Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Matsuno, Hazama Johannes 松野礀 (1847-1908), Oberforstrat, Vorstand deutsche evangelische Gemeinde Tôkyô 森林参事官, ドイツプロテスタント教会東京理事

Vater der japanischen Forstwirtschaft, studiert in Eberswalde 「日本林業の父」

 Hazama Johannes Matsuno wurde mit dem Jugendnamen Tsunekichi Ôno 大野常吉 in dem Dorf Ôda, Minegun im Lehen  Chôshû  長州藩 (heute Mitôchô, Ôda, Mineshi, Yamaguchi ken) geboren. Sein Großvater hatte dort die einflussreiche Position eines Bürgermeisters inne. Doch sind die Beziehungen in der Familie kompliziert und konnten bisher in der japanischen Forschung nicht genau geklärt werden.

Dazu wurde er - japanischer damaliger Sitte entsprechend, nach der der zweite männliche Nachkomme einer Familie zur Adoption freigegeben wurde - als jüngster Sohn der Familie Ôno Adoptiveltern übergeben, kehrte jedoch kurz darauf in seine Familie zurück. Der deutsche Trivialroman " Ein Adoptivkind" von  Katharina Zitelmann, der auf Informationen zu Hazama Matsunos Leben, zu deutsch-japanischen Ehen und zu japanischen Alltagsdingen von Hazamas deutscher Ehefrau Clara Matsuno, geb. Zitelmann an die Romanautorin basiert, beschreibt diesen Aufenthalt von Hazama in einer Familie eines ungebildeten Kaufmannes in der Stadt Numazu, in der es der aus gebildeten Kreisen stammende Junge nicht aushielt. Ob dies Realität oder Fiktion ist, muss offen bleiben.

Unbestritten ist, dass Hazama Matsuno in die Geschichte der japanischen Modernisierung als Pionier der japanischen Forstwissenschaft und Forstwirtschaft einging. Er ist in seinem Heimatland bis heute hoch geehrt. In Deutschland, wo er seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt, ist er vergessen.

Mit 12 Jahren, also etwa 1859, trat Tsunekichi Ôno (=Hazama Matsuno) auf Vermittlung seines Schwagers, des Samurai Miki Nagamatsu  長松幹, der später in der Meiji-Regierung hohe Staartsämter inne hatte, in die Medizinische Fachschule Chôshû 長州藩医学校,  好生堂 ein, in der er in Medizin und Rangaku, darunter der holländischen Sprache, unterrichtet wurde. Für einen Nicht-Adligen wie Hazama Matsuno war dies im damaligen Japan ungewöhnlich. Die Öffnung eines solchen Bildungsweges ist wahrscheinlich auf das ob der Bedrohung Japans durch die westlichen Kolonialmächte vorausschauende Bestreben der Lehensregierung von Chôshû zurückzuführen, aus allen Schichten der Bevölkerung fähige Nachwuchskräfte heranzuziehen, die dieser Gefahr für das Land mit adäquaten Mitteln entgegnen sollten.

Gegen Ende der Shogunatsregierung verlies der junge Mann seinen angestammten Heimatort und gelangte zunächst nach Osaka zum weiteren Medizin-Studium. Da das Verlassen seines Herkunftsortes illegal war, musste Tsunekichi Ôno seinen Namen ändern: Sein neuer Famillienname 'Matsuno' verknüpfte jeweils einen Teil seines Familienamens (Ô)no mit dem seines Schwagers (Naga)matsu. Der Vorname Tsunekichi wurde zu Hazama.

Gegen manchen Widerstand zog Hazama Matsuno nach Tôkyô weiter, wo er von seine Schwester Shôko 章子und ihrem oben genannten Ehemann Miki Nagamatsu aufgenommen wurde. Das Ehepaar Nagamatsu wurde ihm zum zweiten Elternhaus.

In Tôkyô lernte er auf eigene Veranlassung bei dem preussischen Diplomaten und Dolmetscher der Gesandtschaft  Peter Kempermann, einem der Gründer der  OAG, und bei dem Schweizer Lehrer an der Tôkyô Kaisei Gakkô,  Jakob Kaderly, Deutsch, wobei ihm seine holländischen Sprachkenntnisse geholfen haben dürften.

Der kaiserliche Prinz, General  Yoshihisa  Shinnô Kitashirakawa-no-Miya, auf Anweisung des Meiji Tenno in 'Fujimi Mitsu no Miya' umbenannt, (1847-1895), berief dann 1870 wohl auf Grund seiner Deutschkenntnisse Hazama Matsuno in seine 37 köpfige Delegation, die nach Zwischenaufenthalten in den USA, England und Frankreich das Ziel Preussen hatte. Dort absolvierte der Prinz eine Militärausbildung. Eine interessante Facette dieses Deutschland-Aufenthaltes des Prinzen Fujimi war seine  Verlobung mit einer deutschen, verwitweten und adligen Bertha ???, die auf Druck seiner japanischen Familie nur unter Schwierigkeiten wieder aufgelöst werden konnte, da sie bereits in der Zeitung bekannt gegeben worden war. Durch die spätere Heirat einer Deutschen durch seinen Unteregegebenen, Hazama Matsuno, erhält diese Episode des kaiserlichen Prinzen ihre besondere Bedeutung.

Hazama Matsuno blieb in Berlin als offizieller Auslandsstudent der Meiji-Regierung. In Deutschland studierte später auch der zweite Sohn seiner erwähnten Schwester,  Nagamatsu Atsusuke    長松篤 (1864-1941), Pflanzenkunde. Nach seiner Rückkehr nach Japan baute er jedoch das Feuerversicherungswesen auf und hatte hohe Staatsposten inne.

Hazama wurde in Berlin in die Obhut von  Shûzô Aoki (1844-1914) gegeben, der ebenfalls aus dem Lehen Chôshû stammte. Aoki, später japanischer Gesandter in Deutschland und vielen anderen westlichen Staaten sowie japanischer Aussenminister, heiratete eine Deutsche, Gräfin Elisabeth von Rahden, deren Tochter Hanna wiederrum den  deutschen Diplomaten Alexander Graf Hatzfeldt heiratete. Auch dies zeigt wie im obigen Fall des Prinzen Kitashirakawa, dass die spätere Heirat von Hazama Matsuno mit einer Deutschen in jener Zeit keine aussergewöhnliche Sonderheit war.

In Berlin wollte Hazama Matsuno offensichtlich zunächst Nationalökonomie studieren. Auf die Forstwissenschaft 林学、 die in dem Katalog der 30 für Japans modernen Aufbau wichtigen Studienfächer 「海外留学生規則案」 aufgeführt war, die  Iwakura Tomomi  岩倉具視 1870 für die japanischen Auslandsstudenten festgelegt hatte, war Matsuno erst durch Aoki hingewiesen worden. In Gesprächen mit bedeutenden Mitgliedern der Iwakura-Mission wie  Toshimichi Okubo (1830-1878) und vor allem  Takayoshi Kido (1833-1877), die Hazama Matsuno zur Berichterstattung über sein Auslandsstudium zu sich gerufen hatten, wurde er in dem Studium dieses Faches bestärkt. Beide für den Erfolg der Meiji-Restauration bedeutenden Staatsmänner liessen später in Japan ein modernes Forstwesen nach deutschem Vorbild aufbauen, wobei Hazama Matsuno eine Schlüsselrolle zukommen sollte.

Nach einem Vorbereitungsstudium ab 1870 in Berlin, u.a. in Mathematik und Chemie, studierte Hazama Matsuno dann an der  Forstakademie Eberswalde bis 1875 Forstwissenschaft, bzw. Forstwirtschaft.

Dieser Wissenzweig war in Preussen schon seit dem 18. Jahrhundert hoch entwickelt. Der damalige Leiter der Forstakademie  Bernhard Danckelmann (1831 - 1901) nahm seinen japanischen Studenten unter seine Fittiche. Danckelmann galt als einer der bedeutenden Forstwissenschaftler seiner Zeit, über den Hazama wissenschaftliche Grundlagen erhielt, auf denen er später in Japan ein modernes Forstwesen aufbauen konnte.

Danckelmann war auch sehr international orientiert und Gründer und dann auch Vorsitzender der bis heute bestehenden  IUFRO International Union of Forest Research Organizations. Daher kamen zahlreiche Studenten nach Eberswalde aus verschiedensten Nationen. Über Matsuno wurde die Forstakademie Eberswalde japanischen Studenten der Forstwirtschaft zu einem Hauptziel ihrer Auslandsstudien. Dazu erhielten die Akademie und ihr Leiter Dankelmannn oft Besucher aus Japan, darunter von solch' einflussreichen Staatsmännern wie  Yamagata Aritomo (1838 - 1922).

Neben Eberswalde wurde dann aber auch die  Forstakademie Tharandt in Sachsen Ziel japanischer Forstwissenschaftsstudenten, Wissenschaftler und Politiker.

Nach 5jährigem Studium in Deutschland ging Hazama Matsuno unverzüglich daran, in seiner japanischen Heimat nach deutschem Vorbild zunächst eine Forstschule, die sich dann zur   Kaiserlich Japanischen Forstakademie entwickelte (heute: Landwirtschaftliche Fakultät der Tôkyô Universität), zu errichten. Dort und im Innenministerium, das zu dieser Zeit für das Forstwesen zuständig war, wirkte er als Oberforstrat und  Hochschullehrer und baute in Japan ein modernes Forstwesen auf.

In Deutschland lernte er seine spätere Frau,  Clara Matsuno, geb. Zitelmann (1853-1931), kennen, die er 1876 in Tôkyô heiratete. Nach der Inschrift auf dem Denkmal an seine Frau auf dem Ausländerfriedhof Aoyama in Tôkyô handelte es sich um die erste offizielle Eheschliessung eines Japaners mit einer deutscher Frau. In der Bestandsaufnahme des Lebens des Ehepaares Matsuno in dem japanischen Buch   小林富土雄 「松野ハザマと松野クララ・林学、幼稚園教育事始め」 東京 2010 ('Hazama Matsuno und Clara Matsuno. Anfänge der Forstwissenschaft und der Kindergartenerziehung' von Fujio Kobayashi, Tôkyô 2010) wird ausgeführt wie schwierig der amtliche Vollzug der Ehe Matsuno in Tôkyô war.

Clara Matsuno war dann in Japan wesentlich an der Einführung eines modernen Kindergartensystem und einer Kindergärtnerinnenausbildung beteiligt. Über sie wurde dort die  Fröbelpädagogik bekannt. Zudem initiierte sie durch ihren Klavierunterricht die schulische  Musikausbildung in Japan. Innerhalb des großen Familiengrabes von Hazama Matsuno ist in jüngster Zeit eine eindrucksvolle Gedenktafel an Clara Matsuno durch japanische Privatpersonen angebracht, die die aussergewöhnlichen Leistungen dieser Frau für Japan ehrt.

Wo und wie sich das Ehepaar in Deutschland kennenlernte, ist nicht bekannt. Da die Familie Zitelmann jedoch eine gut situierte und bekannte Familie in Deutschland war, ist nicht auszuschliessen, dass Hazama diese über die breit gestreuten deutschen Bekanntenkreise seiner beiden Mentoren Prinz Shirakawa und Shûzô Aoki, die ja ihrerseits mit deutschen Frauen liiert waren, kennengelernt hatte.

Wie oben ausgeführt, diente diese Ehe und andere deutsch-japanische Liebesbeziehungen der deutschen Schriftstellerin Katharina Zitelmann als Vorlage ihres 1916 erschienenen Trivialromanes "Ein Adoptivkind." Hierzu hat  Christel Kojima-Ruh eine interessante zeitgeschichtliche Analyse vorgelegt.

In dem Roman lernt die nachHazama Matsuno stilisierte japanische Hauptfigur seine deutsche Verlobte über deren Eltern, ein aus Thüringen stammendes Missionarsehepaar, kennen. Im Gegensatz zu der offensichtlich glücklichen Ehe der Matsunos wird diese romanhafte Verbindung jedoch durch den ausbrechenden japanisch-russischen Krieg beendet, den der an die Front beorderte Japaner nicht überlebt. Dazu war dieser Romanheld bereits in Japan verheiratet und hatte zwei Kinder, ein Fall, der nicht selten in solchen Beziehungen vorkam und zu Verwicklungen führte, wenn die deutsche Verlobte ihrem Mann nach Japan nachreiste.

Interessant ist in der Handlung des Romans die Verbindung des japanischen Helden zum Christentum. Sie entsprach dem tatsächlichen Leben von Hazama Matsuno, der 1874 in der Berliner  St. Jacobi-Kirche evangelisch getauft worden war. Seine Frau Clara und deren Schwester Marie Zitelmann waren die Taufpaten. Hazama Johannes Matsuno wurde sogar später Mitglied des Vorstandes der deutschen  evangelischen Kirchengemeinde und hatte damit Einfluß auf die Auswahl der deutschen  evangelischen Pfarrer und andere wichtige Angelegenheiten. Er selbst war auf den Namen 'Johannes' getauft worden.

Die Autobiographie  "Georg Michaelis. Ein preußischer Jurist im Japan der Meiji-Zeit" erwähnt das Ehepaar Matsuno in der Diktion des 19.Jahrhunderts: "Eine andere nette Abwechselung in dem sonst so arbeitsreichen Dasein war ein kleines Gartenfest bei einem Japaner in der Nähe von Tokio...in Ôji, einem entzückenden Ahorn-Dorf eine Stunde von Tokio. Er hat eine Deutsche zur Frau u. ein niedliches 7jähriges Halbblut-Mädel als Tochter." Der Name von Frau Matsuno in dem Buch wird falsch mit Frieda anstatt des richtigen Namens Clara angegeben. Die genannte Tochter war  Frieda Fumi Ohly, geb.Matsuno (1877-1901).

Die Familie war offenbar eng mit der deutschen Community in Tokyo verbunden.

Hazama Matsuno und die erwähnte Tochter Frieda Fumi sind auf dem  Aoyama Friedhof (Aoyama Bochi  Gräberliste) in Tôkyô begraben.

Grabstein links von Hazama Matsuno, rechtes Foto sein japanischer Lebenslauf.

松野礀 「日本林業の父」

*はざまは石偏に間
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 松野礀

 松野クララ

 松野先生記念碑と林学教育事始めの人々

 松野クララ はざまの夫人で、ドイツ人、「日本の幼児教育、音楽教育の母」

 東京山林学校

 青山墓地
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Zum Vergroessern der Abbildungen diese bitte anklicken!


 小林富土雄 「松野ハザマと松野クララ・林学、幼稚園教育事始め」 東京 2010 (Fujio Kobayashi: "Hazama Matsuno und Clara Matsuno. Anfänge der Forstwissenschaft und der Kindergartenerziehung" , Tôkyô 2010)

Katharina Zitelmann: "Ein Adoptivkind. Die Geschichte eines Japaners", Stuttgart, 1916


























































Gedenktafel an Clara Matsuno, geb. Zitelmann, im Aoyama Ausländerfriedhof Tôkyô innerhalb des Grabes ihres Ehemannes Hazama Matsuno, gestiftet durch japanische Verehrer 2011