Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Sr. Maria Caelina Mauer シスタ・マリア・チエリナ (マウエル・クリスタ) (*1963), Franziskanerschwester 修道女

Liebe und Mitleiden: Ordensfrau aus dem Emsland in Japan

Es gibt Menschen, deren radikaler Lebensentwurf für den Durchschnitts- menschen unbegreiflich ist. Sie entfalten in ihrem Lebenswerk nicht nur einzelne Fähigkeiten und spezialisiertes Wissen, seien diese auch noch so herausragend, sondern sie bringen in ihren Lebensweg ihre gesamte Person und ihr Leben in totalem Einsatz ein.

Gründet dieser Weg auf einem Lebensziel der vollständigen Hinwendung zu dem Anderen unter Zurückstellung der eigenen Person ruft dies Bewunderung hervor. In der westlichen Neuzeit, die auf volle Entfaltung der eigenen Person gerichtet ist, mag sich nicht selten aber auch Befremden einstellen. Exemplarisch kommt in den Sinn, dass der gerade in letzter Zeit hoch gefeierte Denker der Theorie des "survival of the fittest", Charles Darwin, von seinen britischen Landsleuten in Westminster Abbey zur Ruhe gelegt wurde, sein weltweit bedeutender britischer Zeitgenosse  William Booth ,  ein Mann der hilfreichen Tat und Begründer der Heilsarmee, aber nicht.

Zu jenem Personenkreis humanitärer Hilfe unter persönlichem Totaleinsatz gehört die Thuiner Franziskanerschwester  Sr.M. Caelina (Christa Mauer) aus dem Emsland. Sie reiht sich in die Reihe sozial nach Japan hinein wirkender Frauen aus Deutschland ein wie  Clara Matsuno und  Dr. Annerose Akaike in unserer Sammlung. Auch das Kinderheim " Banromsai" für AIDS kranke Kinder der  deutsch-japanischen Familie Natori in Thailand ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

Doch ist der Lebensentwurf von Sr. Caelina radikaler. Denn es gibt für sie keine Rückkehr in eine gut situierte bürgerliche Gesellschaft heraus aus dem täglichen Kampf für die Schwachen und Beladenen am untersten Ende der Gesellschaft. Für sie mag der einzige Rückzugsort die (alte)  kleine Kapelle in dem Kinderheim sein, in dem sie als Leiterin wirkt.

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Sr. M. Caelina ist in die  "Kongretation der Franziskanerinnen vom hl.Märtyrer Georg zu Thuine" in der  Gemeinde Thuine der Samtgemeinde Freren im Emsland eingetreten. Zuvor hatte sie den Beruf der Kinderkrankenschwester erlernt. Nach der  Profess arbeitete sie als Krankenschwester in der gynäkologischen Station  im  Krankenhaus St.Raphael in Ostercappeln sowie im  Osnabrücker Franziskus Hospital/Harderberg.

Nach vielen Jahren praktischer Krankenpflege in Deutschland ist sie dann durch ihre Ordensgemeinschaft nach Japan als Missionarin entsandt worden - ein Ziel, vielleicht ein solches des Fernwehs, das sie schon in ihrer Jugend erträumte, das zu erfüllen ihr aber im strengen Reglement eines Ordens erst nach langer Bewährungszeit zugestanden wurde.

Ihre Mission wie die ihrer Mitschwestern ist es den Schwachen und den Armen der Gesellschaft zu helfen. So hat sie in dem Altersheim auf der nördlichen Insel Japans, Hokkaido,  Tsukigata Sono no Fuji 社会福祉法 藤の園月形藤の,   alten Menschen, darunter auch Demenzkranken, beigestanden und kümmert sich heute um misshandelte Kinder in dem Kinderheim  Fuji no Sono in  Ichinoseki in Nord Japan, das nach dem fatalen Erdbeben in Nordost Japan auch in Deutschland sehr bekannt wurde. Mit der aussergewöhnlichen Hilfe zumeist aus Deutschland wird das zerstörte Kinderheim bis Sommer 2012 wieder aufgebaut sein.

Wo immer Sr. Caelina wirkt, und sei es auch in der administrativen Arbeit: das Lebenziel für sie wie für ihre Mitschwestern ist obige Lebensaufgabe, den Schwachen und den Armen der Gesellschaft zu helfen, und hinter dieser Mission sollen ihre Lebensdaten ihre Bedeutung verlieren.

Sr. Caelina berichtete der  katholisch deutsch-sprachigen Gemeinde St. Michael in deren Gemeindebrief, März 2000, aus ihrer alltäglichen Arbeit:

"Wir sollten einen drei-jährigen Jungen namens Kazuki aufnehmen. Er wurde von seinem Vater und einem Mitarbeiter des Jugendamtes gebracht. Seine Mutter kennt er nicht. Sein Vater hat ein zweites Mal geheiratet, und da die Stiefmutter ihr eigenes Kind mehr liebte, war Kazuki Störfaktor. Wir wissen nicht, was ihm zu Hause widerfahren ist. Fest steht nur: Er kam völlig abgemagert bei uns an, sprach kaum ein Wort und war auch offensichtlich misshandelt worden. In den ersten 10-14 Tagen hat der Junge kaum geschlafen, die Nacht hat er zum Tage gemacht und mit den Spielsachen und anderen Gegenständen nur so um sich geworfen. Es ist viel zerstört worden in dieser Zeit. Als er sich langsam an unseren Lebensrhytmus gewöhnt hatte, lag er wie alle anderen auch abends zu Bett, aber wehrte Berührung ab. Nur die Augen starrten einen unentwegt an. Nicht nur ich, auch die anderen Erzieherinnen waren sehr besorgt und kamen sich in dieser Situation sehr hilflos vor. Die Wochen und Monate vergingen - Kazuki erlebte Tisch-, Spiel- und Lebensgemeinschaft. Die Kinder waren es, die ihn aus seiner Isolation lockten.

'Spielen wir zusammen?' - Wollen wir dieses oder jenes tun?  kurzum er lebte auf, lachte wieder und machte so manche Fortschritte, doch abends im Bett warf er weiterhin alle Plüschtiere hinaus, die er sich selber ausgesucht hatte über Tag, und verwehrte nach wie vor Streicheleinheiten. Aber nach etwa gut 8 Monaten, ich hatte an jenem Abend Spätdienst, geschah etwas Erstaunliches:


Wie immer sass ich auch an seinem Bett. Kazuki war noch wach und schaute mir wie immer unentwegt in die Augen. Plötzlich streckte er seine Hand aus und suchte nach meiner Hand, nahm sie und legte sie zunächst auf seinen Bauch und dann auf seinen Kopf. Sein Gesichtsausdruck war so gelöst, und er schlief sofort ein. Für mich war es ein 'kleines Wunder', und ich selber hatte Tränen des Dankes und der Freude zu kämpfen."

Nicht nur ein Einzelerlebnis ist dies; es ist  Alltag von Sr. Caelina und ihren Mitarbeitern und dies bei über 60 Kindern, Erlebnisse an jedem Tag, die keineswegs immer so wie ein 'kleines Wunder' enden, die die ganze Gemütsverfassung der Betreuer überwältigend fordern.

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In Japan hat die hochgewachsene, energische, immer positiv gesinnte und fröhlich gelaunte Frau aus dem Emsland keinen leichten Stand, obwohl sie wohlwollend eingebettet ist in ihre  Ordensgemeinschaft der "Franziskanerinnen vom Hl. Märtyrer Georg" und auch den Respekt der einheimischen japanischen Behörden besitzt. Doch ein Land, in dem das Christentum mit etwa 1 % Gläubigen eine sehr kleine Minderheit ist, zudem in einem Land, das auf seine politische und kulturelle Eigenständigkeit seit Jahrhunderten hoch bedacht ist, ist schweigendes Abwarten vieler Kooperationspartner, bei aller Ehrbezeugung, latent.

Ist es die Hochachtung vor der religiösen Kraft und deren alltäglicher Entfaltung im Dienst an den Schwachen und Ausgestossenen unserer Gesellschaft durch die Franziskannerin, die diese Zurückhaltung überwindet?

Wahrscheinlich ist es  die Erkenntnis der praktischen Erfahrung das vielleicht vorhandene Misstrauen gegen eine christliche Missionarin abzubauen: Hinter ihrem Wirken verbirgt sich keine Seelenfängerin der Großorganisation einer kirchlichen Weltreligion, die ihr Missionierungsgeschäft hinter humanitärer Hilfe betreibt. Sr. Caelina ist eine glaubwürdige Vertreterin ihres eigenen christlichen Glaubens und des täglich bezeugten überkonfessionellen Glaubens an eine göttliche Transzendenz, vor dem alle Religionen, ob Buddhismus, Shintoismus, Hinduismus, Islam u.a. ihre gleichrangige Wertstellung erhalten.

Wo kommt die persönliche Kraft von Sr. M.Caelina für die im Alltag aufreibende Verwirklichung eines derart radikalen Lebensentwurfes her?

Natürlich zuerst aus ihrem christlichen Glauben, der viele Franziskaner Schwestern und Patres schon vor ihr in Japan gestützt hat. Man denkt an die erste deutsche Leiterin des Heims,  Sr. M.Reingardis (Paula Wilke), und an den Gründer des Heimes, den Schweizer  Pater Oskar Egolff von der  Schweizerischen Bethlehem Mission in Immensee. Diese haben in gemeinsamer Arbeit mit ihren japanischen Mitschwestern wie  Sr. M. Gertrud (Umemura Sadako) Sono no Fuji zu einem Zufluchtsort für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen gemacht. Man denkt auch an die aller ersten Vorläuferinnen von Sr. Caelina, die vom Mutterhaus im norddeutschen Thuine nach Japan ausgesandt waren:  Sr. M. Xavera Rehme, Sr. M. Candida von der Haar, Sr M. Jeanne Berchnans Salomon.

Auch des deutschen Missionars, Wenzeslaus Kinold, OFM (7.7.1871 in Grershagen bis 29.5.1951 in Sapporo), der von der damaligen  Thüringischen Provinz des Franziskanerordens nach Japan beordert worden war und später erster Bischof der japanischen Diozöse Sapporo wurde, ist in Zusammenhang mit dem Wirken der deutschsprachigen Ordensleute in Japan an dieser Stelle zu gedenken: Während er sich in seiner ersten Amtszeit zunächst der Errichtung von pädagogischen Institutionen zugewandt hatte, weitete er anschliessend die kirchlichen Aktivitäten auf den Bereich der Sozialfürsorge aus.

Aber doch wäre wohl trotz dieser christlichen Tradition, in der die Deutsche Sr. Caelina wirkt, ihr unverzagter, mutiger Einsatz für die Beladenen und die Schwachen Japans vermutlich ohne ihre Familie nicht denkbar gewesen:

Die Eltern von Sr.M.Caelina, Wilhelm und Elisabeth Mauer, nennen sich selbst 'einfache Leute' aus  Heede im Emsland. Sie haben vier Kinder groß gezogen. In ihrem Einsatz für ihre Kinder, in ihrer liebevollen Pflege und in ihrer bodenständigen Verbundenheit mit ihrer norddeutschen Region und ihrer religiösen Tradition sind sie jedoch alles andere als einfach. Im fernen Japan kommt diese Elternliebe vielen Schwachen und mit Leid beladenenen Menschen zu Gute.

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Besuchte man Sr.M.Caelina früher in Ichinoseki im Frühling so glaubte man zunächst eine geografische Gemeinsamkeit mit ihrer norddeutschen ländlichen Heimat zu spüren. Inmitten blühender Bäume und einer gepflegten Gartenanlage lag das Haus des Kinderheimes. Lachende und fröhliche Kinder assoziierte dieses idyllische Bild dem Besucher. Dass die Wirklichkeit ganz anders ist, wurde in dem oben zitierten Bericht von Sr. Caelina zu ihrer Tagesarbeit deutlich:

In den Schicksalen der hier betreuten Kinder und Jugendlichen zeigen sich erschreckende Bruchstellen der heutigen japanischen Gesellschaft: wachsende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten in der drittgrößen Volkswirtschaft der Erde, soziale Verwahrlosung zerbrechender Familienstrukturen vor allem in der explodierenden Bevölkerung der Stadtregionen und Zerbrechen sozialer Bindungen, Jugendkriminalität.

Eher schon als dem beschriebenen ersten Eindruck des Besuchers des Heimes zeigen zwei Gemälde von in Fuji no Sono lebenden Kindern deren Lebensrealität:

Die Abbildungen können durch Anklicken vergrößert werden. "Beenden" durch Klicken auf den dunklen Rahmen.

Dem fabenfrohen Bild, das kindliche Freude spielender Kinder und phantasievolle Geschöpfe ausdrückt, und das Kinder in dem Wohnheim Fuji no Sono malten, steht ein tiefsinnig-einfühlendes Gemälde eines Jugendlichen des gleichen Heimes gegenüber:

Der Junge betrachtet sein eigenes Spiegelbild und wird sich die ewige Frage so vieler junger Menschen stellen: "Wer bin ich, wozu lebe ich?" Er wird nicht den eitlen und schönen  Narziss der griechischen Mythologie, der sich in sich selbst verliebt, in seinem Spiegelbild wiedererkennen. Die gedeckt, etwas drückenden Farben werden wohl eher auf den schwierigen sozialen Hintergrund der in diesem Heim wohnenden jungen Menschen hinweisen:

Der Verantwortung ihnen Freude und Hoffnung zu geben stellen sich die deutsche Franziskannerin Sr. Caelina und die japanischen Ordensschwestern in täglicher, herausfordernder Anstrengung -  universale Probleme unserer Zeit werden in gemeinsamer Hingabe von deutschen und japanischen Menschen angegangen.


Das japanische Megaerdbeben hat hier noch tiefere Spuren hinterlassen . Das durch das Beben zerstörte Gebäude ( Audiointerview mit Sr. Caelina) ist heute verschwunden, das mit ausserordentlicher deutscher Anteilnahme finanzierte neue Haus ist im Bau. Dieser wird von der über ihren Gründer  Gonkurô Kume mit Deutschland traditionell verbundenen japanische Firma Kume Sekkei ausgeführt. Aber in der Übergangscontainern herrscht im Winter klirrende Kälte, die Stimmung der Kinder ist immer noch unstabil. Dennoch, man erlebt doch schon fast drei Jahre später - immer noch im Angesicht und Erfahren dieser bedrückenden Geschehnisse - , dass Sr. Caelinas und ihrer MitarbeiterInnens Wirken doch einen Hoffnungsstrahl auf den kommenden neuen Frühling und Sommer der Kinder von Fuji no Sono entzündet hat.


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Die hier geleistete Sozialarbeit untersteht der Aufsicht und Kontrolle der japanischen Präfektur Iwate. Doch ist wie in allen Industriestaaten das staatliche Geld knapp und das Kinderheim kommt ohne  finanzielle Zuwendungen Dritter aus dem Privatsektor nicht aus.

シスタ・マリア・チエリナ (マウエル・クリスタ)


"Manche Menschen wissen nicht,
Wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.

Manche Menschen wissen nicht, wie gut es tut sie zu sehen.

Manche Menschen wissen nicht, wie tröstlich ihr gütiges Lächeln wirkt.

Manche Menschen wissen, nicht, wie wohltuend ihre Nähe ist.

Manche Menschen wissen nicht, wieviel ärmer wir ohne sie wären.

Manche Menschen wissen nicht, dass sie Geschenk des Himmels sind."

(unbekannter Dichter, zitiert nach dem Gemeindebrief der Katholisch deutschsprachigen Gemeinde St. Michael, Tôkyô, Dezember 1999)
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Bericht von Sr. Caelina zum Kinderheim


 Spenden für Fuji no Sono

Wie dem obigen Text zu entnehmen ist, bedarf das Kinderheim dringend weitere finanzieller Zuwendungen. 

Wenn Sie nicht über die Malteser stiften wollen und Sie die teuren Überweisungsgebühren von Deutschland nach Japan vermeiden wollen, benutzen Sie bitte das angegebene Konto des Mutterhauses von Sr.Caelina Sr.Caelina in Thuine.

Sr. Caelina dankt allen großzügigen Spendern!

 

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Informationen & Quellen 参考文献


 Deutschsprachige Katholische Gemeinde St. Michael in Tôkyô


 Geschichte deutschsprachigen Katholischen Gemeinde St. Michael


 Pater Klaus Luhmer SJ


 Sr. M. Josefa Reichard


 Angelus Grosse-Aschoff


 Herman Grauert, Erbauer der ersten katholischen Kirche in Japan


 Quellen