Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Maki, Chiyo 牧ちよ, Hausfrau 主婦

Eine Japanerin, die in deutscher Sütterlinschrift korrespondiert - Mitgründerin des Freundeskreis deutscher Sprache in Tôkyô

Chiyo Maki war nur wenige Male in ihrem Leben in Deutschland. Und doch verbindet sie eine tiefe Zuneigung zu diesem Land: Ausdruck ist ihre meisterhafte Beherrschung der deutschen  Sütterlinschrift  ジュッターリーン体, in der sie bis heute kunstvoll in ihrer Korrespondenz schreibt.

Diese Zuneigung ist nicht zufällig einer Laune zu verdanken. Sie speist sich aus mannigfaltigen Bezügen ihrer Familie zu Deutschland:

Die Schwester ihres Vaters, die spätere Ärztin Dr. med. Masako Sasaki , hatte in den frühen Jahren des vorigen Jahrhunderts  den Deutschen  Friedrich Greil (1902-2002) geheiratet. Diese eheliche Verbindung fand allerdings in ihrer Familie kein Wohlgefallen. Sie war gesellschaftlich wenig erwünscht im damaligen Japan, zumal ihr Bruder, der Vater von Chiyo Maki, wie auch ihr Großvater beide im nationalistischen japanischen Heer als Berufsoffiziere gedient hatten.

Nach dem Tode ihrer Eltern wuchs die junge Chiyo dann im halb deutschen Haushalt ihrer japanischen Tante und ihres deutschen Onkels auf. Friedrich Greil wurde in Japan berühmt als die  "Die Stimme Deutschlands in Japan".

Nach Abschluss der Schule studierte Chiyo Maki dann an der  Waseda Universität Germanistik. In der Berührung mit dem deutschsprachigen Raum galt ihre Verehrung und Liebe  wie so vielen ihrer Landsleute   Mozart. Um seine Schriften im Original lesen zu können, erlernte sie die Sütterlinschrift.

Ein besonderes Freundschaftsverhältnis baute sie zur Familie Gössmann auf, in deren Familie sie als Aupairmädchen einige Zeit verbrachte. Dr. Wilhelm Gössmann unterrichtete damals Deutsch an der  Sophia Universität in Tôkyô.  Seine Frau, Prof. Dr.  Elisabeth Gössmann, eine  mutige Professorin feministischer Theologie, hat bemerkenswert zur Rolle der Frau in der katholischen Kirche beigetragen (Biographie: " Geburtsfehler weiblich"): Während sie als Frau trotz hervorragender akademischer Leistungen in Deutschland an keiner theologisch-akademischen Fakultät Hochschullehrerin werden konnte, wurde dies erst im Fernen Japan möglich wie  Pater Klaus Luhmer in seinen Erinnerungen berichtet. Die jüngere Tochter, heute Professorin für Japanologie in Trier, Prof. Dr.  Hilaria Gössmann, hat Frau Maki mit groß gezogen.

Die Verbindung der Familie Maki zu Deutschland reißt auch in der dritten Generation nicht ab. Die Nichte von Chiyo Maki ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt seit vielen Jahren in Deutschland.

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In welchen Institutionen kann sich diese deutsch-japanische Alltagsgeschichte heute gesellschaftlich entfalten?

Natürlich sind erste Begegnungsorte die alt ehrwürdigen Gesellschaften und Vereine wie die  Japanisch-Deutschen, bzw. die Deutsch-Japanischen Gesellschaften, Clubs wie der lange untergegangene Club Concordia oder die nun schon über 100 Jahre bestehende  OAG.

Doch sehen sich diese Institutionen in ihrer langen Tradition mit manch' zeitbedingten Wandel konfrontiert, der auf ihre Funktionen, Mitgliederstruktur und inhaltliche Ausrichtung zurückwirkt. In den frühen Jahren nach ihrer Gründung teilweise schon im ausgehenden 19. Jahrhundert, fanden die Mitglieder hier ein Stück heimatlicher Vertrautheit, aber auch Belehrung zur Kultur und Geschichte ihres Gastlandes.  Es war die Zeit langer Schiffsreisen zwischen den beiden Ländern Japan und Deutschland und umgekehrt.

Mit logistischer und zeitlicher Verkürzung der Verkehrswege und Kommunikationskanäle trat dieser Aspekt in den Hintergrund. Gleichzeitig gewannen wissenschaftlich spezialisierte Inhalte generell an Bedeutung. Neben die traditionellen Institutionen mit Schwerpunkt Geselligkeit und der Fokussierung auf gelehrte und  weit gespannte Themata traten zahlreiche national, zwischenstaatlich und international organisierte Begegnungsstätten zwischen Deutschen und Japanern. Im Verhältnis beider Gruppen hielten sich Kooperationen und Konkurrenzdenken die Waage.

Neben diesen, gesellschaftliche Veränderungen spiegelnden Entwicklungen ergaben sich intern in den Organisationen zwei Problemkreise:

Die Führung der etablierten Vereinigungen waren und sind noch stark von Honorationen geprägt, die nicht selten Jahrzehnte lang ihre Ämter wahrnehmen. Weder regt diese festgefügte Struktur Initiative der Mitglieder sonderlich an, noch ermuntert es immer zu inhaltlicher Beweglichkeit.  Andererseits stammen die Mehrzahl der Mitglieder nicht mehr aus der bildungsbürgerlichen Oberschicht wie dies bis weit ins 20. Jahrhundert hinein der Fall war. Sondern die  Mitgliederstruktur hat sich entsprechend der modernen Gesellschaft in alle sozialen Schichten hinein verbreitet.

Besonders bei der wachsenden Popularisierung der japanischen Massenkultur im westlichen Ausland, natürlich auch in Deutschland, zeigt sich dieser Wandel. Wie überall in der Gesellschaft verbreitet sich damit auch die inhaltliche Interessenlage organisierter Vereinigungen, und es wird für deren Leitung immer komplizierter eine integrierende inhaltliche oder gesellschaftliche Platform für alle zu bieten.

Ausdruck dieser Entwicklungen ist die Gründung loser Vereinigungen neben den obigen traditionsreichen Begegnungsstätten. In ihnen treffen sich gesellschaftliche Gemeinsamkeiten und entsprechend gleich gelagerte inhaltliche Vorlieben. Mit den traditionsreichen Foren deutsch-japanischen Austausches auf gesellschaftlicher Ebene kooperieren diese nicht selten. Doch treten sie auch in eine unausgesprochene Wettbewerbssituation mit ihnen.

Ein gutes Beispiel ist der  Freundeskreis deutscher Sprache, in dem Frau Chiyo Maki seit vielen Jahren heimisch und aktiv geworden ist. Diese Vereinigung wurde von  Frau Elisabeth Roos in Tôkyô vor einigen Jahrzehnten gegründet und besteht bis heute.

Noch weniger institutionalisierte Begegnungsstätten mit oft erstaunlich langer Lebensdauer zentrieren um deutsche Damen, die in Japan lebten und ihre Freundschaft auch nach ihrer Rückkehr in die Heimat durch das sie einigende Band der Zuneigung zu ihrem ehemaligen Gastland Japan bewahren.

Schönes Beispiel waren die über 25 Jahre abgehaltenen Zusammenkünfte des Kantoreichores der evangelischen Kreuzkirche Tôkyô unter ihrem damaligen Chorleiter Schmidt auf der  Ebernburg .

Auch die deutschen Damen der lose institutionalisierten "Tôkyô Wander Girls" freuten sich auf ihre in Japan begründete und dann seit vielen Jahren in Deutschland fortgeführte Tradition des jährlichen gemeinsamen Wanderns unter der gemeinsamen schönen Erinnerung "Japan".

In Berlin könnte man die regelmässigen Zusammenkünfte von ca. 50 japanischen Damen, die in Berlin leben, zum Mittagessen und Ausflügen nennen, die "Beruriin Fujin no kai ベルリン婦人の会". Trotz ihrer bestens organisierten Vorbereitungen der Ereignisse verfügt sie über keinen institutionellen Rahmen. Selbst die Gattin des  jeweiligen japanischen Botschafters, die  nicht selten erscheint, ist nicht hervorgehobene Honoration in diesem Kreis, sondern eine normale Teilnehmerin. Durch ständig wechselnde Vergabe der Organisationen an einzelne Damen sind alle Mitglieder involviert. Die Vereinigung behält derart ihre Spontanität.