Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Muraguchi, Harumi, geb. Kanokogi 村口晴美 (* 1940), Lehrerin

Die japanisch-deutsche Familie Kanokogi

Harumi Muraguchi ist eine elegante Erscheinung, eine 'grande dame'. Sie ist umgeben von der großbürgerlichen Aura ihrer polnisch-deutschen Vorfahren. Ebenso  strahlt sie die noble Freundlichkeit und zwischenmenschliche Wärme ihrer japanischen Heimat aus. Die hochgewachsene und sportliche Frau zieht respektvolle Aufmerksamkeit auf sich, wo immer sie auftritt. Der, der mit ihr in Kontakt kommt, entdeckt hinter ihrer großen Höflichkeit eine tiefe Herzenswärme.

Aus welchen Quellen speisen sich diese sympathischen Charaktereigenschaften? Aus dem zaristisch grandiosen Russland, in dem ihr Urgroßvater wirkte, aus dem untergegangenen aristokratischen Flair Polens, aus dem bürgerlichen Ambiente des deutschen Bürgertums oder aus der Jahrtausende alten Zivilisation Japans? Harumi Muraguchi hat all diese Bezüge in ihrer Person zu einer Weltbürgerin gebündelt.

Harumi Muraguchi, geb. Kanokogi, ist Lehrerin für Japanisch an der  Deutschen Schule gewesen, die sich damals noch in Omori in Tokyo befand. Danach unterrichtete sie Deutsch an der  Gakushûin Universität  (学習院大学) in Tokyo.

Die polnisch-deutschen Wurzeln von Harumi Muraguchi reichen auf ihre Großmutter       Dr. Cornelia Zielinska-Kanokogi (1889- ) zurück. Deren Vater war der heute noch bekannte polnisch-deutsche Altphilologe  Prof. Dr. Tadeusz Zielinski (1859-1944). Dieser war Professor für Griechisch und Latein an den Universitäten in Warschau und St.Petersburg.  Als herausragender Humanist, der das geistige Erbe der Antike lehrte und wirksam werden ließ,  gelangte er zu Ehren und Würde in ganz Europa.

Cornelia Zielinska, Harumi Muraguchis Großmutter, hatte an der Universität Jena Philosophie studiert. Sie wurde 1913 mit einer Dissertation zu der Thematik "Der Begriff Mystik in Freiherr Friedrich von Hügels Werk" promoviert, zu dieser Zeit eine ausserordentliche Seltenheit für eine Frau.

In Jena hatte Cornelia Zielinski  ihren späteren Mann, den Japaner  Prof. Dr. Kazunobu Kanokogi 鹿子木員信 (1884-1949) kennen gelernt, der in Jena Theologie studiert hatte. Der Familienerzählung zu Folge hatte Kanokogi als Matrose unter Admiral Togo am Russisch-Japanischen Krieg 1904/1905 teilgenommen. Zum Verhängnis wurde ihm sein humaner Rettungsversuch eines russischen Matrosen aus den Fluten, dessen feindliches Schiff die Japaner versenkt hatten. Dies entsprach wohl nicht japanischer damaliger Kriegsmoral, so dass Kanokogi aus dem Kriegsdienst entlassen wurde. Vor dem Hintergrund dieser bitteren Erfahrung wandte sich der junge Kanokogi dem Pazifismus zu und begann in Deutschland Theologie zu studieren. Zur Zeit der indischen Unabhängigkeitsbewegung unterstützte er aktiv als Pazifist  Mahatma Gandhi  (1869-1948) in Indien.

Cornelia Zielinska folgte Kanokogi nach dessen Rückkehr in seine japanische Heimat und lebte mit ihm zusammen. Ein solcher Zusammenschluß wurde im damaligen Europa nicht gerne gesehen, so auch in der Famlie Zielinski nicht gut geheissen. Aus Verbitterung kehrte Cornelia Zielinska nie mehr in ihre Heimat in Europa zurück. So erscheint der Name dieser ihrer Zeit mutig weit vorauseilenden Frau in den Familienannalen des Prof. Tadeusz Zielinski nicht mehr.

In Japan entstammte dem Zusammenleben Cornelia Zielinskas mit Kazunobu Kanokogi der Vater von Harumi Muraguchi, Takehiko Kanokogi. Er nahm später als Mitglied der japanischen Baskettball-Nationalmannschaft an der Olympiade in Berlin 1936 teil.In der Familie soll es im Laufe der Zeit zu   politischen Auseinandersetzungen zwischen Cornelia Zielinska und Kazunobu Kanokogi gekommen sein, die schliesslich zum Bruch des Zusammenlebens führten.

Kanokogi heiratete hierauf eine Frau aus der bekannten Familie der Iwakura. Beide Frauen,  verstanden sich jedoch in der Folge gut und lebten gemeinsam auf einem weitläufigen Grundstück am  Nojiri-See, das die Familie Muraguchi noch heute regelmässig zur Erholung aufsucht. Dort ist Cornelia Zielinskia auch begraben.

Um den Nojiri See hatte sich eine wenig bekannte kleine deutsche Kolonie angesiedelt, so auch die deutsche Familie Ketel. Heute führt diese alte Ansiedlung den Namen Internationales Dorf 国際村.

Nicht nur Harumi Muraguchis Herkommen und Lebensweg sind eng mit Deutschland verbunden. Auch ihr Ehemann  Prof. Masayuki Muraguchi, ein bekannter Architekt in und ausserhalb Japans, hat enge Beziehungen zu Deutschland. Er hat in Deutschland und der Schweiz studiert und gearbeitet.

Das Ehepaar Muraguchi hat drei Kinder.

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Cornelia Zielinska-Kanokogi: Hokkaidofahrt, Ikubundo Verlag Tokyo, Tokyo 1962,  hier >>

Prof. Dr. Tadeusz Zielinski (1859-1944),  hier >>

Prof. Kazunobu Kanokogi (1884-1949): Gandhi. Der Geist der indischen Revolution, 1923,  hier >>

Prof. Kazunobu Kanokogi (1884-1949): Der Geist Japans. Leipzig, 1930            hier>> Prof. Kazunobu Kanokogi (1884-1949): Der Geist Japans. Leipzig, 1930

村口晴美