demokratisch verfasstem politischen System. Übrigens auch dies eine Entwicklung, die Landsberger durchaus antizipierte, aber wie viele, der Exotik Japans nachtrauernde westliche Japaninterpreten seiner Zeit - gerade umgekehrt wie der heutige Leser seines Buches -  verdammt.

Den Sündenfall der japanischen Entwicklung in der Neuzeit sieht Landsberger in den USA und den Amerikanern, seinem Feindbild. Diese hätten Japan 1853 gewaltsam aus ihrer Jahrhunderte langen Abschottung von der Welt heraus gerissen und  in eine amerikanisierte, rein materiell ausgerichtete Welt hinein geschleudert: „Für jeden, der nicht in dem stupiden Bierbottich des Materialismus watet, war es ein dies ater – für die Menschheit so schwarz beinahe wie der Tag der Entdeckung Amerikas, der aus der Welt ein Kaufhaus machte.“ (S.198)

 


Zwar außerhalb des Themas dieses Internetportals, Japan, aber durch seine Schönheit doch sehenswert, sei das nachstehende Foto einer Inderin aus dem Buch von Artur Landsberger hinzugefügt (S.105f):

 

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Das zweite hier angezeigte Reisebuch stammt von dem Architekten Max Hinder.

Der in Zürich in der Schweiz geborene und aufgewachsene Max Hinder war einer der großen westlichen Architekten, die nachhaltig in Japan insgesamt 16 Jahre vor 1945 wirkten. Nach Stationen in der Schweiz, Österreich und Deutschland war er 1924 nach Japan gekommen, wo er zunächst in Sapporo wohnhaft wurde. Entsprechend finden sich in Nord-Japan zahlreiche Gebäude, die er entwarf, darunter sakrale Bauten wie die von  deutschen FranziskanernInnen gegründete Fuji Missionsschule  藤学園の校舎・寄宿舎 (1924), ein  Trappisten-Kloster in Hakodate (1925) < Wegbeschreibung>, die Kathedrale in Niigata (1927), die Hokusei-Missionsschule 北斗学園の校舎・寄宿舎 ,  北星女学校校舎 (1929). Auch in Utsunomiya soll er  eine Kathedrale entworfen haben.

1927 siedelte Hinder nach Yokohama um. Von hier schuf er vor allem im  Kantô-Gebiet  関東地方 weitere, herausragende Gebäude so ein  Gebäude der Sophia Universität (1931) und das St. Mary Krankenhaus, beide in Tôkyô (1931).


Darüberhinaus sind dem Architekten zahlreiche kleinere Gebäude in Japan zuzuschreiben, u.a. sein eigenes Haus in Sapporo und einige  Berghütten.

Hinsichtlich letzterer kommt Hinder für die Entwicklung des  Skisportes und Bergsteigens in Japan Bedeutung zu. Als Bergsteiger durchkletterte und durchwanderte er besonders die Gebirge seines Gastlandes und beobachtete seine japanischen Mitbewohner mit großer Anteilnahme. Viele seiner ausgezeichneten, schwarz-weißen Fotos halten auf eindrucksvolle Weise die Erinnerung an seine Exkursionen wach. In seiner, eingangs schon erwähnten, nach Art eines Tagebuches verfassten kleinen Schrift „Erlebtes Japan“ (Innsbruck, 1943) kann man sie noch bis heute nach erleben, wenn man sie antiquarisch auffinden kann.

Schon der Name des Verfassers des Vorwortes in seinem obigen Buch, Admiral  Richard Förster (1879 - 1952), weist daraufhin, dass Max Hinder dem Nationalsozialismus nahe stand. Richard Förster war damaliger Präsident der Deutsch-Japanischen Gesellschaft. Er hatte das auf der nationalsozialistischen Kulturideologie basierende, monumentale Werk „ Kulturmacht Japan. Ein Spiegel japanischen Kulturlebens in Vergangenheit und Gegenwart“, das von dem Dritten Reich freundlich verbundenen Kaiserlichen Japanischen Botschafter, General  Hiroshi Oshima  大島浩 (1886 - 1975), eingeleitet worden war, herausgegeben.

Entsprechend ist Max Hinder auch dem Kreis von deutschsprachigen Sympathisanten des NS-Regimes  in Japan zuzuordnen. So arrangierte er etwa mit dem Japanologen,  Prof. Dr. Walter Donat, dem langjährigen, nationalsozialistisch orientierten Leiter des Deutschen Kulturinstitutes in Japan während der Zeit des Dritten Reiches, eine große  Ausstellung zum Thema "Großdeutschland" in Japan.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass Max Hinder in dem in Japan gedrehten NS-Propagandafilm  " Die Tochter des Samurai" von Arnold Fanck mit einer herausragenden Rolle als Schauspieler agierte. Dieser Film versuchte in Abstimmung mit dem deutschen Reichspropagandaministerium die Japaner aus der Rassenpolitik der Nationalsozialisten herauszunehmen und positiv darzustellen. Mit Fanck wird Hinder schon auf Grund des beiderseitigen Interesses am Skisport und der Berwelt enge Verbindung gehabt haben.

Wahrscheinlich ist Max Hinder unter diesem Aspekt, 'politisch belastet', in Deutschland nach 1945 in Vergessenheit geraten.

Für das Japan seiner Zeit empfand Max Hinder Hochachtung. Aber er übt in seinem Japan-Buch auch kämpferische Kritik an seinem Gastland, die angesichts der politischen Verbrüderung der beiden Achsenmächte verwundert. Letztlich manifestiert sich in seinem Japan-Buch, dass er Japan zwar respektierte, ihm aber keineswegs eine mit Deutschland gleichwertige Postion in der Welt zuerkannte (siehe hierzu Hermand, Jost und Bill Maltarich, Bill: “Samurai and Supermen: National Socialist Views of Japan (German Life and Civilization)”, April 2005).

Vor diesem Hintergrund werden einige polemische Urteile über seine japanischen Gastgeber in „Erlebtes Japan“ zumindest erklärbar. Nicht wenige Passagen des Autors sind allerdings so dümmlich formuliert, dass über den Unwillen, der in dem heutigen Leser darüber aufsteigt, auch der Verdacht aufkommt, dass dieser durch seine architektonischen Leistungen mit Sicherheit nicht als ‚dumm‘ einzustufende Autor  hier seinem gesellschaftspolitisch vorherrschenden Umfeld in Deutschland und Japan Lippenbekenntnisse liefern wollte, die ihm vermutlich auch professionell nützlich waren. Einige seien zitiert:

„Sie wollten mir alle die Hand schütteln; unter ihnen ist es nicht Brauch, aber man muß den Fremden doch zeigen, daß man auch ihre Sitten kennt. Dann geben sie der Bewunderung für Heer und Führer in allen Tonarten Ausdruck. Einer seufzt: ‚Ja, wenn wir so einen hätten!‘“ (S.45)

„Englisch ist eine leichte Sprache, und weil die Engländer geborene Kaufleute sind, eine Sprache, die mit vielen Worte eine Sache schön unklar und verschieden auslegbar, aber auch mit wenigen Worten eine Gemeinheit deutlich ausdrücken kann. Deutsch hingegen ist eine schwere Sprache, die man lieben muß, um sie zu verstehen, die aber die feinsten und schönsten Dinge unverrückbar festlegt, das schwerste leichtverständlich macht, nie ungenau oder verwirrend, kurz, es ist eine Sprache des Herzens und des Verstandes zugleich.“
(S.97)

„Erst lange nach dem Weltkriege, als die fremde Gesamtheit nicht mehr unterschiedslos, sondern in wetteifernde Freund-, Halbfeind- und Feind-Nationen getrennt den Japanern gegenüberstand, sahen diese endlich, daß ein Deutscher sich vom Franzosen und Engländer, vor allem aber vom Amerikaner durch einen bestimmten Volkscharakter unterscheidet. Erst jetzt werden diese Unterschiede, die früher nur wenige bemerkten, auch im Volk bekannt, das in Zukunft die guten Erfahrungen mit Vertretern eines Volkes nicht mehr allen Fremden gutschreiben und die von einer Nation erlittenen Beleidigungen nicht mehr allen Nationen zur Last legen wird.“
(S.100)