Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Terzani, Angela & Tiziano テルジアニ・アンゲラ (geb.1939)、 テルジアニ・チジアノ Journalist, Schriftsteller ジャーナリス, 作家

„Japan? Ich weiß nicht einmal mehr, wo es liegt.“ (Tiziano Terzani)

Der bekannte italienische Journalist, Schriftsteller und – man muss dies wohl hinzufügen – romantische Abenteurer und 'Guru'  Tiziano Terzani (1938 – 2004) schrieb in seinem Bestsellerbuch „ Das Ende ist mein Anfang“, das auch erfolgreich  verfilmt wurde ( Video hier) und aus dem im Folgenden zitiert wird: Er sei nur der geworden, der er dann wurde, mit Hilfe des „SPIEGEL,  der mir Arbeit und Freiheit gegeben hat“ und mit Hilfe seiner in Florenz geborenen, deutschstämmigen Frau Angela Terzani, geb. Staude: „Sie war mein Maßstab und mein Richter (S.282)...Sie war die Gewissheit, frei und gleichzeitig geborgen zu sein. Sie war das, was der große bengalische Dichter …mit einem außerordentlich treffenden Bild beschrieben hat: der Pflock, an den der Elefant sich mit einem seidenen Faden binden lässt. Mit einer winzigen Bewegung könnte er ihn zerreißen und weglaufen, doch er tut es nicht. (S.280)

Der hochbegabte und attraktive junge Mann, der dies von seiner Frau schrieb, mit der er 47 Jahre seines bewegten Lebens zusammenblieb, stammte – etwas im Gegensatz zu seinem für deutsche Ohren und Augen grandiosen Namen ‚Tiziano Terzani‘ -  aus respektablen, nichts desto trotz  kleinbürgerlichen Verhältnissen muffiger Enge. Doch schon mit 18 Jahren öffneten sich ihm mit dem Zusammentreffen mit jener Frau „die Pforten der Welt“ (S.278), wie er sagte, die „ihr Leben lang so unglaublich großzügig mit mir gewesen war.“ (S.367) 

Angela kam aus dem großbürgerlichen Ambiente der deutschen Familien ihrer Eltern. Sie hatten Tugenden des 19. Jahrhunderts, seine romantischen Träume der großen, weiten Welt und seinen großzügigen Lebensstil auch in offensichtlicher Verarmung im 20. Jahrhundert in ihrem lokalen italienischen Umfeld in Florenz, wo sie sich angesiedelt hatten, bewahrt: „Das große Musikzimmer, in dem...Großvater Anzio am Flügel saß, die Sessel, die verschlissenen Teppiche, die unzähligen alten Bücher, die Bilder, die schönen Lampen mit den gelben Schirmen.“ (S.277)

Angelas in Haiti geborener, deutscher Vater  Hans-Joachim („Anzio“) Staude war Maler und“ stammte aus einer deutschen Familie von Akademikern und Entdeckern.“ (S.278). Angelas Mutter, Renate Staude, geb. Mönckeberg, kam aus einer „hanseatischen Patrizierfamilie. Ihr Großvater war Dichter und Sozialist.“ (S.278) Sie war Architektin.

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Angela  hatte zunächst  in München studiert und lebte danach zwei Jahre in Amerika.

Seit 1972 hatte das Ehepaar Angela und Tiziano Terzani in Asien gelebt und gearbeitet. Ein bewegtes Leben schloß sich über 3 Jahrzehnte an: Die  Bühne des Vagabundenlebens war neben Südostasien, Indien, Singapur, Peking auch Tokyo.

Der unermüdlich umherschweifende Journalist Terziano Terzani mit seiner unstillbaren Neugierde auf Entdeckungen beschäftigte sich mit „diesem anderen Asien, das mich von Anfang an so fasziniert hatte…mit seinen phantastischen Geschichten, seinen Traditionen, seinem Aberglauben. Deswegen war ich ja nach Asien gegangen.“ (S.268) Die Familie Terzani, Vater Terziano  und Mutter Angela, der Sohn Folco (*1969) und die Tochter Saskia, wohnten auf diesem Erkundungsweg „in letzten Bastionen eines asiatischen Lebensstils. Aus allen hat uns die Moderne vertrieben, die unaufhaltsam vorrückte und sich das Alte einverleibte.“ (S.256)

Es ist die untergehende Exotik Asiens, der er wehmütig nachtrauerte, dieselbe, die jener andere Italiener unseres Internetportals,  Alessandro Baricco,  in Japan in seinem Roman „ Seide“ so überzeugend wiederbelebt hat. Doch der große Journalist und Schriftsteller Terziano Terzani scheiterte gerade umgekehrt wie Baricco an dieser Vorstellung einer Exotik 'Japan'. Angesichts des zerbröselnden Traumes auf der Suche nach Japan Exotik verfiel er während seines fünfjährigen Einsatzes als Japan-Korrespondent in tiefe Depressionen und eine Lebenskrise: „Japan war für mich totales Scheitern, vielleicht das einzige in meiner ganzen Karriere.“ (S.231)

Aus dem modernen Land, das global als erstes den Anschluß an die westliche Moderne und eine dem westlichen Großmächten gleichrangige Position erkämpft hatte, wollte er in „das tropische Asien zurückkehren“, das er so sehr liebte: „Ich hatte schreckliche Sehnsucht nach der Sonne und nach dem Gestank modrigen Gemüses morgens auf dem Gehsteig, dem Geruch der Tropen.“ (S.250) Als er endlich aus Japan nach Thailand versetzt worden war, träumte er nach seiner Ankunft, „mit einem riesigen, steinschweren Koffer aus Japan zu kommen, und als ich ihn in unserem Garten öffnete, lag eine Leiche darin: meine eigene!“ (S.251)

Später von seinem Sohn nach Japan befragt, antwortete er: „Japan? Ich weiß nicht einmal mehr, wo es liegt.“ (S.247)

Tiziano Terzani schrieb: „…wenn die Gegenwart mich nicht interessiert, suche ich meine Zuflucht in der Geschichte.“ (S.236) Entsprechend bekennt er freimütig, dass er als Spiegel-Korrespondent nie einen Artikel über die japanische Wirtschaft geschrieben habe, und nicht ohne Stolz fügt er hinzu: „nicht eine einzige Zeile. Ich schrieb über den  Tod des Gott-Kaisers, über  sprechende Maschinen, Toiletten und das  Nachtleben der Salary-Men.“  (S.240) Er hielt die von ihm unbestritten sehr erfolgreiche Modernisierung und den wirtschaftlichen Erfolg Japans für einen „Fluch, der bald auch über den Rest der Welt kommen würde…Denn man darf die modernen Gesellschaften …nicht nur nach der Effizienz ihrer Wirtschaftsstrukturen beurteilen; man muss sich vor allem den Menschen ansehen, den sie hervorbringt, und das Leben, das er führt.“  (S.241)

Terzani wollte von Anbeginn seines Einsatzes ein Japan seiner exotischen Phantasie erleben. Er suchte für die Familie nach einem „alten, japanischen Holzhaus…Mit Fenstern aus Reispapier und Tatamis auf dem Boden.“ (S.235) Tatsächlich wohnte er anfangs „ in einem kleinen ryokan , einem hübschen, altmodischen Hotel mit einem Bambusroh in Garten, in dem nach alten Brauch Tag und Nacht Wasser plätscherte. Ich schlief auf Tatami und wollte nur Japaner werden. Es war eine perfekte Umgebung, und doch ging mir alles gegen den Strich. Schon bald wurde mir klar, dass ich mit der Wahl Japans den größten Fehler meines Lebens begangen hatte. Ich hatte Jahre lang in einer Kultur der Größe gelebt…Denn Du kannst über China sagen, was Du willst, aber dort war alles groß!...Und auf einmal befand ich mich in einer Kultur des Kleinen, des Details…Größe spürst Du nur im Tod. Im Yasukuni-Tempel oder in den Museen mit all den Schwertern spürst du die Kultur des Todes, des schönen Todes, in der die ganze japanische Romantik liegt.“ (S.232f)

Immerhin hat der ursprünglich extrovertiert stolze und unermüdlich aktive italienische Journalist und Schriftsteller Terziano Terzani am Ende seines Lebens auf einen positiven Wendepunkt in seiner hektischen Lebensführung als Journalist an vorderster Front hingewiesen, den das von ihm ungeliebte Japan bewirkte: „Man muss achtsam sein und sich Zeit zum Alleinsein nehmen, zum Schweigen, zum Nachdenken, zum Abstandgewinnen. Und man muss hinsehen…In Japan habe ich damit angefangen…bis ich schließlich die schwerste Bürde abgeworfen habe: meine Identität.“ (S.396) Und folgerte daher für seine Japanerfahrungen: „Tatsächlich ist eine Krankheit immer auch ein Heilmittel.“ (S.251)

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Und die von Tiziano so geliebte Ehefrau Angela Terzani, wie sah sie Japan?

Ihren Mann, dem morgens schon beim Aufstehen „ein bleischweres Gewicht“ auf den Schultern lastete in dem Land, das sich ihm verschloss, ja in Vielem abstieß, diesen Mann versuchte sie durch alles Mögliche aufzumuntern, so indem sie jeden Morgen mit ihm durch  die kleinen Straßen Tokios schlenderte, „um neue Cafés auszuprobieren – es half alles nichts.“ (S.245)

Schließlich zog er sich einige Monate „in einer kleinen Hütte im Daigo-Wald am Fuße des Fuji“ zurück, um ein Buch zu schreiben. Doch das Projekt misslang Tiziano Terzani: „Es gelang mir einfach nicht, die Angst und Beklemmung zu beschreiben, die mich gepackt hatte: die Angst vor der modernen Gesellschaft mit ihrer ungeheuren Entmenschlichung.“ (S.246)

Dagegen gelang es  Angela Terzani das von ihrem Mann nicht geschriebene  Japan-Buch zu schreiben. Aber dieses Unterfangen mündete in einem der ärgerlichsten 'Japan bashing' der Zeit in der sog. bubble economy'. Mit gewandter Feder, in der Sache oberflächlich und unbekümmert urteilte sie hochmütig arrogant über 'die Japaner', deren Sprache, geschweige denn Mentalität sie kaum verstand, auf beachtlichen 351 Seiten!

Es gibt nur eine Entschuldigung für dieses banale Werk: Das Japan der 'bubble economy' hatte mit seiner Überdehnung aller wirtschaftlichen und vieler gesellschaftlicher Parameter eine in der japanischen Kultur seltene Überheblichkeit gezeitigt, deren Zeitlichkeit zu erkennen der deutsch-italienischen Autorin völlig entging. " Ihr werdet Japan doch niemals verstehen" hiess eine Japan-Reportage ihres Mannes Tiziano zum Hochmut der Japaner jener Zeit. Das Buch von Angela Terzani ist dafür leider ein ungewollter Beweis.

Zum Glück schrieb Angela Terzani zusammen mit Reinhart Wolf und mit einem Vorwort von  Adolf Muschg ein Buch zu Facetten des japanischen Lebens, die diesem Land hoch attraktive und reizvolle Charakteristika verleihen, die an kaum einen anderen Platz der Welt zu finden sind: in diesem Fall zu der  japanischen Küche. Ein sehr gelungenes Buch, das gerade heute, wo die japanische Küche sich im Westen breites Ansehen verschafft hat, empfehlenswert ist.

Informationen & Quellen 参考文献



Terzani, Angela und Wolf, Reinhart: " Japan. Kultur des Essens." Mit einem Vorwort von Adolf Muschg, München, Heyne 2001. ("Japan. the Beauty of Food", Thames and Hudson, London 1987)

Die Erben der Samurai. Japanische Jahre

Autor: Angela Terzani
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 3455084613

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Das Ende ist mein Anfang: Ein Vater, ein Sohn und die große Reise des Lebens

Autor: Tiziano Terzani
Verlag: Goldmann Verlag
Ausgabe: 16.
ISBN: 3442129877

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Asien, mein Leben - Die großen Reportagen - Herausgegeben von Angela Terzani und Dieter Wild

Autor: Tiziano Terzani
Verlag: Goldmann Verlag
ISBN: 3442129966

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