Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Nakagawa, Momoko 中川モモコ (*1932)

'Berlin, du denkst an mich' 「ベルリン あなたは私を思う」、'Tokio, ich denke an dich'

Deutsch-japanische Kinder wie  Momoko Nakagawa 中川モモコ wurden vor dem 2. Weltkrieg  herablassend in Japan als "Liebeskind" (ainoko 愛の子), dann nach 1945 diskriminierend als "Mischlingskind" (Konketsuji 混血児), in unserer Zeit etwas freundlicher als "Halbkind" ( Hâfu ハーフ) bezeichnet.  Aber nein! Momoko ist wie alle anderen dieser Kinder kein halbes Kind, im Gegenteil: Sie ist ein Kind "Zweihundert Prozent" (Nihyakupacento 二百パセント) !

Ihr Vater war Japaner, ihre Mutter Deutsche. Sie selbst hat die besten Seiten aus beiden Nationen geerbt: Japanische Rücksichtnahme, die nicht zuerst auf sich selbst bezogen ist, sondern zuvörderst auf den Anderen; kommunizierend stets mit freundlicher Höflichkeit, dazu aber doch auch deutsches Durchset-zungsvermögen, wenn es darauf ankommt, und Klarheit der Aussagen.

Ihre persönliche Erscheinung weckt Assoziationen an eine  'Grande Dame' aus der Welt der Kunst. Nichts aber haftet ihr von einer oberflächlich mondänen Gesellschaftsdame á la "Grande Dame" an.

Momoko Nakagawa umgibt das Flair der aussergewöhnlichen Persönlichkeit ihres Vaters, des genialen Theatermenschen  Koreya Senda  千田是也 (eigentlich Kunio Itô 伊藤圀夫) (1904-1994). In die intellektuell-künstlerische Tradition seiner  Familie Itô hat sie sich ebenso harmonisch einfügen können wie in die der Großmutter väterlicherseits, Kimie Iijima, die aus einem alten japanischen Adelsgeschlecht stammte. Auch die Heirat mit ihrem japanischen Ehemann Harunosuke Nakagawa, dessen Vater der Maler  Kazumasa Nakagawa (1893-1991) war, hat sich unproblematisch angeschlossen.

Dagegen kam Momoko Nakagawas deutsche Mutter Irmgard Kliem aus einfachen Verhältnissen in Berlin. Ihr Vater hätte ihre Herkunft wahrscheinlich lieber mit dem Adjektiv 'proletarisch' charakterisiert gelesen, was er durchaus als politisch edle Herkunft eingestuft hätte. Er hatte sie in der marxistischen Agitproptheater-Bewegung in Berlin kennengelernt. Ihrer gemeinsamen Tochter Momoko hat das soziale Umfeld ihrer deutschen Mutter vermutlich ihre Bodenhaftigkeit in der exaltierten Künstlerfamilie des japanischen Vaters verschafft.

Kaum unterschiedlicher hätten die beiden Milieus ihrer Herkunft aus Deutschland und Japan sein können: Einerseits das kleinbürgerliche Ambiente ihrer Mutter Irma, die aus Viertel Prenzlauer Berg stammte, und die später in das intellektuell verkrustete katholische Umfeld im Rheinland verzogen war. Andererseits das bohemienhafte Umfeld der japanischen Künstlerfamilie in Japan, in das Irma ihrem Mann nach ihrer Heirat gefolgt war,. Letztlich jedoch hatte sie sich dort nicht einleben können und war mit ihrer Tochter wieder nach Deutschland zurückgekehrt, wo Momoko als junges Mädchen aufgewachsen und zur Schule gegangen war.

Nachdem Momoko zu ihrem japanischen Vater Koreya Senda als sehr junge Frau nach Japan zurückgekehrt war, um für immer dort zu bleiben, durchlebte sie dort das hoch intellektualisierte, mit praller Lebenslust und Schöpferenergie durchpulste Leben einer Künstlerfamilie. Während die Mutter in Deutschland zurückblieb und ihr Japan nur als eine Art 'Fluchtpunkt' bis zu ihrem Lebensende verblieb, reichte die Schaffenskraft des Vaters Koreya Senda noch bis kurz vor seinen Tod im hohen Alter.

Wie hat Momoko Nakagawa diesen Spagat zwischen nicht nur zwei verschiedenen Kulturkreisen, sondern auch zwischen zwei Gesellschaftsmilieus, die disparater nicht hätten sein können, bewerkstelligt?

Die Antwort liegt wohl in ihrer persönlichen, ihre eigene Person stets zurücknehmenden Haltung, die gepaart ist mit einer im besten Sinn naiven, d.h. rein-unverstellten Offenheit gegenüber dem Anderssein generell. Unterstützt ist diese Grundhaltung von Momoko Nakagawa mit einem freundlichen Charakter und einer Grossherzigkeit ausstrahlenden Liebenswürdigkeit. So erfährt Momoko Nakawa in wohl allen Begegnungen Respekt vor ihrer Persönlichkeit und erweckt die Sympathie ihrer Umwelt. 

Momoko Nakagawa ist eine beeindruckende Persönlichkeit nicht zwischen Deutschland und Japan, nein, in Deutschland und Japan gleichermassen! Es ist hierfür bezeichnend, dass sie ihre Autobiographie jeweils getrennt in Deutsch und in Japanisch verfasste, wobei zuerst wohl die deutsche Fassung angefertigt worden war, die dann aber nicht in das Japanische einfach durch Übersetzung übernommen worden war, sondern als eigenständiges Buch gelten kann.

Der Vater Koreya Senda hatte sein Leben lang eine tiefe  Verbindung zur deutschen Theaterwelt. In seinem umfangreichen praktischen und theoretischen Wirken um das Theater ( Video) hat das Werk von Bertold Brecht einen bedeutenden Platz eingenommen. Seine japanische Biographie  もうひとつの新劇史―千田是也自伝liefert hierzu selbstredenden Beleg. Der Teil seiner Studienzeit in Deutschland von 1927 bis 1931 wurde ins Deutsche übertragen:

Wanderjahre

Autor: Koreya Senda
Verlag: Henschelverlag
ISBN:

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Auch über die erwähnte japanische Großmutter von Momoko Nakagawa ergab sich laut ihrer Biographie ein deutsch-japanischer Bezug: Der Bruder der Großmutter, Kai Iijima (1861-1912), hatte in Berlin Naturwissenschaften studiert und war in Deutschland als erster Japaner in Physik promoviert worden.

Trotz der umfassenden familären Integration von Momoko Nakagawa in ihre neue japanische Heimat hielt sie mit den in Japan lebenden Deutschen enge Kontakte, die häufig bis heute auch in die Nachfolgegenerationen reichen. Ihr deutsch-japanischer Bekanntenkreis erstreckt sich von  Gertrud Suzuki (*1908) und dem protestantischen Pfarrersehepaar  Theodor Jäckel (1908-1998) über die bei  Friedrich Greil (1902-2003) aufgewachsene Japanerin  Chiyo Maki, die bis heute ihre sehr gute Freundin ist, bis zur Familie der deutschen, katholischen Theologin  Elisabeth Gössmann.