Das japanische Gedächtnis - 日本の想い、ドイツの想い

Tôgô, Edith 東郷・エディータ , geb. Giesecke (Pitschke), verw. de Lalande ( 3.2.1887-4.11.1967)

Die deutsche Ehefrau von zwei bedeutenden Männern zwischen Japan und Deutschland: Architekt Georg de Lalande ゲオルグ・ド・ラランド (1872-1914) und Aussenminister Shigenori Tôgô 東郷茂徳 (1882-1950)


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1. Der Weg der jungen Edith Giesecke von Lehrte über Leipzig und Moskau nach Kôbe und Yokohama und in die weite Welt

Nur wenige Menschen werden sich an die Deutsche Edith Giesecke (Pitzschke), verwitwete de Lalande, verwitwete Tôgô, erinnern oder überhaupt ihren Namen kennen. Und doch ist ihr Lebensschicksal zusammen mit ihren zwei, für die deutsch-japanischen Beziehungen bedeutenden, darüber hinaus außergewöhnlichen Ehemännern bemerkenswert.

Gemeint sind ihr erster, früh verstorbener, deutscher Ehemann, der in Japan und Ostasien bis heute erinnerte, in seiner Heimat aber nahezu vergessene Architekt  Georg de Lalande,  デラランデ・ゲオルグ sowie ihr zweiter, japanischer Ehemann, der in die Geschichte eingegangene Diplomat und zweimalige Außenminister in der Zeit des Pazifischen Weltkrieges,  Shigenori Tôgô  東郷茂徳(1)   (2).

Den glanzvollen Lebensweg, der vor dem kleinen Mädchen Edith Giesecke lag, hätte kaum jemand zur Zeit ihrer Geburt erwarten können. Es scheinen hier die vielschichtigen Motive des Märchens vom Aschenputtel (in Japan  灰かぶり姫 haikaburihime) in die Realität übersetzt worden zu sein - die unverschuldete Benachteiligung eines Kindes von Geburt an, der Kampf der Unschuldigen mit grausamen Rückschlägen des Schicksals und die unvergängliche Hoffnung auf das Gelingen eines Lebens in Zufriedenheit. Für Edith Giesecke werden manche ihrer Hoffnungen in nie geahnter Weise erfüllt worden sein. Aber auch die große Tapferkeit dieser Frau hat letztlich nicht dazu ausgereicht, dass sie ihr ganzes Leben im Glück leben und beschließen konnte.

Edith Tôgô in ihren 30ger Lebensjahren
(Japanische Fotoquelle einer Loseblattsammlung, die bisher nicht identifiziert werden konnte)


Carla Victoria Editha Albertina Anna Giesecke wurde nach Auskunft des Stadtarchives Lehrte am 3.2.1887 gegen 5h30 im Hause der Hebamme Ida Bach geboren. Sie war das uneheliche Kind der Amalia Giesecke und eines deutschen Adligen namens "von Münch (Munch?)".

Der aristokratische Vater war an einer preußischen Kriegsschule, wohl der  Kriegsschule Hannover, ausgebildet worden, die er dann - vermutlich auf Grund seines außerehelichen Fehltrittes - hatte verlassen müssen. Die Familie von Münch entstammte einem Jahrhunderte  alten thüringischen Adelsgeschlecht, dem mit hoher Wahrscheinlichkeit jener von Münch zugehörig war.

Die hoch geborene Herkunft des Vaters wirkte sich keineswegs segensreich auf die kleine Edith aus: Entsprechend der gesellschaftlichen Moralvorstellungen jener Zeit wurde Edith in diese Welt als illegitimes und unerwünschtes Mädchen hinein geboren.

Nicht gern würde man es aus heutiger Sicht jenem adligen Blut der traditionsreichen deutschen Adelsfamilie von Münch, das in den Adern des Kleinkindes floß, als Begründung zuschreiben, dass es im Laufe seines Lebens dann trotz der mißlichen  Umstände seiner Geburt zu einer ungewöhnlichen Persönlichkeit heran wuchs, der höchste Gesellschaftskreise in der Welt offen standen. Denn der adlige Spross, Ediths Vater, hatte die Mutter von Edith nach der Geburt schnöde verlassen und damit ihr Leben menschlich und existentiell ausgelöscht: Kurz nach der Geburt ihres unehelichen Kindes nahm sie sich das Leben!

Denkt man freilich aus dem großem zeitlichen Abstand unserer Gegenwart auf jene Tragödie zurück, hat sich im Leben von Edith Giesecke vielleicht doch noch ein Erbteil der Tradition eines "nobless oblige" fruchtbar entfalten können: Edith wuchs nach Auskunft ihrer späteren Zeitzeugen zu einer liebenswürdigen und gesellschaftlich respektierten „Grande Dame“  heran, die ebenbürtig auf Augenhöhe neben ihren berühmten beiden Ehemännern treu und aufrecht unter schwierigsten persönlichen und historischen Bedingungen stand.

Die Mutter von Edith stammte nach Auskunft des Stadtarchivs Lehrte aus Küstritz.  Küstritz ist eine kleine Gemeinde in dem früheren Landkreis  Weißenfels (heute Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt, zur jener Zeit Teil der preußischen Provinz Sachsen).

Freilich bot auch das lokale Umfeld, in das das illegitime Kind Edith 1887 hinein geboren wurde, nur wenig traditionellen Nährboden für die großbürgerlich kosmopolitische Weltläufigkeit, die Edith dann in ihrem Erwachsendasein umwehen sollte: Ihr Geburtsort war  Lehrte(1) ( 2). Zur Zeit ihrer Geburt machte sich das noch landwirtschaftlich geprägte kleine Dorf auf zu einer kleinen Stadt mit kaum mehr als 6.000 Einwohnern. Doch kann in Verbindung mit dem Lebensweg der hier geborenen Edith als geographisches Symbol ihrer lokalen Herkunft die gerade zu jener Zeit über die ländliche Region hinausgreifende Eisenbahnverbindung nach Berlin gelten. Sie endete am  Lehrter Bahnhof, heute der weitläufige Hauptbahnhof der deutschen Hauptstadt Berlin.

Bei der Erörterung der lokalen und sozialen Heimat von Edith Giesecke ist zu erwähnen, dass die Heirat der Schwester von Ediths Mutter mit einem Bankier, der in einer angesehenen, weltweit agierenden Bank wirkte, wie im Folgenden ausgeführt wird, auf ein gut bürgerliches, vielleicht auch wohlhabendes Milieu ihrer Familie hindeuten könnte.

Obwohl in den Unterlagen des Stadtarchives Lehrte zur Mutter von Edith vermerkt ist, sie sei "lutherischer Konfession", wird in japanischen Internet Blogs heute noch die Frage diskutiert, ob Ediths deutsche Familie  jüdische Wurzeln gehabt habe. So wird zum Beispiel folgende Überlieferung als Beleg angeführt: 

Ediths Enkel aus der zweiten Ehe mit Shigenori Tôgô, der japanischer Diplomat war, sei von seinen Kollegen im Auswärtigen Amt damit aufgezogen worden, dass er nach israelischen Gesetzen israelischer Staatsbürger hätte werden können. Denn das wichtigste Kriterium zur Erlangung der israelischen Staatsbürgerschaft bestehe darin, dass die Vorfahren des Antragsstellers mütterlicherseits Juden gewesen seien. Dies sei ja durch seine Großmutter, also Edith, und damit automatisch auch über seine Mutter Iseko Tôgô  - die Tochter von Edith aus der zweiten Ehe mit Shigenori Tôgô - der Fall gewesen.

Gelegentlich wurde von dieser jüdischen Familienverbindung Ediths her in Japan auch gefolgert, dass die kosmopolitische Tradition des Judentums die recht liberale und international orientierte politische Gesinnung ihres japanischen Mannes, des japanischen Diplomaten und Außenministers Shigenori Tôgô, bestärkt habe. Dessen intellektuelle Einstellung sei nicht nur mit den nationalistischen Denkweisen der damals in Japan vorherrschenden Militärkaste sondern auch mit der antisemitischen und rassistischen Ideologie der deutschen Nationalsozialisten kollidiert und hätte ihm seinen Posten als japanischer Botschafter in Berlin 1938 gekostet.

Deutsche Nachfahren von Edith aus der Heirat mit ihrem ersten Ehemann Georg de Lalande, die sich mit ihrer Familiegeschichte befasst haben, hatten allerdings nie etwas von deren jüdische Wurzeln gehört und waren über die entsprechenden japanischen Vermutungen verwundert. Sie halten diese Behauptungen für unwahrscheinlich, da die Kinder von Edith und Georg de Lalande im Dritten Reich nach ihrem Wissen nie antisemitischen Pressionen der Nationalsozialisten ausgesetzt gewesen seien.

Doch ist dieser offene Punkt in Ediths Biographie von Bedeutung zur Einschätzung der Umstände, unter denen diese großartige Frau lebte. Denn, ob jüdischer Herkunft oder nicht, ist es doch eine Tatsache, dass sie sich mit dieser Frage immer wieder auseinandersetzen musste, die öffentlich oder versteckt in Japan und wohl auch in Deutschland kursierte. Es könnte durchaus sein, dass es sich um in Japan lancierte Gerüchte handelte, die nicht Edith selbst, sondern ihren - im faschistischen und militaristischen Umfeld seiner Zeit unbeliebten, aber in bedeutender politischer Position stehenden - als liberal und international eingeschätzten Ehemann, Shigenori Tôgô, treffen sollten. Dieser war ja vielfach verbunden mit dem nationalsozialistischen, antisemitischen Deutschland, dem Achsenverbündeten des damaligen Japans, in dem Tôgô nicht willkommen war. Andererseits war er ein zu bedeutender Mann des mit dem nationalsozialistischen Deutschland befreundeten Japan, um diese massiv gegen seine in Deutschland lebenden Verwandten vorgehen zu lassen.


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Nach dem erwähnten Selbstmord der leiblichen Mutter direkt nach ihrer Geburt wurde Edith von der jüngeren Schwester ihrer Mutter und ihrem Ehemann adoptiert. Einem Randvermerk der Unterlagen zu Edith im Stadtarchiv Lehrte ist zu entnehmen, daß der Kaufmann Pitzschke und seine Ehefrau Johanne Marie Anna Agnes Pitschke, geb. Giesecke, Edith auf Grund der Genehmigung des sächsischen Königs vom 12. Januar 1898  an Kindes statt annehmen durften. Das Kind Edith konnte fortan den Familiennamen Pitzschke tragen.

Ediths Name 'Pitzschke' wurde später in Zusammenhang mit Ausarbeitungen zu ihrem Leben verschiedentlich anders geschrieben - meist vermutlich verballhornt durch Rückübersetzungen aus dem Japanischen - , so auch Pietzcke, Piet(s)chke, Pietzschke oder bei Hirose (3) auch Pietschker, geb. Giesecker.

Die Adaption war der erste Schritt Ediths heraus aus den unglücklichen Umständen, unter denen sie das Licht der Welt erblickt hatte. Ediths Tante, Anna Pitzschke, nun ihre Ziehmutter, war mit dem Bankier Karl Adolph Pitzschke (18?9-1902) verheiratet. Die Familie Pitzschke stammte - wie der Name vermuten lässt - seit langer Zeit aus Sachsen, nach Auskunft einer Nachfahrin der Familie aus einer Bauernfamilie aus Löbnitz an der Linde, damals Saalkreis. Das Ehepaar Anna und Karl Adolph Pitzschke wohnte jedoch in Leipzig (siehe Tôgô (10), S.76).

Russisch-Chinesische Bank Filiale in Yokohama ( Quelle Foto)

Dieser Ziehvater Ediths, Karl Adolph Pitschke, war leitender Angestellter der Ende des 19.Jahrhunderts gegründeten  Russisch-Chinesischen Bank („Russko Kitaiskii Bank“; Japanisch  露清銀行  ろしんぎんこう」; Englisch: „ Russo-Chinese Bank“, 1896 umbenannt in: „ Sino-Russian Righteousness Victory Bank“; Chinesisch 「華俄道勝銀行」). Die Bank, an der sich dann auch französische Kapitalgeber beteiligten, war zur Erschließung Sibiriens, aber auch zur Entwicklung Chinas gegründet worden. Politisch sollten mit diesem Finanzinstitut die russischen Interessen in China und Ostasien gegen den englischen Einfluss geltend gemacht werden.

Nachdem Adolph Pitschke zunächst von Leipzig nach Moskau versetzt worden war, übernahm er 1902 die Filialleitung seiner Bank in der internationalen Hafenstadt  Kôbe  神戸市,  in der auch viele Deutsche arbeiteten und lebten (1),  (2). Die Niederlassung Kôbe war eine der Filialen, die die Bank Anfang des 20.Jahrhunderts neben solchen in Nagasaki und Yokohama in Japan unterhielt.

(Zum Vergrößern bitte die Fotos anklicken; Keramik-Bilder von Szenen in 'Altkôbe', erstellt durch die Stadt Kôbe und ausgestellt in einer dortigen, unterirdischer Straßenpassage, 2010)


Seine kleine Familie hatte ihn zu diesen Auslandsposten begleitet. Für das Leben der jungen Edith wurde es ein dramatischer Aufbruch in eine neue, globale Dimension. Japan betrat sie nun zum ersten Mal in ihrem Leben mit 15 Jahren:

Das Land der aufgehenden Sonne, Nippon, sollte die Erfüllung ihres Lebenstraumes werden. So wird sie in Rückerinnerung an nasskalte, grau-dunkle Tage ihres tristen Lebens in ihrer deutschen Heimat nunmehr angekommen in dem milden japanischen Klima Kôbes am tiefblauen Meereswasser des Pazifischen Ozeans, das auch im Winter von warmen Sonnenstrahlen übergossen ist, empfunden haben. Die Sehnsüchte des jungen Mädchens mögen sich im Wind dieses Himmels wie ein japanischer Drachen entfaltet haben.


Doch auch hier, gleich zu Beginn jenes für sie so hoffnungsvollen Ausbruches aus trauriger Herkunft in provinzieller Enge in ein glücklicheres Leben in weiter Ferne, holte Edith wieder ein ungnädiges Schicksal ein: Ihr noch junger Stiefvater verschied kurz und völlig unerwartet nach seiner Ankunft in Kôbe. Nach Auskunft der erwähnten Nachfahren der Familie Pitschke war er an Bord eines Schiffes an einer Blinddarmentzündung erkrankt und gestorben.

Adolph Pitschke soll in Japan auf dem  Ausländerfriedhof Kôbe begraben worden sein, was bisher nicht zu verifizieren war.

Anna Pitschke, geb. Giesecke, blieb auch nach dem Tod ihres Mannes mit ihrer Adoptivtochter Edith in Kôbe und eröffnete dort eine Pension. Da diese in keinen offiziellen Unterlagen aufgeführt ist, wird von Takahiro Hirose (3) vermutet, dass sie ihr Haus nur inoffiziell deutschen Untermietern öffnete, um sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

2. Die Ehe Ediths mit Georg de Lalande (1872-1914) in Japan


Erneuter, großer Wendepunkt im dramatischen Auf und Ab des Leben von Edith Pitschke wurde ihr Zusammentreffen mit dem schon eingangs erwähnten deutschen Architekten  Georg de Lalande in Kôbe in der Pension ihrer Ziehmutter Anna Pitschke. Dort hatte dieser in Ostasien tätige Mann von Welt während eines geschäftlichen Aufenthaltes in Japan Logis genommen.

Hirose(3) vermutet, dass Kontakte Georg de Lalandes zu den Pitschkes in Kôbe auf Grund geschäftlicher Beziehungen zu Ediths Ziehvater, Karl Adolph Pitschke, entstanden seien. Als Georg de Lalande von 1901 bis 1903 in China mit Wohnsitz Shanghai als Architekt gearbeitet habe und dort zusammen mit dem deutschen Architekten  Richard Seel   リヒャルト・ゼール (1854 – 1922) Bankgebäude der oben genannten Russisch-Chinesischen Bank errichtet habe, sei er vermutlich auch mit Adolph Pitschke zusammen getroffen.

Jedenfalls wurde aus Edith Pitschke und Georg de Lalande ein Paar. Am 5.7.1905 schließlich heirateten beide in Japan.

Die Braut war 18 Jahre, der Bräutigam 28 Jahre alt. Der Altersunterschied zwischen Edith und Georg war somit beträchtlich. Allerdings trafen sich beide in einer Zeit großen Frauenmangels für Ausländer in Ostasien, so dass eine Liebesbeziehung, bzw. eine Ehe zwischen einem älteren Mann und einem jüngeren Mädchen nicht ungewöhnlich war.

Nebenstehendes Foto der jungen Edith Pitschke mit freundlicher Genehmigung von Edda Gottschaldt

Die blutjunge Edith wird ihren älteren Ehemann Georg angehimmelt haben. In der Diktion unserer einleitenden Worte zu Edith Pitschkes Lebensbild, die eine Parallele ihres Lebens zu dem von "Aschenputtel" zieht, kommt Georg die Rolle des Märchenprinzen zu, mit dem die Hoffnungen auf ein glückliches Leben für Edith endlich in Erfüllung zu gehen schienen:

Georg de Lalande, akademisch hervorragend ausgebildet und intelligent, viel beachteter Architekt mit einer großen Karriere vor sich, war dazu ein kommunikativ geselliger und lebensfroher Kosmopolit. Aus einer wohlhabenden Familie des aufstrebenden Bürgertums in Deutschland stammend, veranstaltete er mit Vergnügen große Gesellschaften. Er war sportlich, besaß mehrere Pferde und lebte auf großem Fuß. Vernehmlich trank er recht viel Alkohol und verschwendete wenig Gedanken an die Zukunft. Für Edith muss die Begegnung mit diesem flamboyanten, von seiner Vergangenheit unbeschwerten Mann in einem Land und gesellschaftlichen Umfeld, das so weit entfernt von den bedrückenden Erinnerungen ihres Herkommens war, psychische und materielle Erleichterung gebracht haben.

Umgekehrt muss seine liebenswerte Braut auf den erfahrenen und im gesellschaftlichen und beruflichen Leben gestandenen Ehemann unschuldig-erotischen Zauber ausgestrahlt haben. Sicher ist, dass die Bekanntschaft mit und seine Liebe zu Edith für Georg de Lalande wesentlicher Grund war, sich in Japan dauerhaft  niederzulassen, nachdem ihm von seinem oben schon genannten deutschen Kollegen Richard Seel die Übernahme seiner Japan-Niederlassung angeboten worden war.

Die Ehe zwischen Edith und Georg war von romantischem Flair umweht. Hirose schreibt in seiner Biographie von Georg de Lalande (3), dass die Intensität der erotischen Beziehung dieses Paares bis hin in das architektonische Wirken de Lalandes eingewirkt habe: Edith habe während der Arbeit ihres Mannes Georg stets neben ihm gesessen und sei nicht von seiner Seite gewichen.

Sichtbarer Ausdruck und Symbol für dieses in die Architektur eingeflossene enge Verhältniß der jungen Eheleute de Lalande ist nach Hirose (3) (4) das von de Lalande entworfene „ Wetterhahnhaus“ „Kazamidori“ in Kôbe, dessen „märchenhafter“ Baustil nur vor diesem erotisch-emotionalen Hintergrund der beiden Liebesleute zu verstehen sei. Heute ist dieses Haus - das einzige Bauwerk, das von Georg de Lalande in Japan überdauert hat - unter japanischen und internationalen Besuchern viel besuchtes exotisches Symbol für solch' ein familiäres Leben der in Japan residierenden Ausländern jener Zeit. Dieses, sein  Bauwerk, ist geradezu zu einem „Branding“ geworden, das in Film, Schriften, Mode, Reklame u.a. lebt.

Das junge Ehepaar Edith und Georg de Lalande wohnte zunächst in  Yokohama  横浜市, das als internationale Hafenstadt der Stadt Kôbe ihren Rang als Zentrum der ausländischen Präsenz in Japan genommen hatte. Hier unterhielt Georg de Lalande seine Arbeitsstätte und hatte sein eigenes Wohnhaus errichtet.

Residenz Familie Edith und Georg de Lalande in Negishi, Yokohama デ・ラランデ自邸, 横浜・根岸 - erbaut durch Georg de Lalande 1905 ( Quelle des Photo), später unter dem Namen "Residenz Têrô" (?) テーロー geführt; heute abgerissen

Die romantische und exotische Schönheit des Anwesens, die von Zeitgenossen gerühmt wurde, kann trotz des schon lange erfolgten Abrisses heute durch die museal bewahrte Atmosphäre der alten Gebäude auf dem  Bluff in Yokohama nachvollzogen werden.

Später verzogen Edith und Georg in ein von de Lalande umgebautes  Haus in Tôkyô, Shinanomachi, das heute noch an anderer Stelle in einem  Architektur Freilicht-Museum in Tôkyô  江戸東京たてもの園 bewahrt wird. Auch hier kann die romanhafte Dramatik des Lebens der Deutschen Edith de Lalande mit ihren kaum glaubhaften Wendungen nach erlebt werden, in dieser Lebensszene die Phase exotischer Geborgenheit einer deutschen Familie im fernen Japan nostalgischer Zeit.

Aussenansicht und Innenausstattung des renovierten, in das Architektur Museum Tôkyô verschobenen Hauses von Georg de Lalande (Die Fotos bitte durch Anklicken vergrößern)

In dieser großzügigen Idylle brachte Edith fünf Kinder zur Welt.

Die vier Töchter von Edith und Georg de Lalande, von rechts: die älteste Ursula, Otti, Yuki, Heidi; der Sohn Guido fehlt auf dem Foto.
(Japanische Fotoquelle aus einer unvollständigen Loseblattsammlung, deren Herkunft bisher nicht identifiziert werden konnte)


Aber schon zu Beginn der märchenhaften Ehe zogen auch dunkle schwarze Wolken am Licht durchfluteten blauen Himmel auf:

So wird berichtet, dass auch die Witwe Anna Pitschke, also Ediths Ziehmutter, selbst ein Auge auf den jungen und attraktiven deutschen Architekten Georg de Lalande geworfen hatte, allerdings ohne Erfolg. In einem Zeitungsartikel soll sie dann frustriert und wohl in infamer Eifersucht die uneheliche Herkunft ihres Adoptivkindes öffentlich publiziert haben und dort auch den fatalen Selbstmord ihrer Mutter nach Ediths Geburt nicht unerwähnt gelassen haben (Hirose 83, S. 84 f), um ihre Ziehtochter - angesichts der zeitgenössischen Moralvorstellungen - vor den Augen der kleinen deutschen Community in Japan zu stigmatisieren.

Diese skandalöse Geschichte ging in der deutschen Gemeinde noch lange Zeit herum und machte das Leben für Edith sicher nicht leichter. So können wir in der Ziehmutter von Edith auch die „böse Schwiegermutter“ aus dem Märchen des oben erwähnten "Aschenputtel" wiederfinden.

Geholfen hat bei der Überwindung solch‘ böser Geschichten sicher auch das bescheidene Auftreten von Edith und ihre bereits erwähnte Ausstrahlung als sympathische und reizvolle junge Frau auf andere Menschen.

Edith und Georg de Lalande pflegten breit gestreuten gesellschaftlichen Umgang in der internationalen und deutschen Ansiedlung in Japan. Dazu gehörte auch der in Japan in der deutschen Community angesehene  Kurt Meissner (siehe zu seinem Leben auch das Lebensbild  Siegfried und Anna Berliner). Kurt Meisner war Ediths Cousin - wie es in  seinen Memoiren(7) heisst. Meissners Vater und andere seiner Verwandten hatten mit den in Leipzig wohnenden Pitschkes engen Kontakt gepflegt.

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Aber wieder ereilte Edith de Lalande nach relativ kurzer Ehe von nur 9 Jahren mit Georg de Lalande unabwendbares Unglück: Ihr Ehemann verstarb nach einer Geschäftsreise nach Seoul in Korea, wo er sich eine Infektion geholt hatte, ganz plötzlich kurz nach seiner Rückkehr nach Tôkyô am 5.August 1914. Nach Wissen der oben erwähnten deutschen Nachfahren von Edith und Georg de Lalande hatte der mit Alkoholproblemen und Depressionen kämpfende Architekt jedoch seinem Leben selbst eine Ende gesetzt.

Seine Grabstelle ist unbekannt. Es wird aber vermutet, dass Edith seine Urne nach Deutschland mitnahm und im Grab seines Vaters in  Hirschberg in Schlesien (heute  Polen: Jelina Góra, damals   preußische Provinz Schlesien), dem Heimatort ihres Mannes, zur letzten Ruhe legte.

Ein weiterer schwerer Schicksalsschlag für die junge deutsche Witwe war, dass einige Tage vor dem Todestag ihres Mannes der 1. Weltkrieg ausgebrochen war. Damit begann die in Japan „ Deutsch-Japanischer Krieg"  日独戦争  genannte kriegerische Auseinandersetzung. Diese brachte nach der freundschaftlich-engen Verbindung beider Völker seit Einsetzen der Modernisierung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts und der technologisch-wissenschaftlichen Hilfe, die das Deutsche Reich hierzu geleistet hatte, einen tragischen Einschnitt in das traditionell sehr gute Verhältnis beider Länder.

Die neue politische Konstellation schlug sich im Schicksal vieler Japaner in Deutschland, aber auch Deutscher in Japan nieder. Für Georg de Lalande und seine Ehefrau Edith, denen ihr japanisches Gastland persönlich und beruflich eine chancenreiche Plattform zu einem sorglosen und erfolgreichen Leben geboten hatte, brach die private Welt zusammen: Georg de Lalande war kurz vor seinem Tode im Lebensalter von Anfang 40 ein in Japan, in dem von Japan annektierten Korea und in China anerkannter und erfolgreicher Architekt. Seine 27jährige Ehefrau Edith blieb plötzlich mit ihren fünf Kindern allein zurück in einem Land, in dem die hoch geachtete deutsche Familie plötzlich zu den Feinden gezählt wurde.

Auf einem englischen Schiff kehrte Edith de Lalande mit den halb verwaisten Kindern über Marseilles nach Deutschland zurück, das schöne Familienleben der de Lalande in Japan für immer hinter sich lassend. Wie verzweifelt und ohne Hoffnung muß diese junge Frau auf dieser Fahrt gewesen sein!


3. Ediths dritter Lebensabschnitt beginnt mit der Rückkehr nach Deutschland


Nach der Georg de Lalande-Biographie von Hirose(3) und den Aufzeichnungen von dem erwähnten Enkel von Edith aus ihrer zweiten Ehe, Shigehiko Tôgô(10), ließ sie sich nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 1914 mit ihren fünf Kindern zunächst im bereits genannten Hirschberg, dem Heimatort ihres verstorbenen Mannes in Schlesien, nieder.

 

Was für ein menschlicher Absturz durch vermutlich wenig gute Erinnerungen an ihr deutsches Heimatland, das sie als uneheliches Waisenkind verlassen hatte, und nachdem sie als junge Ehefrau und Mutter in Japan endlich ein glückliches Familienleben erlebt hatte!

Nicht nur lag die Ungewissheit des beginnenden 1. Weltkrieges vor ihr.

Sie wird auch in der - propagandistisch gegen ihr japanisches Gastland, das Deutschland den Krieg erklärt hatte, aufgeheizten - Atmosphäre mit ihren schönen Erinnerungen gerade an dieses Land auf Ablehnung und Misstrauen gestoßen sein.

 Quelle Foto rechts

Hinzu kam, daß es Edith de Lalande nicht gelang, hier eine Basis für den Lebensunterhalt für ihre Familie aufzubauen und langfristig zu gewährleisten. Edith brachte daher ihren Sohn Guido und die älteste Tochter Ursula in zuverlässigen deutschen Familien unter und zog mit den restlichen drei Töchtern Otti, Yuki und Heidi in einen Ort nahe Potsdam.

Nach zwei Jahren gelang es Edith materielle Unterstützung der Wohlfahrtsorgani-sation " Johannaheim" (Tôgô 10) zu erhalten und ihre drei Töchter dort unterzubringen. Dieses Heim war von dem Unternehmer und großen jüdischen Mäzen  Eduard Arnhold (1849-1929), der in Berlin den schlesischen Steinkohlehandel kontrollierte, als Stiftung gegründet worden. Da einige der Familienmitglieder Arnhold in Leipzig im Bankgewerbe tätig waren, könnte eine persönliche Beziehung zu dem erwähnten Ziehvater von Edith, Adolph Pitschke, bestanden haben (siehe: Michael Dorrmann: "Eduard Arnhold", Akademie Verlag, Berlin 2002, Seite 115 ff), die Edith nun zu nutzen vermochte.

Sie selbst fand in einem Pfarrershaushalt als Kindermädchen in dem Dorf  Tohndorf eine Stelle. Hierhin auf das Land, wo es in den Notzeiten der Kriegs- und Nachkriegsära noch genügend zu essen gab, konnte sie an manchen Tagen auch ihre Kinder holen und deren im Heim immer schlechter werdende Nahrungssituation ausgleichen.

Nach Hirose (3) habe Edith de Lalande dann aber in der Berliner japanischen Botschaft eine Anstellung gefunden. Dort habe sie  Shigenori Tôgô   東郷茂徳, der an die Botschaft als Diplomat bis 1921 delegiert worden war, kennen gelernt. Ediths Enkel, Shigehiko Tôgô, schreibt in seinem Buch(10), dass Edith auf Vermittlung des deutschen Diplomaten  Wilhelm von Radowitz, den Edith in der Deutschen Botschaft Tôkyô kennengelernt hatte, als Assistentin von Shigenori Tôgô beschäftigt worden war.

Nach Shigehiko Tôgô gibt es auch die Vermutung, dass Edith von einer deutschen Zeitung um Abfassung eines Berichtes zum japanischen Familienleben gebeten worden sei, von dem Shigenori Tôgô so beeindruckt gewesen sei, dass er Kontakt zu ihr aufgenommen habe. Dieser Artikel liess sich leider bisher nicht auffinden.

Wie dem auch sei, Shigenori Tôgô, damals 37 Jahre alt, und Edith de Lalande, 33 Jahre, wurden bald ein unzertrennliches Liebespaar, das zusammen zog. Damit konnten Edith de Lalande und mit ihr auch ihre Kinder aus der ersten Ehe wieder an die für sie so segensreichen Jahre in Japan anknüpfen.

Shigenori hatte ursprünglich allein im Berliner  Hotel Fürstenhof logiert.


In der Folge mietete Shigenori dann zunächst für Edith und sich eine Wohnung in der Neuen Ansbacher Strasse in Stadtmitte in Berlin an. Bis zum 1. November 1962 hieß so das  Teilstück der heutigen Ansbacher Straße zwischen der Geisbergstraße und der Motzstraße.

Anschließend wechselte er jedoch in eine von dort und damit von seinem Arbeitsplatz entfernter gelegene Villa im romantischen Ambiente von Zehlendorf in der Albertinenstrasse, in die er mit Edith und allen ihren fünf Kindern aus der Ehe mit Georg de Lalande in einer heute noch existierenden Villa zusammen einzog.

(Zum Vergrössern bitte die Bilder anklicken)


Das unverheiratete Paar soll dort ein glückliches Familienleben geführt haben. Die Kinder riefen den japanischen Lebensgefährten ihrer Mutter mit einer Verniedlichung seines Vornamens Shigenori: "Shigechen" (= "Shigelein" oder "Shigelchen") - was sich erst änderte, als dieser später als Botschafter in Berlin eine zu große Respektsperson wurde (Tôgô 10).


4. Frau des japanischen Botschafters und Aussenministers


Tôgô machte Edith nach seiner Rückversetzung von der japanischen Botschaft in Berlin in das Außenministerium in Tôkyô einen Heiratsantrag. Bei seiner Rückversetzung nach Japan hatte sich das Paar zunächst getrennt, da die für eine interkulturelle Heirat zu überwindenden Schwierigkeiten für den japanischen Karriere Diplomaten und eine verwitwete deutsche Mutter mit 5 Kindern aus erster Ehe unüberwindlich erschienen. Der Krieg zwischen Japan und Deutschland lag ja erst wenige Jahre zurück!

Doch gewann Shigenori Tôgô auf der Rückreise die Überzeugung, daß Edith für sein Leben eine existentielle Bedeutung bekommen hatte. In keinem Fall wollte er auf eine Heirat und einen gemeinsamen Lebensweg mit ihr verzichten. Wie er schreibt, habe sie seinem alltäglichen Leben eine feste Grundlage gegeben, durch ihre unaufgeregte Art sein anstrengendes Berufsleben auch familär zu meistern geholfen und durch ihre religiöse Überzeugung seine seelische Unausgeglichenheit besänftigt (Tôgô(10), S.62).

Die junge, unschuldige Muse Edith, die auf den erfahrenden Architekten Georg de Lalande eine solche Anziehungskraft ausgeübt hatte, dass auch er sein Schicksal an sie gebunden hatte, war nun durch schöne, aber auch so bittere Erfahrungen ihres Lebens zu einer reifen Frau und Mutter geworden, von der der hochrangige japanische und Lebens erfahrene Diplomat Shigenori Tôgô sein Dasein nicht mehr trennen wollte.

Er bat daher mit Unterstützung einiger  einflußreicher japanischer Weggefährten in hohen staatlichen Positionen um eine offizielle Erlaubnis bei dem damaligen japanischen Außenminister, Edith de Lalande zu heiraten. Dem Antrag wurde am 27.10.1923 stattgegeben.


Die Eltern Tôgôs sollen jedoch zunächst gegen diese Ehe gewesen sein. Shigenori war als Diplomat der Stolz der Familie geworden. Als ältestem Sohn in der koreanisch stämmigen Familie, die es gerade - im Korea abwertenden - Japan zu etwas gebracht hatte, kam ihm bei der Bewahrung der erreichten gesellschaftlichen Stellung eine Schlüsselrolle zu. Dafür hatte die Familie Tôgô ihrerseits zahlreiche Versuche unternommen, ihrem Sohn eine Braut aus entsprechender japanischer Familie zu vermitteln, ohne Erfolg allerdings.

Letztlich blieb jedoch auch der Tôgô Familie nichts anders übrig als ihren Widerstand aufzugeben, so dass Edith ihren zweiten Ehemann im Jahr 1922  im Imperial Hotel in Tôkyô endlich heiraten konnte.

Mit der Eheschliessung siedelte Edith nach Japan über. Die fünf  Kinder aus erster Ehe mit Georg de Lalande liess sie in Deutschland in Internaten oder bekannten Familien zurück - vermutlich aus pädagogischen Gründen und da auf sie ein Diplomatenleben wartete, in dem sie mit ihrem Mann häufig den häuslichen Standort in der ganzen Welt wechseln musste.

Ihr Verhältnis zu ihren deutschen Kindern blieb jedoch auch nach der Heirat mit ihrem zweiten, japanischen Ehemann gut, denn es lässt sich eine rege Kommunikation feststellen. So zog zum Beispiel die älteste Tochter aus ihrer ersten Ehe, Ursula de Lalande, mit dem Ehepaar Tôgô und deren noch sehr junger gemeinsamer Tochter Ise zusammen nach Washington, als Shigenori Tôgô an die dortige japanische Botschaft von 1925 bis 1926 auf Posten entsandt wurde.

Als er dann später zu seinem zweiten Einsatz von 1929 bis 1932 als Gesandter nach Berlin geschickt wurde, wurde wieder eine Wohnstätte - diesmal etwas näher an der Botschaft in Stadtmitte - angemietet, in der das Ehepaar Shigenori und Edith Tôgô mit den de Lalande - Kindern einträchtig zusammenlebte.

 

Residenz des japanischen Botschafters Shigehiko Tôgô und seiner Ehefrau Edith in Berlin-Grunewald, Humboldt-Straße.


Im Jahr 1937 kehrte Shigenori Tôgô zusammen mit seiner Frau Edith als japanischer Botschafter nach Berlin zum dritten Mal zurück.

Ankunft des neuen japanischen Botschafters in Berlin 1937: in der Mitte Botschafter Shigenori Tôgô, rechts neben ihm seine deutsche Ehefrau Edith Tôgô; links neben ihm die gemeinsame Tochter Ise Tôgô. (Unbekannte Quelle des Fotos aus einer japanischen Loseblattsammlung)


Der japanische Botschafter und seine deutsche Ehefrau lebten diesmal gesondert von ihren Kindern, von denen die vier, jetzt zwischen 25 und 31 Jahre alten de Lalande-Töchter Otti, Yuki, Heidi und Ursula ihr eigenes Leben aufgebaut hatten:

Otti war verheiratet und hatte zwei Kinder, Brigitte und Klaus, der nach Mexiko verzog. Yuki heiratete den bekannten Psychologen und Hochschullehrer  Prof. Dr. Kurt Gottschaldt (1902 - 1991). Ihre Söhne waren Matthias und Kai-Michael, die beide ebenfalls Nachkommen in Deutschland haben. Heidi heiratete in Goslar, während Ursula unverheiratet in München leben soll.

Alle vier Töchter Ediths und Georg de Lalandes und ihre Familienangehörigen kamen als junge Menschen oft in die japanische Botschaft und wurden dort von ihrem Stiefvater, dem japanischen Botschafter Shigenori Tôgô, mit offenen Armen aufgenommen.

Eine Aussenseiterrolle kam allerdings Edith und Georg de Lalandes Sohn Guido zu. Dieser war seit seiner Geburt psychisch behindert. Er geriet nach der erneuten Rückversetzung seines Stiefvaters Shigenori Tôgô und seiner Ehefrau, Guidos Mutter Edith, von Deutschland nach Japan Anfang der 1930er Jahre in eine psychisch kritische Situation.

Shigehiko Tôgô(10) berichtet, dass aus Briefen Guidos an seine Mutter hervor gehe, dass er gerne nach Japan mit umgezogen wäre. Beruflich habe er den Ehrgeiz gehabt, in die Fußstapfen seines Vaters als Architekt zu treten, habe es jedoch nur zum Schreinerberuf geschafft. Vermutlich an seiner psychischen Behinderung leidend, wurde er seit den 1930er Jahren in einem deutschen Krankenhaus stationär behandelt.

Sein früher Tod 1943 dort wird von Shigehiko Tôgô(10) mit dem  Euthanasie-Program der Nationalsozialisten in Verbindung gebracht, nach dem geistig behinderte Menschen ärztlich ermordet wurden (Tôgô(10), S.178). Dass das Krankenhaus in einem Schreiben an die Mutter und die Angehörigen Guido de Lalandes als offiziellen Grund "Herzversagen" als Todesursache angab, war ein übliches Verfahren die Ermordung geistig Behinderter zu vertuschen, zumal sich gegen die nationalsozialistische Euthanasie in der deutschen Bevölkerung Anfang der 1940er Jahre erheblicher Widerstand zeigte.


 Gedenk- und-Informationsort für die Opfer der NS-Euthanasiemorde, Berlin-Tiergarten (zum Vergrößern die Fotos bitte anklicken)

Für die Mutter Edith Tôgô sollen Gespräche über ihren Sohn Guido nach Shigehiko Tôgô(10) auch in der Familie eine "Tabu-Zone" gewesen sein. Sein Schicksal und Verlust muß ein ungeheurer psychischer Schlag für sie gewesen sein, den sie niemals überwinden konnte.

Dazu litt sie erheblich unter der Bürde der offiziellen Aufgabe als Botschaftergattin Japans und soll sich Monate lang depressiv zurückgezogen haben.

Schon vor der Entsendung ihres Mannes als Botschafter war ihre persönliche Vergangenheit von den japanischen Behörden - offensichtlich unter Einschaltung des deutschen Reiches - daraufhin untersucht worden, ob sie für die Aufgaben an der Seite ihres Mannes geeignet sei. Sicher wird sie das als Demütigung empfunden haben. Andererseits zeigt die Tatsache, dass es ihrem Mann von der japanischen Regierung erlaubt wurde, in das vom Rassenwahn durchdrungene Deutschland auf eine derart exponierte Position seine deutsche Frau - wie oben erörtert unter der bis heute umstrittenen Vermutung, sie besitze jüdischen Familienhintergrund - mitzunehmen, dass die Japaner sich nicht von dem verbündeten, nationalsozialistischen Deutschland in ihren Entscheidungen beeinflußen ließen.

Doch in Deutschland wurde dann offensichtlich versucht, die deutsche Frau des japanischen Botschafters herab zu würdigen. So soll nach der Übernahme des Botschafterpostens durch ihren Mann in der deutschen Presse (Berliner Tageblatt, 17.4.1938) süffisant darüber berichtet worden sein, dass nur die japanische Botschaft unter den Berliner Botschaften der vier Achsenmächte eine nicht aus deren Heimatland stammende Botschaftergattin habe und dazu überwiegend europäische Personen beschäftige, während die italienische und spanische Botschaft jeweils ihr eigenes Land und Bevölkerung vollkommen wieder spiegelten (Tôgô (10), S.177f).

Umso mehr ist vor diesem privaten Hintergrund die kosmopolitische und charaktervolle Treue von Shigenori Tôgô zu seiner Ehefrau Edith in dem ideologisch rassistischen Umfeld seines Wirkungskreises in Deutschland und in seinem eigenen Heimatland mit Hochachtung zu bezeugen.

Von links: Edith und ihr zweiter Ehemann, Shigenori Tôgô; älteste Tochter Ediths aus ihrer ersten Ehe mit Georg de Lalande, Ursula de Lalande; einzige Tochter aus der zweiten Ehe mit Shigenori Tôgô, Ise Tôgô (Japanische Fotoquelle aus einer unvollständigen Loseblattsammlung, deren Herkunft bisher nicht identifiziert werden konnte)

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5. Diplomat und Aussenminister Shigenori Tôgô 東郷茂徳 (1882-1950)

Ein Vorfahre von Shigenori Tôgô aus der Familie Pak (in der Meiji-Zeit geändert in den japanischen Namen Tôgô aus einer Samurai Familie) war unter  Toyotomi Hideyoshi   豊臣 秀吉 (1537 – 1598) als koreanischer Soldat (豊臣秀吉の朝鮮出兵) ca. 250 Jahre vor seiner Geburt in dem  Imjin-Krieg   文禄・慶長の役 nach Japan gelangt. Eine verwandtschaftliche Beziehung dieser Tôgô Familie zu der gleichnamigen Tôgô Familie des berühmten  Admirals Heihachiro Tôgô   東郷平八郎 besteht nicht.

Shigenori Tôgô wurde trotz dieses ethnischen "Malus" der wohl zu Lebenszeit hochrangigste,  koreanischstämmige Amtsträger des japanischen Kaiserreiches neben nur wenigen anderen Beispielen. So wurde er im 2. Weltkrieg zweimal Außenminister Japans (Oktober 1941 - September 1942 und April – August 1945).

Der junge Shigenori hatte ab 1904 „Deutsche Literatur“ an der Kaiserlichen Universität Tôkyô studiert: „ His interest in Germany would define the course of his life.“ Dieses Studium sollte auf sein politisches Denken und Wirken noch Jahrzehnte später große Wirkungskraft entfalten:

Seine Zuneigung zu deutscher Bildungsklassik und Musik setzte ihn in den 1930er Jahren in seiner Zeit als hoher Beamter im japanischen diplomatischen Dienst und als japanischer Botschafter in Deutschland in geistigen und politischen Gegensatz zu den unzivilisierten Kulturzerstörern, den Nationalsozialisten, die zu dieser Zeit die Macht übernommen hatten. Seine Abneigung gegen die nationalsozialistischen Machthaber soll einer der Gründe gewesen sein, dass er, wie oben schon erwähnt, diesen Posten frühzeitig auf deutschen Druck hin verlor. Die vermutlich jüdischen Wurzeln seiner Ehefrau Edith dürften auch eine Rolle gespielt haben.

Auch nach seiner Rückkehr nach Japan war er den offiziellen deutschen Vertretern des nationalsozialistischen Deutschlands in Japan offensichtlich suspekt, wie  Eta Harich-Schneider in ihren Memoiren berichtet: „Am 20.Mai …nahm mich Generalkonsul Balser ins Gebet: Er habe von  Ott   オイゲン・オッ(=damaliger deutscher Botschafter in Japan) den Auftrag, mich vor japanischen Diplomaten, ganz besonders aber vor Außenminister Togo und dessen Familie, zu warnen. Togo sei ein deutschfeindlicher Kriegsgegner.“ (Harich-Schneider (2), S.235).

Zu Beginn seiner diplomatischen Laufbahn waren die ersten Auslandsposten von Shigenori Tôgô 1913 Mukden in der Mandschurei, 1916 Bern in der Schweiz und nach dem Ende des 1. Weltkrieges, in dem Japan bekanntlich gegen Deutschland kämpfte, im Jahr 1919 Berlin in Deutschland. Der Botschafterposten wurde dort durch Japan erst 1921 wieder besetzt.

In Berlin lernte Shigenori in dieser Zeit, wie oben erwähnt, seine zukünftige Ehefrau, Edith de Lalande, geb. Giesecke, kennen.

Von 1926 bis 1929 war er in die japanischen Botschaft in Washington in den Vereinigten Staaten von Amerika versetzt, anschließend von 1929 bis 1932 wieder in die japanische Botschaft in Berlin entsandt.

Japanische Botschaft vor 1945 (Japanische Fotoquelle aus einer unvollständigen Loseblattsammlung, deren Herkunft bisher nicht identifiziert werden konnte)


Nach seiner Rückkehr aus Berlin wurde Shigenori Tôgô die Leitung des Europa-Amerika-Büros im japanischen Außenministerium in Tôkyô überantwortet.

Von 1937 bis 1938 wurde er zum japanischen Botschafter in Berlin bestallt - sein dritter Einsatz in Deutschland.

In diese Zeit fielen die Planungen zum Umzug der japanischen Botschaft in das neue  Gebäude in der  Tiergartenstrasse in Berlin, an dessen Konzeption nicht nur der japanische Botschafter selbst sondern auch seine Frau Edith Tôgô aktiv mitgewirkt haben sollen (Tôgô (10), S.173). Nach dem 2. Weltkrieg wurde das beschädigte Gebäude wieder aufgebaut und ab November 1987 durch das  Japanisch Deutsche Zentrum Berlin (DJZB) benutzt. Nach der Wiedervereinigung zog die Japanische Botschaft von Bonn wieder nach Berlin in das Gebäude zurück.

Von November 1938 bis Oktober 1940 folgte die Ernennung Tôgôs zum japanischen Botschafter in der UdSSR.

Von Oktober 1941 bis September 1942 schließlich wurde Shigenori Tôgô als Außenminister in das  Kabinett Tôjô  東條内閣 berufen.

Die zweite Amtszeit als Außenminister folgte kurz vor Ende des 2. Weltkrieges von April bis August 1945 im Kabinett  Kantarô Suzuki  鈴木貫太郎.

Nach dem Krieg wurde Shigenori Tôgô 1948 durch den  Internationalen Militärgerichtshof für den Fernen Osten ( Kyokutô Kokusai Gunji Saiban 極東国際軍事裁判) als Kriegsverbrecher der Klasse A angeklagt und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt.

Er fand jedoch „in der Geschichtsschreibung allgemein eine milde Beurteilung, die einerseits von seinen Ausgleichsbemühungen vor Ausbruch des Pazifischen Krieges  und seiner Suche nach einem Friedensschluss 1945 herrührte, andererseits aber auch ein Produkt der im Gefängnis verfassten apologetischen Memoiren war. Dokumente, die einer kritischen Überprüfung seiner Tätigkeit bis 1945 dienen könnten, sind äußerst spärlich.“ Der Historiker Gerhard Krebs stellt „die ketzerische Frage…ob dieser Mangel eigentlich Zufall ist. Jedenfalls war es Tôgô selbst gewesen, der zur Zeit der großen Aktenverbrennung bei Kriegsende das Amt des Außenministers bekleidet hatte“ (Krebs).

Gerhard Krebs vermutet, dass Shigenori Tôgô unter seinem „doppelten Makel – unjapanische Herkunft und Aufnahme in den Samuraistand durch einen ‚Kunstgriff -‘ gelitten“ habe und daher zeitlebens „als schweigsam, eigensinnig, verletzlich, aufbrausend, ernst und zur Eigenbrötelei neigend“ gegolten habe: „Offenbar als Kompensation entwickelte er einen extremen Ehrgeiz und setzte sich selbst unter Erfolgsdruck.

Selbst wenn diese Charakterzuschreibungen zutreffend gewesen sein sollten, könnte man solche Eigenschaften ebenso gut auch angesichts der schlechten Startchancen von Shigenori Tôgô als in Japan geborener Koreaner und des extrem turbulenten historischen Umfeldes seiner Lebenszeit durchaus positiv interpretieren.

Die -  selbst persönlich umstrittene und schillernde - Musikerin Eta Harich-Schneider  schreibt in ihren Erinnerungen an Japan von ihrem engen Kontakt zur Familie Tôgô und betonte die „Freundlichkeit“, die sie durch diese erfahren habe (Harich-Schneider (2), S.304). Noch 1957 berichtet sie anlässlich eines Besuches in den USA von einem „erfreulichen Wiedersehen mit Ise Togo (=Tochter von Edith und Shigenori Tôgô).“ (Harich-Schneider (2), S.409)

Auch die gegen familiäre, gesellschaftliche und politische Widerstände durchgesetzte, individuell sehr tapfere Heirat Shigenori Tôgôs mit seiner deutschen Ehefrau Edith in einer Zeit, in der solch' transkulturellen Ehen in Japan ihre zustimmende Akzeptanz gesellschaftlich eingebüßt hatten, und das offenbar sehr gute Zusammenleben des Ehepaares Tôgô bis hin in die schwierige Zeit nach der Kriegsniederlage Japans 1945 und dem tiefen Fall der ehemaligen Machthaber Japans nach dem 2. Weltkrieg sprechen für Tôgos kosmopolitischen und geistig unabhängigen Charakter. Sicher war solch' eine Persönlichkeit auch von großem Ehrgeiz befeuert. Aber seinen steilen Karriereweg hatte er wohl kaum zu Lasten seiner persönlichen Grundüberzeugungen beschritten.

Tôgô weist nur an wenigen Stellen in seiner Autobiographie auf seine deutsche Frau hin. Aber in den Erinnerungen seines schon verschiedentlich zitierten Neffen Shigehiko Tôgô an seinen Großvater(10) werden einige Passagen aus privaten Notizen Shigenori Tôgôs zitiert, die dessen ungewöhnlich tiefe Zuneigung und Hochachtung für Edith belegen. Auch lässt sich seine außerordentliche Wertschätzung Ediths über den emotional familiären Lebensbereich hinaus auch aus professionellen Umfeld heraus folgern: Shigenori Tôgô war stets von seiner deutschen Frau begleitet. Ihr war - zusammen mit der gemeinsamen Tochter Ise - im gesellschaftlichen Auftreten des hohen Diplomaten und Außenministers eine zentrale Rolle durch ihr persönliches Auftreten zugewiesen (Shigehiko Tôgô(10) ).

Dies galt besonders auch während der  Verhandlungen der Kriegsschuld von Tôgô während der Tokioter Kriegsverbrecherprozesse. Die erwähnte Eta Harich-Schneider, die bei den Verhandlungen teilweise als Zuschauerin anwesend war, berichtet: „Still und blaß, in königlicher Haltung, thronte Frau Togo auf dem Zuschauerbalkon. Neben ihr unerschütterlich als Adjudant Iseko (=Tochter von Edith und Shigenori Tôgô), die schon sehr jung eine von Klugheit begleitete Lebensruhe besass. …Bei jedem Auftritt warf Togo einen schnellen Blick auf die Zuschauertribüne. Frau und Tochter haben ihn nicht ein einziges Mal enttäuscht.“ (Harich-Schneider (2), S.308).

Edith Tôgô habe unermüdlich versucht, ihrem Mann in den Verfahren von Außen zu helfen: „Frau Edith klammerte sich erklärlicherweise an jeden Strohhalm.“ (Harich-Schneider (2),S.310).

Leider vergeblich.


Shigenori Tôgô verstarb 1950 an Gallenblasenentzündung im Gefängnis.

Familiengrab Tôgô; (Wiedergabe rechtes Foto mit freundlicher Genehmigung von Edda Gottschaldt)

Das Grab von Edith Tôgô, verwitwete de Lalande, geb. Giesecke (Plitschke), in Japan
(Foto mit freundlicher Genehmigung von Frau Edda Gottschaldt)





Das Grab des weltläufigen Diplomaten und Außenministers ist auf dem großen  Aoyama Friedhof in Tôkyô ausgehoben worden, auf dem so viele von Japans berühmtesten Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe fanden, und die Japans Eintritt in die Moderne unterstützten.

Gleichzeitig ist das dortige Grab seiner Ehefrau eindrucksvolles Manifest des außergewöhnlichen Lebensweges der Deutschen Edith Giesecke aus Lehrte in die große Welt bis nach Japan.

Nicht zufällig auch haben sie und ihre Tochter Ise Tôgô ihr Grab in nächster Nachbarschaft erhalten zu dem Teil des Friedhofes, auf dem zahlreiche bedeutende Ausländer aus aller Welt, vor allem auch aus Ediths Heimatland, Deutschland, begraben wurden. Jeder, der an der deutsch-japanischen Erinnerungskultur Interesse hat, sollte diesen idyllischen und geschichtsmächtigen Gedenkort in Japans Hauptstadt besuchen.

 




6. Ise (Iseko) Tôgô イセ 「イセ子」 東郷 (8.12.1923 - 31.7.1997) und deren Nachfahren

Ise Tôgô war das einzige Kind von Edith und Shigenori Tôgô.

Ise wurde von früh an von ihren deutsch-japanischen Eltern auf deren diplomatischen Posten Moskau, Washington und mehrfach Berlin in ein internationales gesellschaftliches Leben eingeführt. Sie besuchte amerikanische, deutsche und japanische Schulen ( Sacred Heart School  聖心学校) und sprach eher Deutsch und Englisch als Japanisch.

Ihrem Vater war sie offensichtlich - wie sie selbst in ihrem autobiografischen Buch berichtet (Ise Tôgô(11) ) - sehr verbunden und wurde von ihm nicht selten um ihren Rat befragt. In politische Hintergründe des Handelns des bedeutenden Botschafters und Aussenministers Shigenori Tôgô, ihres japanischen Vaters, war sie nicht selten eingeweiht (Ise Tôgô (11) ).

Nicht auszuschließen ist, daß der kluge Vater durch die Erziehung seiner Tochter Ise solche Fähigkeiten seiner geliebten deutschen Ehefrau in seinem offiziellen Leben auszugleichen versuchte, die diese von ihrem Herkommen und Lebenslauf her nicht entfalten konnte. Dass sich Edith Tôgô solch' persönlicher Defizite klar war, geht aus der obigen Erörterung ihrer Rolle als Botschaftergattin in Berlin hervor.

Ise Tôgôs Heirat mit dem Berufsdiplomaten Fumihiko Honjo  東郷文彦 (1915 -1985) schloß sich ihrer Jugendzeit, man möchte meinen, folgerichtig, an. Ihr Mann wurde mit der Heirat in die Familie Tôgô adoptiert, was in Japan nicht ungewöhnlich ist. Er nahm damit den Familiennamen Tôgô an.

Diese Ehe bedeutete für Ise Fortsetzung des kosmopolitischen Lebens mit ihren Eltern bis hin in die Zeit nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Ise begleitete ihren Mann auf  zahlreiche Botschafterposten, u.a. in den Vereinigten Staaten.

Als USA-Spezialist - er hatte schon vor 1945 dort u.a. an der Harvard Universität studiert - war der Diplomat und hohe Beamte im Außenministerium, der es bis zum Stellvertretenden Außenminister (Vice Foreign Minister) brachte, Fumihiko Tôgô, einer der einflußreichsten japanischen Gestalter der japanisch-amerikanischen Beziehungen der Nachkriegszeit. Mit zahlreichen  amerikanischen Präsidenten verhandelte er offiziell und verkehrte mit ihnen auch persönlich freundschaftlich, wobei auch Ise, die sich zu einer auffallend eleganten und vornehmen Persönlichkeit entwickelt hatte, mit eingeschlossen war.

In der amerikanischen Zeitung "The News and Courier" vom 19. Mai 1976 ist zu Ises Auftreten anlässlich eines Empfanges zum Geburtstag des Tenno als Gattin des japanischen Botschafters vermerkt, dass sie die erste japanische Botschaftergattin in den USA sei, die anstatt des Kimono ein westliches Kleid getragen habe: "...and it's about time...The daughter of a German mother and Japanese father, who served as ambassador in several countries, up-to-date Ise Togo has been a liberated Japanese wife for several years." Ihre westlich japanische Mode verdankte sie  Hanae Mori   森 英恵.

Ise Tôgô (links); US-Präsident Ford im Gespräch mit Ise Tôgô  (rechts)
(Japanische Fotoquelle aus einer unvollständigen Loseblattsammlung, deren Herkunft bisher nicht identifiziert werden konnte)

 


Darüberhinaus öffnete die Familie ihres Ehemannes Fumihiko seiner Frau Ise auch eine für sie sicher bisher weniger vertraute Tür in die japanische Tradition:

Zu Fumihiko Tôgô und seiner Familie Honjo berichtet Eta Schneider-Harich in ihren Memoiren in diesem Zusammenhang: „Er rezitierte Nô und sang mit schöner lockerer Stimme japanische Lieder. Sein Vater hatte immer dafür gesorgt, dass  Nô-Rezitation, utai   , in der Familie gepflegt wurde“. ( Harich-Schneider (2), S.311). An anderer Stelle berichtet sie von einem Abend im Hause der Tôgô, während dem „die Familie mit verteilten Rollen 3 Noh-Dramen“ rezitierte und der „alte Vater Hojo“ (korrekter Name ist: "Honjo") ganz ausgezeichnet gewesen sei: „Sein Samuraiherz schmolz in Tränen bei der Geschichte des Sanno Tsuneyo, was sein Sohn Fumihiko dazu veranlasste, ihm – auf deutsch – im trockensten Ton zu sagen: ‚Du bist besoffen.‘ “ (Harisch-Schneider (2), S.376)

Der Ehe von Ise und Fumihiko Tôgô entstammen Zwillingskinder, von denen Kazuhiko Tôgô   東郷 和彦 (geb.1945) die berufliche Tradition im japanischen Auswärtigen Dienst Japans wie sein Großvater Shigenori und sein Vater Fumihiko Tôgô fortsetzte, während der oben mehrfach zitierte Shigehiko Tôgô Journalist wurde.

Ise Tôgô ist, wie bereits erwähnt, zusammen mit ihrem Ehemann Fumihiko Tôgô und ihrer Mutter Edith Tôgô auf dem  Aoyama Friedhof in Tôkyô neben dem Grab ihres berühmten Vaters, Shigenori Tôgô, beigesetzt.


Schluß

Edith Tôgô, verwitwete de Lalande, verwitwete Tôgô, geb. Giesecke (adoptierte Pitschke), hat das Auf- und Ab eines menschlichen Lebens - Licht durchflutetes Funkeln in verderblich dunklen Tiefen des Lebensflusses - in extremer Ausprägung erfahren müssen. Unauffällig bescheiden, gepaart mit starkem Willen bei ungewöhnlicher Anpassungsfähigkeit und sensiblen Einfühlungsvermögen in andere Menschen, divergierende kulturelle Gegebenheiten und die Wechselfälle der Geschichte hat sie ihr Dasein bravourös gemeistert.

Von Geburt an war sie schwer durch die gesellschaftlichen Umstände in provinzieller Enge des Deutschen Kaiserreiches schuldlos benachteiligt. Aber gerade ihre Aufnahme in eine Pflegefamilie nach dem Tod ihrer in den Selbstmord getriebenen Mutter wies ihr dann einen wundersamen Weg in eine bei ihrer Geburt unvorstellbare gesellschaftlich weitläufige Dimension. Dieser Pfad führte sie um die halbe Erde nach Japan, das für sie zweimal Ort des Ausweges aus tragischer Situation werden sollte - wie ein gefühlter Garten Eden.

Doch auch auf dieser goldenen Spur lauerten immer wieder ungnädige Schicksalsschläge: Schon im jugendlichen Alter zerstörte der Tod völlig unerwartet ihre erste, romanhaft romantische Liebesehe mit dem erfolgreichen jungen deutschen Architekten Georg de Lalande in Japan. Sie musste ohne jede Vorbereitung  plötzlich, ganz allein auf sich gestellt, in einer zusammenbrechenden privaten und globalen Weltkrise mit fünf kleinen Kindern aus dieser Ehe überleben.

Denn genau zu diesem menschlichen Tiefpunkt in Ediths Leben brach mit dem 1. Weltkrieg, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, aus. Ihr neues Heimatland Japan wandelte sich über Nacht in Feindesland. Ungeliebt wie bei ihrer Ausreise aus Deutschland wurde die Flüchtige in der eigenen Heimat mit ihren vielen kleinen Kindern keineswegs willkommen aufgenommen.

Nach harten Jahren des Überlebenskampfes im Deutschland der Kriegs- und Nachkriegswirren wies ihr jedoch ein diesmal gnädiges Schicksal noch einmal einen Ausweg, wieder nach Japan: Mit ihrem zweiten japanischen Ehemann, dem schon in mittleren Jahren stehenden Diplomaten und zweimaligen Aussenminister seines Landes, Shigenori Tôgô, der wie sie selbst aus einer in seinem Heimatland diskriminierten Minderheit stammte, stieg sie gemeinsam in ein internationales großbürgerliches Umfeld der höchsten staatlichen und politischen Kreise auf. Doch auch hier wurde sie mit der Ermordung  ihres Sohnes durch die deutschen Nationalsozialisten und dem jähen Absturz ihres zweiten Mannes mit Ende des 2. Weltkrieges und seinem frühen Tod in einem japanischen Gefängnis von verhängnisvoller Tragik eingeholt.

Welch Hochachtung muss man dieser Frau im deutsch-japanischen Beziehungsgeflecht auf persönlichen und öffentlichen Ebenen entgegen bringen!


Literaturverzeichnis


(1) f.kaidofudo.exblog   Blog mit Fotografien der Gebäude Georg de Lalandes in Japan


(2) Harich-Schneider, Eta: „ Charaktere und Katastrophen. Augenzeugenberichte einer reisenden Musikerin“, Ullstein: Berlin, Frankfurt am Main, Wien, 1978


(3) 広瀬毅彦  「既視感・デシャブ・の街へ・ロイヤルアーキテクトゲオログ・デラランデ・新発見作品集」 Hirose, Takehiko: „Zu Stätten 'déjà vue'. Königlich preussischer Architekt Georg de Lalande. Sammlung neu entdeckter (Bau)werke “  edition winterwork: Borsdorf: 2012


(4) 広瀬毅彦 [ 風見鶏 謎解きの旅 ] 神 戸新聞総合出版センター、神戸市、2009年 (Hirose Takehiko: "Kazamidori Nazatoki no Tabi", Kobe Shinbun Sôgôshuppan Sentâ, Kobe, 2009/Takehiko Hirose: "Reise zur Auflösung des Rätsels um das Haus mit dem Wetterhahn", Kobe 2009)


(5)  伊奈久喜「戦後日米交渉を担った男 外交官・東郷文彦の生涯」、中央公論新社、2011年 (Ina Hisayoshi: "Sengo Nichibeikôshô wo ninatta otoko, Gaikôkan, Tôgô Fumihiko no Shogai/Der Mann, der nach dem Krieg die japanisch-amerikanischen aussenpolitischen Beziehungen gestaltete. Der Diplomat: Der Lebenslauf von Fumihiko Tôgô), Chuokoron-Verlag 2011)
 bei Amazon



(6) Krebs, Gerhard: "Tôgô Shigenori Kinenkai hen: Gaishô Tôgô Shigenori. 2. Bd. Tôkyô, Hara Shôbo 1985. Band 1: Tôgô Shigenori: Jidai no ichimen - Tôgô Shigenori gaikô shuki; Band 2: Hagihara Nobutoshi: Tôgô Shigenori - denki to kausetsu". OAG-Buchbesprechungen, 1.Mai 1986


(7)  Meissner, Kurt: "60 Jahre in Japan. Lebenserinnerungen von Kurt und Hanni Meißner". Privatdruck, Tokyo 1961
 Abruf- und lesbar in der kostenfreien Digitalen Bibliothek der OAG


(8) 東郷文彦「日米外交三十年 安保・沖縄とその後」、世界の動き社, 1982 / 中公文庫,1989 (Tôgô Fumihiko: "Nichibeigaikôsanjûnen Sanjunen, Anpô, Okinawa to sonogo/30 Jahre japanisch-amerikanische Aussenpolitik, Sicherheitsvertrag, Okinawa und danach", Sekai no Ugoki Verlag 1982)
 bei Amazon



(9) Tôgô Fumihiko: " My Conversations with America", Embassy of Japan, 1980


(10) 東郷茂彦、「祖父東郷茂徳の生涯」、1993年  (Tôgô, Shigehiko: „Das Leben meines Großvaters Shighiko Tôgô", 1993)
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(11) 東郷イセ子、「色無き花火・東郷茂徳の娘が語る昭和の記憶」、1991年 (Tôgô Iseko:„Ironaki  hanabi: Togo Shigenori no musume ga kataru 'Showa' no kioku/"Farbloses Feuerwerk. Erinnerungen an die Showa-Epoche der Tochter von Shigenori Tôgô", 1991)
 bei Amazon


(12) 東郷茂徳 「時代の一面・大戦外交の手記」、初刊(改造社、1952年)/ 原書英訳版,独訳版 (Tôgô Shigenori Kinenkai hen: Gaishô Tôgô Shigenori. 2. Bände, Tôkyô, Hara Shôbo 1985: Band 1: Tôgô Shigenori: "Jidai no ichimen - Tôgô Shigenori gaikô shuki"; Band 2: Hagihara Nobutoshi: "Tôgô Shigenori")


(13) Tôgô Shigenori: " Japan im Zweiten Weltkrieg. Erinnerungen des japanischen Außenministers 1942 bis 1945“. Athenäum-Verlag: Bonn,1958 (deutsche Übersetzung von Egon Heymann der englischen Ausgabe: Tôgô, Fumihiko und Blakeney, Ben.B.:„The Cause of Japan“, Simon & Schuster, New York, 1956)


Informationen&Quellen 参考文献

















 Quelle Foto
des Diplomaten und Außenministers Japans im 2. Weltkrieg, Shigenori Tôgô