Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Luhmer SJ, Klaus ルーメル・クラウス 神父 (1916-2011), Pater, Wissenschaftler, Manager

Von Pulheim nach Tôkyô

Pater  Klaus Luhmer SJ ist ein sanfter Mensch: So haben ihn die Kirchenmitglieder in der deutschen katholischen  St.Michael-Gemeinde in   Tôkyô wahrgenommen. Seinen rheinischen Humor und sein bescheidenes Auftreten haben sie gemocht. Eine außergewöhnliche Berufskarriere  neben seiner klerikalen und wissenschaftlichen Laufbahn hätten wohl nur Wenige seiner Gemeindemitglieder bei ihm vermutet. Diese war nur mit ihm persönlich oder beruflich Verbundenen bekannt.

Umso erstaunter werden sie die 2010 erschienene Biographie ihres ehemaligen Seelenhirten "Pater Klaus Luhmer SJ. Von Köln nach Tokyo. Lebenserinnerungen eines Japanmissionars, 1916-2009" lesen. Sie wurde von Pater Franz-Josef Mohr SJ, der selbst zurückgezogen sehr intensiv in Japan - auch in der deutschen Community - wirkte, herausgegeben und überarbeitet.

Dort ist Pater Luhmers Karriere in der machtvollen und weltumspannenden Großorganisationen Katholische Kirche vor dem Leser ausführlich ausgebreitet. Es ist zu erfahren, wie erfolgreich er die Institutionen, die ihm die Kirche anvertraut hatte - in erster Linie ist zu nennen die  Sophia Universität - gemanagt hat. Seine Aufgaben unterschieden sich nicht von denen leitender Unternehmensführer in industriellen Großkonzernen oder in öffentlichen großen Institutionen.

Dennoch dürfen wir in dem Manager Pater Luhmer SJ einen Gegenentwurf zu den Managern von privatwirtschaftlichen oder staatlichen Großunternehmen erkennen, die sich in unseren Tagen dem Vorwurf individueller Geldgier und Raffsucht gepaart mit Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Gemeinwesen täglich konfrontiert sehen - seien solche Verdächtigungen nun in der Form des häufig verbreiteten Generalverdachtes zu Recht oder Unrecht vorgebracht.

Zu der weltweit beliebten "Boni-Diskussion" taugt er nicht. Er hat beim Eintritt in den Jesuiten Orden ein Armutsgelübde abgelegt. Sein Bericht in der Biographie über eine Geschäftsreise ausserhalb Japans, in der er sich unterwegs Geld zum dringend benötigten Austausch seiner kaputten alten Schuhe erbitten muss, veranschaulicht diese Einschätzung besser als jede Analyse.

In gewisser Weise steht er mit dieser alltäglich gelebten Bescheidenheit dem Ideal seiner japanischen Managerkollegen nicht fern. Auch in Japan mögen es nicht sehr viele sein, die dieser Wertvorstellung dann in der Praxis entsprechen, aber im unseren Breiten würde ein japanischer Topmanager wie  Shuzaburo Kagiyama (You Tube Video "Der Weg des Putzens" ansehen) eher belustigend wirken. Auch dies gehört dazu: Mit innerem Murren, aber ohne Zögern trat Pater Luhmer von Toppositionen in der Kirchenorganisation zurück, um in nachgeordneten Ebenen weiter zu wirken.

Der katholische Manager Pater Luhmer SJ ist viel in der Welt gereist und hat dort gelebt, gelehrt und gewirkt: Amerika, Asien, Südamerika, Europa.

Er hat unaufhörlich mit ungebrochener Energie bis in das hohe Alter an seinen Aufgaben in der Welt und in Japan gearbeitet und,  hätte man ihn nicht auf einen Altensitz - nicht ganz freiwillig, möchte der Leser dem Buch entnehmen - gezwungen, würde er dies bis zu seinem Tode getan haben. Das ihm eingegrenzte Umfeld eines Greises abseits der Stadt Tôkyô beklagte er offen. Doch fügte er sich den Lebensumständen und trug sein unentrinnbares Los mit tapferen Humor und konstruktiv.

Seine unternehmerischen Erfolge hat er dabei nicht nur, aber wesentlich dem geschickten Aufbau eines Netzwerkes persönlicher Beziehungen mit gesellschaftlich einflußreichen Persönlichkeiten zu verdanken. Zu seinen "Geschäftspartnern" zählten die Bundeskanzler Konrad Adenauer und Hellmut Kohl, Minister wie der liberale deutsche Wirtschaftsminister Prof. Ludwig Erhard ebenso wie deutsche und japanische Wirtschaftslenker im Privatsektor (Krupp, Kobe Steel, Mitsubishi).  Bis zu seinem Tode besuchten ihn deutsche Politiker.

Wo interne Führungsqualitäten gefragt waren, ist ihm sicher häufig seine natürliche Liebenswürdigkeit zustatten gekommen. Doch mußte diese nicht fehlende Zielstrebigkeit und mangelndes Durchsetzungsvermögen wettmachen. Die Mehrzahl seiner Unternehmensstrategien dürften keinem Managementhandbuch entstammen.

Kam er in der Organisation nicht weiter, so berichtete er, habe er die unorthodoxe "Barttechnik" zum Einsatz gebracht -natürlich erfolgreich:

"Der Bart ist ab!
Vielleicht haben manche Leser Fotos aus meiner Vergangenheit gesehen, auf denen ich auch einmal, ja sogar zweimal, mit einem Vollbart erschien. Der Anlass des ersten Bartes war mein Wunsch, aus dem Amt des Vizepräsidenten der Universität auszuscheiden...Da gab es nur ein Mittel, das meiner Absicht zustatten kam: Ich wusste, dass Prof. Moriya (=der damalige Universitätspräsident) Bärte hasste. Wenn ich mir einen Bart zulegte, würde er gegen meine Resignation nichts mehr einwenden. Und so geschah es denn auch. Zum Jahreswechsel 1971/72 war ich eine Woche in Goa. Das reichte, um meine Absicht erkennen zu lassen: Luhmer will sich einen Bart wachsen lassen. Im März 1972 unterbreitete ich mein Rücktrittsgesuch als Vizepräsident - es wurde anstandslos angenommen!

Der andere Anlass, mir nochmals einen Bart zuzulegen...war ein Protest. Gegen was ich bei dieser Gelegenheit protestierte, weiß ich nicht mehr. Ich war jedenfalls auf harten Widerstand verantwortlicher Stellen gestossen, und aus Protest darüber ließ ich mir also wieder einen Bart wachsen. Und der war inzwischen schwarz-weiß-rot dreifarbig geworden, was wohl auf meine Gene zurückzuführen ist: Das Blut der Ureingeborenen im Rheinland, daher der rote Bart. Das Schwarze kam wohl von der DNA römischer Legionäre, die im Rheinland angesiedelt wurden, und da ich inzwischen dem Greisenalter nahe war, fehlte auch nicht das Weiße im Bart...Ich habe das auch eine Zeit lang durchgehalten, den Bart dann aber doch wieder abrasiert, zumal er vermutlich auch sein Ziel erreicht hatte." (S.193f)

Das Wirken von Pater Klaus Luhmer SJ markiert wichtige Eckpunkte in den deutsch-japanischen Beziehungen.

In den ersten Jahren nach dem 2.Weltkrieg erfüllte die Sophia Universität, die Pater Luhmer einflußreich begleitete, die Funktion einer Art diplomatischer Anlaufstelle für Japaner, die an Beziehungen zu Deutschland interessiert waren, und umgekehrt für die Deutschen.

Die Autorität hierzu war ihr durch ihre herausgehobene Bedeutung in der Verbreitung des Wissens um Deutschland in Japan auf vielen Wissensgebieten zugewachsen.

Pater Luhmer, der hautnah den  Atombombenabwutf über Hiroshima erlitten hatte, war mit  vielen seiner Mitbrüder darüberhinaus am  Wiederaufbau Japans wesentlich beteiligt. Er erschloss den Japanern ideelle und vor allem auch materielle Hilfe der Bundesrepublik Deutschland, der deutschen Wirtschaft und der katholischen Kirche. Hier ist zuerst an das  Erzbistum Köln zu denken.

Doch bleibt gerade bei dieser Evaluierung ein Innehalten, ein Stutzen des Lesers der Biografie nicht aus. Das enge Verwobensein der großen Organisation der katholischen Kirche in die Machtstrukturen Deutschlands und Japans und in vielen anderen Regionen der Welt, von denen Pater Luhmer berichtet, wollen nicht zu dem seelischen Suchen nach Glaubensgewissheiten passen, das der normale Kirchgänger im Alltag in seiner Glaubensgemeinschaft zu finden hofft.

Dieser Widerspruch hat die Kirchengeschichte, nicht nur die der katholischen Kirche, zu allen Zeiten ihres Bestehens begleitet und häufig an eine emotionale, intellektuelle und realpolitische Zerreißprobe geführt. Dass die Kirche diese Situation immer wieder meistern konnte, liegt an der Glaubwürdigkeit von Priestern wie gerade des demütigen Pater Luhmer.

Die Hoffnung, dass dieser Zwiespalt auch in Zukunft durch aussergewöhnliche Persönlichkeiten der Kirche im alltäglichen Erleben und in den katholischen Gemeinden überbrückt werden wird, speist sich aus der Begegnung mit dem aus einfachen Verhältnissen in der kleinen rheinischen Provinzstadt Pulheim auf die andere Seite der Erde in die größte Megacityregion der Welt, Tôkyô, und von dort in dieganze Welt ausgesandten Pater Klaus Luhmer SJ!

Vielleicht am eindrucksvollsten zeigt sich sein Wirken in diesem globalen Rahmen in seinen großzügigen Überlegungen am Ende seiner Memoiren, zu denen ihn sein Leben mit verschiedenen Kulturkreisen brachte :

"Die Begegnung mit der tiefgründigen japanischen Kultur war ein Geschenk, das ich bis heute noch nicht ganz auskosten konnte. In den drei Jahren scholastischer Philosophie in Japan ging mir zum ersten Mal auf, dass die christliche Offenbarung in das Gewand der hellenistischen Kultur gekleidet ist...die Frage...harrt noch der Lösung: Muss die Botschaft der Offenbarung weiterhin und für immer im Gewand der hellenistischen Kultur bleiben oder kann sie in einer, dem östlichen Genius entsprechenden Form neu überdacht und neu gefasst den Menschen dieser Kulturräume näher gebracht werden?" (S.280ff)

 

 

ルーメル・クラウス神父

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 ルーメル・クラウス 神父

 上智大学

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